Thyssenkrupp Aktie: 11,4-Milliarden-Sparte im Mitbestimmungs-Streit

Thyssenkrupp treibt die Abspaltung von Materials Services voran. Arbeitnehmervertreter fürchten den Verlust von Mitbestimmungsrechten durch eine KGaA-Struktur.

Auf einen Blick:
  • KGaA-Modell für Werkstoffhandel geplant
  • Arbeitnehmer kritisieren radikalen Umbau
  • Umsatzprognose für 2025/26 gesenkt
  • Stahlimportquoten in der EU sinken drastisch

Der größte Umbau in der Geschichte von Thyssenkrupp nimmt Fahrt auf — und stößt intern auf wachsenden Widerstand. Im Zentrum steht die geplante Verselbstständigung der Werkstoffhandelssparte Materials Services, die mehr als ein Drittel des Konzernumsatzes trägt.

KGaA-Modell gegen Arbeitnehmerrechte

CEO Miguel López drückt beim Konzernumbau aufs Tempo. Materials Services soll für externe Partner geöffnet werden — diskutiert wird eine Struktur als Kommanditgesellschaft auf Aktien. Das Modell ist aus seiner Sicht clever: Eine KGaA sichert dem Mutterkonzern die operative Kontrolle, selbst wenn Thyssenkrupp nur noch eine Minderheitsbeteiligung hält.

Die Arbeitnehmerseite sieht das anders. Mehrere Insider berichten, das Vorgehen der Konzernführung werde „zunehmend radikaler“ — der Einfluss klassischer Mitbestimmungsstrukturen nehme bei zentralen Entscheidungen spürbar ab. Eine KGaA-Konstruktion könnte der Arbeitnehmerseite die Mitbestimmung faktisch entziehen. Der Aufsichtsrat soll sich in einer außerordentlichen Sitzung im Juni mit der Zukunft von Materials Services befassen.

Das Gewicht der Entscheidung ist enorm. Die Sparte erzielte im Geschäftsjahr 2024/25 einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro, über 15.000 Mitarbeiter bündeln dort Stahl, Kunststoffe und Logistikdienstleistungen. Nach dem Börsengang der Wasserstofftochter Nucera 2023 und dem Spin-off von Thyssenkrupp Marine Systems im Oktober 2025 wäre eine Abspaltung von Materials Services der dritte große Schnitt — und der bislang größte.

Operative Lage: Umsatz schwächer, Liquidität solide

Operativ liefert der Konzern ein gemischtes Bild. Die Umsatzprognose für 2025/26 wurde leicht gesenkt: Statt minus zwei bis plus ein Prozent erwartet das Management nun ein organisches Minus von drei bis null Prozent. Schwaches Marktumfeld in der Stahl- und Automobilzulieferung lastet auf dem Wachstum.

Die Ergebnisziele bleiben unverändert. Das bereinigte EBIT soll zwischen 500 und 900 Millionen Euro liegen, einen Nettoverlust kalkuliert das Management weiterhin ein. Die verfügbare Liquidität — flüssige Mittel plus freie Kreditlinien — beläuft sich auf 4,6 Milliarden Euro.

Parallel schreitet die Restrukturierung in der Automobilzulieferung voran. Das US-Werk in Terre Haute, Indiana, soll bis spätestens 31. März 2027 geschlossen werden. Die Chassis-Aktivitäten werden auf den Standort in Hamilton, Ohio, konzentriert. Bereits beschlossen ist der Abbau von rund 1.800 Stellen, um die Kosten um mehr als 150 Millionen Euro zu senken.

Regulatorischer Rückenwind für Steel Europe

Einen unerwarteten Schub liefert Brüssel. Das Europäische Parlament verabschiedete Ende Mai eine Verordnung zur Eindämmung globaler Überkapazitäten: Die zollfreien Einfuhrquoten für Stahl sinken auf 18,3 Millionen Tonnen pro Jahr — ein Rückgang um 47 Prozent gegenüber 2024. Wer die Quote überschreitet, zahlt künftig 50 Prozent Zoll statt bisher 25 Prozent. Die formelle Zustimmung des Rates wird noch vor Ende Juni erwartet.

Die Thyssenkrupp-Aktie notiert bei 11,72 Euro und hat seit Jahresbeginn rund 21 Prozent zugelegt — der Kurs liegt damit deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 9,98 Euro. Das eigentliche Kurspotenzial hängt jedoch davon ab, ob López im Juni eine Einigung mit den Arbeitnehmervertretern über das Materials-Services-Modell durchsetzen kann — oder ob ein langwieriger Konflikt den gesamten Umbaufahrplan ins Stocken bringt.

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