Die Reaktion an der Börse lässt keinen Interpretationsspielraum: Tencent-Aktien fielen am Donnerstag um 3,7 Prozent auf 444,40 Hongkong-Dollar. Auslöser war ein Quartalsbericht, der bei genauerem Hinsehen zwei völlig gegensätzliche Geschichten erzählt.
Der Umsatz kletterte im zweiten Quartal um elf Prozent auf 204,8 Milliarden Yuan und übertraf damit die Konsensschätzungen leicht. Der Nettogewinn dagegen stagnierte nahezu bei 56 Milliarden Yuan – ein Plus von nur 0,7 Prozent und rund vier Prozent unter den Erwartungen der Analysten. Bereinigt um Sondereffekte sah es mit einem Plus von neun Prozent auf 68,4 Milliarden Yuan freundlicher aus, änderte aber nichts an der Kernbotschaft: Die Profitabilität gerät unter Druck.
Cashflow erstmals seit zwei Jahrzehnten negativ
Der eigentliche Schock steckt in den Investitionsausgaben. Das Capex sprang gegenüber dem Vorquartal um 65 Prozent auf 52,8 Milliarden Yuan – Tencent kauft in großem Stil Rechenleistung, um seine KI-Infrastruktur auszubauen. Die Folge: Der freie Cashflow rutschte erstmals seit 2005 ins Minus.
CEO Pony Ma verteidigte die Ausgabenoffensive und verwies darauf, die gestiegene Rechenleistung solle künftig aus KI-Anwendungen echte Umsätze generieren. Operativ lieferte das Gaming-Geschäft in China mit einem Umsatzsprung von 17 Prozent auf 47,3 Milliarden Yuan den stärksten Wachstumstreiber – Titel wie „Delta Force“ und „Valorant“ zogen kräftig an. Auch das Werbegeschäft profitierte von verbesserten KI-Modellen bei der Anzeigenauslieferung an die über 1,4 Milliarden Nutzer von Weixin und WeChat, der Umsatz stieg hier um 22 Prozent.
Morgan Stanley kappt Kursziel deutlich
Morgan Stanley reagierte prompt und senkte das Kursziel von 650 auf 550 Hongkong-Dollar, behielt aber die Übergewichten-Einstufung bei. Begründung: Die hohen KI-Investitionen dürften die Profitabilität kurzfristig belasten, die Bank rechnet bis 2027 mit weitgehend stagnierenden Gewinnen. Gleichzeitig hob Morgan Stanley die eigenen Capex-Prognosen für 2026 und 2027 auf jeweils 200 Milliarden Yuan an – und senkte im selben Zug die Schätzungen für das operative Ergebnis.
Der breitere Markt bot am Donnerstag keinen Rückhalt: Der Hang Seng Index eröffnete rund 0,6 Prozent im Minus. Für Tencent bedeutet das eine Fortsetzung des schwierigen Jahres – die Aktie notiert seit Jahresbeginn 2026 deutlich im Minus. Ob sich die milliardenschwere KI-Wette in absehbarer Zeit auszahlt, bleibt für die Bewertung der kommenden Quartale die zentrale Messlatte.
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