Die Aktie des US-Luftfahrt- und Rüstungskonzerns Textron hat schwache Monate hinter sich. Seit Jahresbeginn hat das Papier über 20% verloren und liegt mit weniger als 80 Dollar nahe ihres 52-Wochen-Tief. Die Entwicklung ist ziemlich enttäuschend, sich gegen einen allgemein schwachen Branchentrend zu behaupten, ist jedoch auch sehr schwierig.
Von der Defense-Euphorie 2025 ist bei vielen Titeln nicht mehr viel übriggeblieben. Dennoch: Es gibt viele gute Gründe, warum man davon ausgehen darf, dass das Sentiment in dem Sektor wieder aufhellt. Und im Zuge einer Branchen-Erholung könnte Textron dann stärker zulegen als der Branchenschnitt, denn die Bewertung ist stark unterdurchschnittlich und die operative Entwicklung gut.
Was macht Textron und wie laufen die Geschäfte?
Textron ist ein US-Mischkonzern, der vor allem für seine Flugzeugmarke Cessna und die Hubschraubersparte Bell bekannt ist. Neben dem zivilen und militärischen Geschäft stellt der Konzern Rüstungselektronik, Drohnen und gepanzerte Fahrzeuge her und ist über weitere Sparten auch in der Industrie- und Spezialfahrzeugbranche aktiv.
Das Unternehmen steigerte den Umsatz im zweiten Quartal um 3% auf 3,83 Mrd. Dollar, alle vier Fertigungssegmente wuchsen. Der Gewinn je Aktie stieg von 1,55 auf 1,62 Dollar und lag über den Erwartungen. Das operative Ergebnis blieb mit 353 Mio. Dollar auf Vorjahresniveau.
Für das Gesamtjahr bestätigte das Management die Prognose von 6,40 bis 6,60 Dollar je Aktie. Beim aktuellen Kurs entspricht das einem KGV von rund 12 – für einen Konzern mit einem Auftragsbestand von 19 Mrd. Dollar ist das aus meiner Sicht ein viel zu niedriger Wert. Zum Vergleich: In der Rüstungsbranche liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis bei etwa 20.
Die Sparten im Detail
Der Blick in die einzelnen Konzernsparten zeigt, wo bei Textron die Musik am lautesten spielt. Bell, die Hubschrauber- und Kipprotorsparte, steigerte den Umsatz um 6% auf 1,1 Mrd. Dollar, getrieben von der H-1-Produktion und dem Army-Programm MV-75. Bell lieferte 36 zivile Hubschrauber aus, im Vorjahr waren es 32, der Auftragsbestand liegt bei 7,5 Mrd. Dollar.
Textron Systems, die Sparte für Rüstungselektronik, Drohnen und gepanzerte Fahrzeuge, legte um 7% auf 347 Mio. Dollar zu und verbesserte das operative Ergebnis um 10% auf 44 Mio. Dollar. Textron Aviation, das größte Segment mit den Marken Cessna und Beechcraft, kam auf 1,5 Mrd. Dollar Umsatz, ein Plus von 1%.
Die Zahl der ausgelieferten Jets sank zwar von 49 auf 40, dafür stieg die Zahl der Turboprops von 34 auf 44. Der Auftragsbestand in der Luftfahrt erreichte 8 Mrd. Dollar, das operative Ergebnis lag mit 165 Mio. Dollar 3% unter Vorjahr.
Hebel 1: Neue Führung löst Effizienzprobleme
Es war nicht nur die Branchenschwäche ursächlich, sondern auch operative Probleme, die dazu geführt haben, dass die Aktie dieses Jahr nicht in Fahrt kam. Laut Management ist ein Grund, dass die Hälfte der Belegschaft weniger als fünf Jahre im Unternehmen ist, was die Produktivität belastet. Fehlende Erfahrung kann das Management nicht kurzfristig ausgleichen, andere Ineffizienzen sollen jedoch schnell beseitigt werden.
So soll Textron-Urgestein Brian Rohloff, seit 29 Jahren im Konzern, die Führung von Textron Aviation übernehmen und der Sparte auf die Beine helfen. Rohloff hat einen straffen Zeitplan: Die Fertigung muss schnell effizienter werden, denn 2027 sollen drei neue Gen3-Leichtjets in den Markt kommen. Ist der erfahrene Manager erfolgreich, kann das ein großer Hebel für den Gewinn werden. Textron plant insgesamt 200 Jets pro Jahr zu produzieren, 171 waren es im Vorjahr.
Hebel zwei: Abspaltung des Industrie-Segments
Der zweite Hebel – und vermutlich der größere – heißt Abspaltung. Textron will das Industriesegment abspalten, entweder durch Verkauf oder als eigenständiges börsennotiertes Unternehmen. In dem Unternehmensteil steckt Kautex, ein Hersteller von Kunststofftanks und Batteriegehäusen für die Autoindustrie, sowie das Spezialfahrzeug-Segment mit Marken wie E-Z-GO und Jacobsen, die zusammen über 3 Mrd. Dollar Umsatz generieren.
Laut Management liegt bereits starkes Interesse von Käufern vor. Übrig bliebe ein reiner Luftfahrt- und Rüstungskonzern mit über 12 Mrd. Dollar Umsatz, der höhere Wachstumsraten und Margen erwarten lässt als der heutige Mischkonzern. Für die Bewertung ist das entscheidend: Je klarer Textron dem Defense-Sektor zugehörig ist, desto höher dürfte der Multiplikator an der Börse ausfallen. Ein Kursanstieg von 50% würde dann nicht einmal ausreichen, um auf ein angemessenes Bewertungsniveau zu kommen.
Hebel drei: Washington bezahlt Extra-Aufwand
Der dritte Hebel liegt beim US-Kongress. Hintergrund: Die US-Army hat beschlossen, das Kipprotor-Programm MV-75 schneller voranzutreiben als geplant. MV-75 soll den Hubschrauber Black Hawk ablösen und ist das wichtigste Rüstungsprogramm des Konzerns für die kommenden zwei Jahrzehnte.
Als der Auftrag kam, war der Haushalt 2026 bereits verabschiedet. Für die zusätzlichen Arbeiten schuldet die US-Army Textron noch rund 350 Mio. Dollar, die per Umwidmung durch den Kongress genehmigt werden müssen. Textron finanziert das Programm seit dem Frühjahr aus eigener Kasse, um Lieferanten und Zeitplan zu halten, hat die Ausgaben aber bei eben diesen 350 Mio. Dollar gedeckelt. Bleibt die Genehmigung aus, kostet das laut Finanzchef Rosenberg in diesem Jahr 0,20 bis 0,30 Dollar Gewinn je Aktie und 150 bis 250 Mio. Dollar Cashflow.
Konzernchefin Atherton stellte eine Entscheidung bis September in Aussicht – Klarheit dürfte also zeitnah kommen. Streng genommen ist das Ganze nur eine Frage des Zeitpunkts: Textron bekommt das Geld entweder in diesem oder im kommenden Jahr. Einigen Anlegern scheint das dennoch wichtig zu sein. Dass die Army das Tempo erhöht, ist für Bell davon unabhängig jedoch eine gute Nachricht.
Chancen stehen auch Risiken gegenüber
Insgesamt also viele Chancen – man sollte allerdings berücksichtigen, dass ein Investment in Textron auch Risiken birgt. Sollte sich die Erholung der Luftfahrtsparte verzögern, etwa weil die neue Führung unter Rohloff mehr Zeit braucht als geplant oder die angekündigten Gen3-Jets sich verspäten, bliebe ein wichtiger Hebel für den Gewinn zunächst ungenutzt.
Auch die Abspaltung des Industriesegments ist keine sichere Sache: Findet sich kein Käufer zu einem attraktiven Preis, oder zieht sich der Prozess über Monate hin, könnte die erhoffte Neubewertung als reiner Defense-Titel ausbleiben.
Und schließlich hängt ein Teil der kurzfristigen Zahlen an politischen Entscheidungen in Washington – verzögert sich die Freigabe der 350 Mio. Dollar für das MV-75-Programm über das laufende Jahr hinaus, würde das den Gewinn belasten, selbst wenn das Geld langfristig sicher ist. Für Anleger, die diese Unsicherheiten im Blick behalten, bleibt Textron dennoch ein spannender Watchlist-Kandidat im Defense-Sektor.
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