Die Berichtssaison der großen Technologiekonzerne sorgt für deutliche Kursbewegungen und hält die Märkte in Atem. Microsoft und Alphabet haben nach US-Börsenschluss ihre Quartalszahlen vorgelegt – mit gegensätzlichem Echo an den Finanzmärkten. Hinzu kommen Zinsentscheidungen der großen Notenbanken, eine mögliche Milliardenübernahme im Chipsektor sowie eine überraschende Kehrtwende bei der Deutschen Telekom.
DAX klettert an die obere Range-Kante
Der deutsche Leitindex hat am Mittwoch um 0,44 Prozent zugelegt und bei 25.704 Punkten geschlossen, nur knapp unter dem Tageshoch. Charttechnisch ist das ein Fortschritt: Seit Anfang September bewegt sich der DAX in einer Seitwärtsspanne zwischen 25.000 und 25.800 Punkten. Im Oktober war der Index zweimal bis in die Region um 25.000 Zähler zurückgefallen, beide Male fanden sich dort Käufer. Mit dem jüngsten Schlusskurs notiert der DAX wieder über seiner 50-Tage- und seiner 100-Tage-Linie und nähert sich damit erneut der oberen Begrenzung der Handelsspanne.
An der Wall Street zeigte sich der Markt ebenfalls freundlich. Der breite US-Index liegt nur noch knapp ein Prozent unter der Marke von 7800 Punkten, die seit August mehrfach als Widerstand fungierte. Der Aufwärtstrend bleibt intakt, wenn auch flach verlaufend, die Kurse notieren komfortabel über den wichtigen gleitenden Durchschnittslinien. Den nächsten Impuls muss nun die laufende Berichtssaison liefern.
Im Gespräch: Disziplin als Schlüssel in volatilen Marktphasen
Zur aktuellen Marktlage äußerte sich Katharina Brunkhorst, Marktkolumnistin und zuständig für Business Development beim Broker VS Markets. Sie beobachtet bei Kunden ein gemischtes Bild: Rund um Zahlenveröffentlichungen großer Tech-Werte steige die Handelsaktivität einiger Kunden deutlich, was zur erhöhten Volatilität beitrage. Andere Marktteilnehmer agierten dagegen vorsichtiger, setzten kleinere Positionen, nutzten enge Stop-Loss- und Take-Profit-Marken und blieben defensiv.
Entscheidend für den Erfolg sei Disziplin: Wer vorab eine Strategie und ein Risikolimit festlege und konsequent daran festhalte, agiere in unruhigen Phasen ruhiger. Schwierig werde es, wenn spontan auf Schlagzeilen reagiert werde. Ein Broker könne Marktschwankungen zwar nicht verhindern, aber mit transparenten Kosten, einer stabilen Handelsumgebung und Werkzeugen wie Stop-Loss und Take-Profit Unterstützung bieten. Einsteigern empfiehlt Brunkhorst, zunächst mit einem Demokonto zu starten, um Abläufe, Produkte wie CFDs sowie Mechanismen wie Hebel und Stop-Loss im Paper-Trading kennenzulernen, bevor reales Kapital eingesetzt wird.
FED hält Zinsen, kündigt Strukturreform an
Die US-Notenbank hat ihren Leitzins erwartungsgemäß in der Spanne von 3,75 bis 4 Prozent belassen. Die Entscheidung fiel mit zehn zu zwei Stimmen, wobei die beiden Abweichler für eine sofortige Erhöhung plädierten. Im September hatte die FED erstmals seit drei Jahren den Zins angehoben. Eine konkrete Ansage für die Dezember-Sitzung blieb aus, FED-Chef Kevin Warsh verwies jedoch auf die Stärke der US-Wirtschaft: Das Wachstum im dritten Quartal dürfte über drei Prozent liegen, die Inflation liegt seit knapp sechs Jahren über dem Zielwert von zwei Prozent. Die Terminmärkte rechnen weiterhin mit Zinserhöhungen im Dezember und im März.
Für Gesprächsstoff sorgte zudem eine angekündigte Strukturänderung: Ab dem kommenden Jahr soll eine der acht jährlichen FED-Sitzungen künftig ausschließlich der Strategiediskussion dienen, ohne Zinsentscheid und Statement. 2028 sollen es zwei solcher Sitzungen werden. Am Anleihemarkt löste dies Stirnrunzeln aus, die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen zogen leicht an, da Marktteilnehmer in weniger Entscheidungsterminen tendenziell mehr Unsicherheit sehen.
EZB vor Entscheidung, Frankreich im Fokus
Heute steht die Zinsentscheidung der EZB an. Die Mehrheit der Volkswirte erwartet, dass der Einlagensatz bei 2,5 Prozent belassen wird. Die Inflation in der Eurozone nähert sich der Vier-Prozent-Marke und liegt damit fast doppelt so hoch wie das Ziel der Notenbank. Getrieben wird die Teuerung weiterhin von Energiepreisen, bedingt durch den Iran-Krieg und Lieferstörungen bei Öl und Gas. Viele Ökonomen rechnen im Dezember mit einer weiteren, vorerst letzten Zinsanhebung, wenn neue Projektionen vorliegen – die EZB war deutlich früher als die FED in den Erhöhungszyklus eingestiegen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Nachmittags-Pressekonferenz sowie der Lage in Frankreich: Der Renditeaufschlag französischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen ist auf den höchsten Stand seit 15 Jahren gestiegen, erste Ansteckungseffekte zeigen sich auch in Italien. Die EZB verfügt zwar über ein Instrument für unbegrenzte Anleihenkäufe, die Einsatzhürden gelten jedoch als hoch. Zusätzlich kursieren Gerüchte über einen möglichen vorzeitigen Rückzug von EZB-Chefin Christine Lagarde. Morgen werden zudem Wachstumszahlen der Eurozone für das dritte Quartal erwartet.
Microsoft überzeugt mit Wachstum bei kontrollierten Kosten
Microsoft hat im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres einen Umsatz und einen Gewinn pro Aktie erzielt, die beide deutlich über den Markterwartungen lagen. Die Cloud-Sparte Azure wuchs deutlich, für das laufende Quartal stellte das Management erneut ein starkes Wachstum in Aussicht. Besonders positiv wurde die Investitionsdisziplin aufgenommen: Microsoft steckte rund 45 Milliarden Dollar in Rechenzentren und Technik – deutlich mehr als im Vorjahr, aber weniger als von Analysten erwartet. Der freie Cashflow lag mit 18,6 Milliarden Dollar mehr als doppelt so hoch wie prognostiziert. Die Aktie legte nachbörslich um gut vier Prozent zu.
Alphabet belastet durch schwächeren Gewinn und negativen Cashflow
Bei Alphabet fiel die Reaktion gegensätzlich aus. Google Cloud verdoppelte den Umsatz binnen Jahresfrist, der operative Gewinn der Sparte legte deutlich zu, der Konzernumsatz stieg um 25 Prozent. Das Suchmaschinengeschäft wuchs so langsam wie seit fünf Quartalen nicht mehr, teils bedingt durch Währungseffekte, teils durch den neuen KI-Modus der Google-Suche, der sich bislang schlechter vermarkten lässt als klassische Suchanzeigen.
Besonders im Fokus stand der Cashflow: Zum zweiten Mal in Folge war der freie Cashflow negativ, diesmal mit minus 9,1 Milliarden Dollar. Allein im dritten Quartal investierte Alphabet 51,4 Milliarden Dollar, für das Gesamtjahr wird ein deutlicher Anstieg der Investitionen erwartet. Die künftigen Zahlungsverpflichtungen summieren sich auf über eine Billion Dollar. Aktienrückkäufe gab es im dritten Quartal keine. Die Aktie verlor nachbörslich rund 9 Prozent.
Heute nach Börsenschluss folgt mit Amazon der dritte große Hyperscaler mit seinen Quartalszahlen.
Milliardendeal im Chipsektor: Marvell und Lumentum
Über Nacht wurde bekannt, dass der Chipentwickler Marvell laut Medienberichten in fortgeschrittenen Gesprächen zur Übernahme von Lumentum steht. Eine Einigung könnte bereits in der kommenden Woche verkündet werden. Lumentum bringt einen hohen Börsenwert auf die Waage, Marvell kommt auf rund 221 Milliarden Dollar. Lumentum stellt Laser- und optische Bauteile her, mit denen Daten per Licht durch Rechenzentren übertragen werden – die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich, das Unternehmen ist nach eigenen Angaben bis Anfang 2029 ausverkauft.
Nachbörslich legte die Lumentum-Aktie um 11 Prozent zu, während Marvell um 9 Prozent nachgab. Strategisch würde sich Marvell mit der Übernahme direkten Zugang zu einer der knappsten Ressourcen im Ausbau der KI-Infrastruktur sichern.
Telekom legt Fusionspläne mit T-Mobile US auf Eis
Die Deutsche Telekom hat ihre Pläne für eine Zusammenführung mit der US-Tochter T-Mobile US vorerst gestoppt. Laut einem Bericht von Bloomberg verzichtet der Konzern einstweilen auf ein formelles Angebot, als Grund gilt Widerstand aus dem Betriebsrat. Endgültig vom Tisch ist das Vorhaben nach aktuellem Stand nicht. Es wäre die größte Fusion börsennotierter Unternehmen aller Zeiten gewesen. Die Telekom hält bereits mehr als 50 Prozent an T-Mobile US, das an der Börse hoch bewertet ist, in diesem Jahr jedoch deutlich an Wert verloren hat. Die Deutsche Telekom selbst kommt auf eine deutlich geringere Marktkapitalisierung als T-Mobile US. Auch der aktivistische Investor Elliott hatte sich gegen die Pläne positioniert. Für Aktionäre dürfte die Entscheidung vorerst eine Atempause bedeuten, da die bewährte Konzernstruktur erhalten bleibt und die Telekom weiter vom US-Geschäft profitiert.
Am Nachmittag richtet sich der Blick nun auf die Zinsentscheidung und Pressekonferenz der EZB in Frankfurt, am Abend auf die Reaktion der Wall Street sowie die Amazon-Zahlen.
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