Der einstige Sanierungsfall aus Essen legt einen Lauf hin, den vor Jahresfrist kaum jemand für möglich gehalten hätte. Seit Jahresbeginn steht ein Kursplus von rund 65 Prozent zu Buche, getrieben von einer Mischung aus regulatorischem Rückenwind und operativen Fortschritten. Nun kommt neue Unterstützung ausgerechnet aus Brüssel.
Neue EU-Regeln stärken die Stahlsparte
Seit vergangenem Freitag gelten feste Importquoten und Mindestpreise für Elektrobandstahl in der EU. Wer diese Mengen überschreitet, muss künftig 3.500 Euro Strafzoll pro Tonne zahlen. Für die Stahlsparte TKSE, einen der wenigen verbliebenen europäischen Hersteller dieses Spezialmaterials für Transformatoren und Stromleitungen, ist das ein handfester Wettbewerbsvorteil gegenüber asiatischer Konkurrenz.
Der Zeitpunkt passt: Kurz nach Inkrafttreten der Regelung steht der Kapitalmarkttag der Stahlsparte an. Die Sparte hat bereits vorgelegt und ein mittelfristiges Ziel von mindestens 1,2 Milliarden Euro EBITDA bei einer Marge von über 11 Prozent in Aussicht gestellt.
Die laufenden Restrukturierungsmaßnahmen sollen dazu mehr als 800 Millionen Euro beitragen. Von den rund 11.000 geplanten Stellenstreichungen sind bereits etwa 4.000 vollzogen, die Trennung von den Hüttenwerken Krupp Mannesmann wurde diesen Sommer abgeschlossen.
Zahlen bestätigen den Trend
Auch das dritte Geschäftsquartal untermauert die positive Entwicklung. Der Umsatz kletterte um 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT stieg von 155 auf 183 Millionen Euro. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet der Konzern nun mit einem EBIT zwischen 600 und 900 Millionen Euro — deutlich mehr, als noch vor Monaten erwartet wurde.
Das Analystenbild bleibt allerdings gespalten. Jefferies-Analyst Cole Hathorn bekräftigte zwar seine Kaufempfehlung, senkte das Kursziel aber auf 13 Euro und damit unter das aktuelle Kursniveau. Andere Häuser sehen dagegen Ziele oberhalb von 16 Euro. Die Spanne spiegelt unterschiedliche Einschätzungen zur Nachhaltigkeit der aktuellen Rally wider.
Charttechnisch notiert die Aktie nur knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch und deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt. Der RSI liegt bei 78 Punkten und signalisiert eine überkaufte Situation — eine kurzfristige Verschnaufpause wäre nach dem starken Lauf keine Überraschung.
Strategisch treibt der Konzern seinen Konzernumbau parallel voran. Die geplante Verselbstständigung des europäischen Stahlgeschäfts, bei der Thyssenkrupp möglicherweise eine Minderheitsbeteiligung behält, bleibt erklärtes Ziel. Der bevorstehende Kapitalmarkttag der Stahlsparte dürfte zeigen, wie belastbar die angehobenen Ziele tatsächlich sind.
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