Manchmal erzählt ein Konzern gleich drei Geschichten gleichzeitig – und keine davon ist zu Ende erzählt. Bei Stellantis ist das diese Woche so. Während in Kanada um Arbeitsplätze gerungen wird, wächst in Spanien eine Fabrik für chinesische Technologie heran, und in Turin übernimmt ein neuer Mann das Ruder bei Fiat. Der Kurs, gestern mit 4,55 Euro nur wenige Cent über dem 52-Wochen-Tief von 4,38 Euro, spiegelt diese Zerrissenheit ziemlich genau.
Ein neuer Fiat-Chef und die Frage nach der Kontinuität
Arnaud Belloni übernimmt die Führung von Fiat, Abarth und Lancia in Europa. Er kommt von Renault, wo er als globaler Marketingdirektor arbeitete – kein Zufall, dass ausgerechnet Marketing-Expertise gefragt ist, wenn drei traditionsreiche Marken wieder Kunden erobern sollen. Sein Vorgänger Olivier François wird strategischer Berater, bleibt dem Konzern also erhalten, tritt aber aus der operativen Linie.
Fast zeitgleich ordnet Stellantis auch die Kommunikationsspitze neu: Stephanie Hartgrove wird Group Chief Communications Officer, Clara Ingen-Housz übernimmt die öffentliche Politik- und Handelsstrategie. Beide berichten direkt an CEO Antonio Filosa. Das ist mehr als Personalkosmetik – es ist der Versuch, dem Konzern nach Jahren der Kurskorrektur eine kohärentere Stimme zu geben, gerade wenn es um heikle Themen wie US-Zölle geht.
Und die sind heikel: In Kanada beginnen die Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft Unifor für die Werke in Windsor und Brampton, fast 19.000 Arbeitsplätze stehen zur Debatte. Im Raum steht sogar eine mögliche Schließung des Brampton-Werks.
Hintergrund sind US-Importzölle von 25 Prozent auf Fahrzeuge – ein Preis, den nordamerikanische Standorte direkt zu spüren bekommen. Wer wissen will, wie stark Handelspolitik heute in Produktionsentscheidungen hineinregiert, findet hier ein Lehrstück.
Saragozza wird zum Symbol des Strukturwandels
Der vielleicht bemerkenswerteste Baustein des Konzernumbaus liegt aber in Spanien. In Saragozza stellt Stellantis 400 neue Mitarbeiter ein, bis zu 500 sollen es werden – für die Produktion des Leapmotor B10, der Ende 2026 als Elektro- und Range-Extender-Modell vom Band laufen soll.
Parallel entsteht dort eine Gigafactory von Contemporary Star Energy, einem Gemeinschaftsunternehmen mit CATL: über vier Milliarden Euro Investition, 50 Gigawattstunden Jahreskapazität, mehr als 4.000 Arbeitsplätze. Ab 2028 könnte sogar ein Opel-SUV auf Leapmotor-Basis entstehen, auch das Werk Villaverde bei Madrid ist im Gespräch.
Das ist die eigentliche Pointe der Woche: Ein europäischer Traditionskonzern öffnet seine Fabriken für chinesische Batterietechnologie und chinesische Elektroplattformen, während er in Nordamerika um jeden Arbeitsplatz gegen Zollmauern kämpft. Zwei Kontinente, zwei völlig unterschiedliche industrielle Realitäten – und Stellantis mittendrin, versucht beide zu bedienen.
Operative Lichtblicke, strukturelle Zweifel
Nicht alles ist Krisenmanagement. In Italien legte Stellantis im August um 6,2 Prozent zu, deutlich stärker als der Gesamtmarkt mit 3,15 Prozent. In den ersten acht Monaten des Jahres summiert sich das Plus dort sogar auf 14 Prozent.
Ein Branchenvertreter mahnte dennoch zur Vorsicht – Wachstumszahlen allein erzählen selten die ganze Geschichte, wie ein Blick auf Mexiko zeigt: Dort kommt Stellantis im August nur auf einen Marktanteil von 6,6 Prozent, weit abgeschlagen hinter Nissan, GM und Volkswagen.
Der Kurs bewegt sich seit Jahresbeginn um 52 Prozent nach unten, in den vergangenen 30 Tagen allein um 10 Prozent. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt liegt bei minus 33 Prozent – ein Zeichen, dass der mittelfristige Trend nach wie vor abwärts zeigt, auch wenn sich der Kurs zuletzt in der Nähe seines Jahrestiefs stabilisiert.
Wer die Aktie beobachtet, sieht also keinen Konzern im freien Fall, sondern einen im Umbruch: neue Gesichter an der Spitze, neue Partner in der Fertigung, alte Konflikte am Verhandlungstisch. Ob aus diesem Nebeneinander eine klare Richtung wird, entscheidet sich nicht in Turin oder Saragozza allein, sondern auch am Verhandlungstisch in Kanada.
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