Manchmal genügt ein einzelnes Verkaufsfenster, um die Zerrissenheit einer ganzen Industrie offenzulegen. Bei Stellantis dauerte dieses Fenster gerade einmal anderthalb Stunden.
Am Freitag vermeldete die US-Sparte des Konzerns, dass die gesamte für das laufende Kalenderjahr vorgesehene Erstzuteilung des Ram 1500 Rumble Bee mit klassischem 5,7-Liter-V8-Motor binnen 90 Minuten restlos vergeben war. Nach 24 Stunden waren auch die Produktionskontingente bis zum Ende des ersten Quartals 2027 vergriffen.
Kundschaft und Händler greifen gierig nach hubraumstarken Verbrennern, während die Vorstandsetagen seit Jahren Milliarden in den Umbau zur Elektromobilität lenken. Doch diese Momentaufnahme trügt gewaltig über die Lage hinweg.
Während Nostalgiker den V8 feiern, steht der multinationale Autokonzern vor einem strukturellen Trümmerfeld, das sich immer deutlicher in den Büchern niederschlägt. Anleger blicken auf ein Desaster: Seit Jahresanfang verzeichnet das Papier ein Minus von 59 Prozent und ging am Freitag bei 3,90 Euro aus dem Handel.
Der Heimatmarkt gerät ins Wanken
Die eigentliche Sollbruchstelle liegt im US-Geschäft, das über Jahre hinweg als verlässliche Gewinnmaschine diente. Zwar konnte sich der Absatz im dritten Quartal mit 324.277 ausgelieferten Fahrzeugen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stabilisieren, gestützt vor allem auf ein Verkaufsplus von 73 Prozent beim leichten Pickup Ram 1500. Doch der Blick auf die margenstarke Traditionsmarke Jeep offenbart schwere Bremsspuren: Die Auslieferungen brachen im Quartal um 20 Prozent ein, der Grand Cherokee sackte gar um 30 Prozent ab.
Nach Branchenschätzungen von Cox Automotive verloren die drei großen US-Hersteller im abgelaufenen Vierteljahr weiter an Boden. Zusammen dürften sie nur noch knapp über 36 Prozent des heimischen Markts abdecken – ein historischer Tiefstand.
Asiatische Konkurrenten erobern derweil mehr als die Hälfte der Neuzulassungen in den Vereinigten Staaten, getrieben von gefragten Hybridmodellen und sparsameren Antrieben, während reine Elektrofahrzeuge nach dem Auslaufen der staatlichen Steuergutschriften im Jahr 2025 deutlich an Schwung verloren haben.
Kann ein Konzern diese tektonischen Verschiebungen überhaupt noch im bisherigen Tempo abfedern? Stellantis-Chef Antonio Filosa steht vor der heiklen Aufgabe, auf einem bevorstehenden Kapitalmarkttag einen schlüssigen Turnaround-Plan vorzulegen.
Sein Programm setzt auf Kostensenkungen, eine Schärfung von Kernmarken wie Jeep, Ram, Fiat und Peugeot sowie die Sanierung der Ertragskraft, nachdem im Vorjahr ein Nettoverlust von 22,3 Milliarden Euro aufgelaufen war.
Risse im industriellen Gefüge
Auch das industrielle Fundament gerät spürbar unter Druck. Im kanadischen Werk Windsor, in das seit 2022 rund 1,9 Milliarden kanadische Dollar investiert wurden, kündigten Unternehmensführung und Arbeitnehmervertreter am Freitag eine dreiwöchige Zwangspause für mehr als 6.000 Beschäftigte im Laufe des Oktobers an. Als Gründe nennt der Konzern die schleppende Nachfrage und drohende Zölle.
Auf dem europäischen Heimatmarkt zeichnet sich ein ähnliches Paradoxon ab. In Italien meldete Stellantis für September zwar ein Zulassungsplus von über sieben Prozent, doch die heimischen Fabriken profitieren davon kaum.
Für den Fiat 500 Hybrid am Standort Mirafiori wird im Jahresverlauf nur noch mit 70.000 Einheiten gerechnet, nachdem ursprünglich 100.000 Einheiten anvisiert worden waren. Die Bänder füllen zunehmend Modelle, die in Polen, Serbien oder der Slowakei montiert werden, während italienische Zulieferer parallel unter dem Nachfragerückgang deutscher Großkunden wie Volkswagen leiden.
Trotz dieser Verwerfungen hält das Management an seinen Zielen fest und stellt für das Gesamtjahr ein Umsatzwachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich sowie eine bereinigte operative Marge im niedrigen einstelligen Bereich in Aussicht.
Die Analystengemeinde reagiert unterdessen mit spürbarer Skepsis: Morgan Stanley stufte den Titel im September auf Untergewichten herab, die Experten von Bernstein votieren auf „Underperform“.
Ausverkaufte V8-Sonderserien mögen das Herz von Pick-up-Liebhabern erwärmen, die strukturelle Krise zwischen Nordamerika und Europa heilen sie nicht.
Stellantis-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Stellantis-Analyse vom 03. Oktober liefert die Antwort:
Die neusten Stellantis-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Stellantis-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 03. Oktober erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
