Thyssenkrupp Aktie: Der August wird zur Nagelprobe

Thyssenkrupp steht vor richtungsweisenden Monaten: Nucera rutscht in die Verlustzone, der Stahlverkauf ist pausiert, während TKMS neue Aufträge erhält.

Auf einen Blick:
  • Nucera-Umsatz bricht drastisch ein
  • Stahlverkauf an Jindal ausgesetzt
  • Bundestag genehmigt TKMS-Fregattenbau
  • Quartalszahlen Mitte August erwartet

Ausgangslage: Drei Baustellen, ein Kurs

Thyssenkrupp steht vor einem Monat, der über die Richtung der Aktie für den Rest des Geschäftsjahres entscheiden dürfte. Am Donnerstag legte die Wasserstoff-Tochter Thyssenkrupp Nucera vorläufige Zahlen für die ersten neun Monate 2025/26 vor: Der Umsatz brach auf 354 Millionen Euro ein, nach 663 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Das EBIT rutschte von plus 4 Millionen auf minus 69 Millionen Euro. Trotz dieser Hiobsbotschaft schloss die Thyssenkrupp-Aktie am selben Tag mit einem Plus von 2,18 Prozent bei 12,18 Euro – ein Hinweis darauf, dass Anleger die Konzernperspektive derzeit stärker gewichten als das Sorgenkind Nucera.

Parallel dazu hat sich die Lage bei der Stahlsparte verschoben. Ende Juni setzte der Konzern die Verkaufsgespräche mit dem indischen Interessenten Jindal Steel International aus. Als Begründung werden verbesserte Marktbedingungen und EU-Schutzmaßnahmen genannt, der Fokus liegt nun auf einer internen Sanierung statt eines Verkaufs. Auf der Erlösseite sorgt die Marinesparte TKMS für Rückenwind: Der Haushaltsausschuss des Bundestages gab Anfang Juli grünes Licht für den Bau von vier U-Jagd-Fregatten der Klasse 128, an denen Thyssenkrupp maßgeblich beteiligt ist.

Diese drei Entwicklungen – schwacher Wasserstoff-Ausblick, ausgesetzter Stahl-Verkauf, neuer Rüstungsauftrag – laufen genau in dem Moment zusammen, in dem der Konzern über die Zukunft weiterer Konzernteile entscheiden muss.

Die entscheidende Frage: Gelingt die Sanierung ohne Käufer?

Der Kern der Anlageentscheidung liegt nicht in einer einzelnen Kennzahl, sondern in einer strategischen Weichenstellung: Kann Thyssenkrupp die Stahlsparte aus eigener Kraft sanieren, nachdem ein externer Käufer als Option vorerst vom Tisch ist? Ohne den Verkaufserlös und ohne einen strategischen Partner ruht die Last der Restrukturierung allein auf dem Konzern – während gleichzeitig die Wasserstoff-Tochter Nucera operativ tiefer in die roten Zahlen rutscht und Kapital bindet. Der Bericht zum dritten Quartal 2025/2026, der für Mitte August erwartet wird, dürfte erste belastbare Hinweise liefern, ob die „verbesserten Marktbedingungen und EU-Schutzmaßnahmen“ tatsächlich tragen oder nur eine vorübergehende Verschnaufpause markieren.

Bullisches Szenario

Für Optimisten spricht, dass der Kurs trotz der schwachen Nucera-Zahlen stabil blieb und im 30-Tage-Vergleich um 16,56 Prozent zulegte. Die Aktie notiert 20,90 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt und damit in einem intakten mittelfristigen Aufwärtstrend. Der Rüstungsauftrag über vier Fregatten der Klasse 128 verschafft der Marinesparte TKMS eine mehrjährige Auftragsvisibilität, die als Gegengewicht zu den Problemen bei Stahl und Wasserstoff wirken kann. Sollte die interne Stahl-Sanierung im Zusammenspiel mit den EU-Schutzmaßnahmen tatsächlich greifen, entfiele der Abschlag, den ein erzwungener Verkauf unter Zeitdruck mit sich gebracht hätte. Zusätzlich hatten Vorstandsmitglieder, darunter der Vorstandsvorsitzende Miguel Ángel López Borrego, im Februar Aktien zu einem Durchschnittskurs von rund 10,90 Euro erworben – ein historisches Signal aus einer Phase deutlich niedrigerer Kurse, das seinerzeit Vertrauen in die eigene Strategie signalisierte.

Bärisches Szenario: Wenn die Sanierung ins Stocken gerät

Das Risiko liegt in der Kombination aus operativer Schwäche und strategischer Unsicherheit. Der Umsatzeinbruch bei Nucera auf gut die Hälfte des Vorjahreswerts und der Schwenk ins EBIT-Minus zeigen, dass die Wasserstoffsparte kein verlässlicher Ertragsbringer ist. Fällt die für August angedachte außerordentliche Hauptversammlung zur Abspaltung von Materials Services aus oder verschiebt sich der Zeitplan, könnte dies als Zeichen mangelnder Entscheidungsfähigkeit interpretiert werden. Auch die ausgesetzten Verkaufsgespräche mit Jindal Steel International sind kein Abschluss, sondern lediglich eine Pause – scheitert die interne Sanierung, könnte ein Käufer später nur zu schlechteren Konditionen zurückkehren. Die annualisierte Volatilität von 43,90 Prozent unterstreicht, wie nervös der Markt die Aktie bereits einpreist, und der Abstand von 8,08 Prozent zum 52-Wochen-Hoch vom 9. Oktober zeigt, dass der jüngste Schwung bereits an Kraft verloren hat.

Ausblick: Zwei Termine als Weichensteller

Solange der Kurs über dem 50-Tage-Durchschnitt von 11,41 Euro verbleibt, deutet die technische Verfassung auf einen intakten Trend hin, den TKMS-Aufträge und eine plausible Stahl-Sanierungsgeschichte stützen könnten. Kippt diese Erzählung – etwa durch enttäuschende Details im Quartalsbericht Mitte August oder eine Verschiebung der möglichen Hauptversammlung zur Materials-Services-Abspaltung – droht ein Rücksetzer in Richtung der gleitenden Durchschnitte, die aktuell deutlich tiefer liegen. Der Quartalsbericht Mitte August und eine mögliche außerordentliche Hauptversammlung im selben Monat sind die beiden konkreten Termine, an denen sich zeigen wird, ob Thyssenkrupp die drei parallel laufenden Baustellen – Nucera, Stahl und die geplante Konzernaufspaltung – unter einen Hut bekommt.

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