Die Börsen stehen vor einer ungewöhnlichen Häufung von Ereignissen: Die US-Notenbank verkündet ihren Zinsentscheid, die Technologieschwergewichte Microsoft, Alphabet und Amazon legen ihre Quartalszahlen vor, und in gut einer Woche wählen die Amerikaner einen neuen Kongress. Parallel läuft die Berichtssaison mit voller Wucht weiter, ergänzt durch ein Rekordergebnis aus Südkorea und gleich drei DAX-Bilanzen.
Rückblick: Freundliche Tendenz an den Märkten
Der gestrige Handelstag verlief insgesamt positiv. Der DAX schloss mit einem Plus von 0,71 Prozent bei 25.590 Punkten, der MDAX legte um 0,69 Prozent zu. Viele Anleger positionieren sich derzeit vorsichtig vor den anstehenden Entscheidungen von Fed, EZB und Bank of Japan in den kommenden Tagen.
Unter den Einzelwerten fiel Mercedes-Benz negativ auf – dazu später mehr. Auf der Gewinnerseite stand Porsche mit einem Tagesplus von fast 4 Prozent nach einem soliden Quartalsausweis. Bei den Nebenwerten sprang die Aktie von Flatex Degiro um mehr als 5 Prozent, nachdem die BaFin den zusätzlichen Kapitalpuffer für den Onlinebroker von 2,5 auf 1,5 Prozent gesenkt hatte – ein Signal, das als Vertrauensbeweis gewertet werden kann.
In New York ging es ebenfalls aufwärts: Der S&P 500 gewann 0,6 Prozent, der Nasdaq zog mit knapp 1,2 Prozent deutlich stärker an, während der Dow Jones nahezu unverändert blieb. Getragen wurde die Bewegung von den Chip-Werten: Der Philadelphia Semiconductor Index legte um 2,8 Prozent zu. Ob sich daraus eine echte Rotation weg von Technologiewerten ergibt oder ob es sich – wie im Juli – nur um ein kurzes Aufflackern handelt, bleibt offen. Technologie bleibt weiterhin tonangebend, allerdings hat sich die Marktbreite spürbar verbessert, sodass die Kursgewinne nicht mehr nur auf wenigen Titeln lasten.
Die Frage nach der Weihnachtsrallye
Saisonstatistiker verweisen traditionell auf Ende Oktober als Wendepunkt der herbstlichen Durststrecke, nach dem es in der Historie regelmäßig Richtung Jahresende aufwärts geht. Dieses seit 1928 dokumentierte Muster hat sich in diesem Jahr nahezu lehrbuchmäßig bestätigt: Der S&P 500 gewann vom Hochsommer bis in den Frühherbst rund 3 Prozent und fiel anschließend bis Montag um rund 1 Prozent zurück.
Analysten errechneten, dass der S&P 500 in der Vergangenheit vom 27. Oktober bis zum Jahresende im Schnitt um 5 Prozent zulegte, in Wahljahren sogar um 6 Prozent. Seit 1950 zeigt sich zudem, dass der Index in 18 von 19 Fällen in den fünf Handelstagen vor Kongresswahlen zur Halbzeit einer Präsidentschaft zulegen konnte, im Mittel um 2,7 Prozent. Auch die Deutsche Bank sieht die saisonalen Rückenwinde aus Wahljahr und Jahresende derzeit so günstig angeordnet wie selten.
Ein weiteres Argument für eine mögliche Rallye liefert die Marktbreite: Seit Ende September liegt der gleichgewichtete S&P 500 um 8,1 Prozentpunkte vor dem Nasdaq 100 – die Aufwärtsbewegung wird demnach von deutlich mehr Unternehmen getragen als zuvor. Ein Haken bleibt dennoch: Seit dem Start des aktuellen Bullenmarktes im Herbst 2022 legte ein von Goldman Sachs zusammengestellter KI-Aktienkorb um 353 Prozent zu, während alle übrigen Aktien nur ein Plus von 49 Prozent verzeichneten. Seit Ende Juni ist dieser Vorsprung allerdings geschrumpft. Eine Bestätigung der Rallye dürfte sich in den kommenden Tagen an den Zahlen von Alphabet, Microsoft und Amazon sowie an der Klarheit rund um Fed-Entscheidung und Kongresswahlen entscheiden.
Quartalszahlen: Gewinner und Verlierer
Beim Festplattenhersteller Seagate fiel das stärkste Quartal der Unternehmensgeschichte an, die Aktie rutschte nachbörslich dennoch um knapp 6 Prozent ab. Der Umsatz stieg im ersten Fiskalquartal um 61 Prozent, der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte von 2,61 auf 7,68 Dollar und übertraf damit die Erwartung von 7,45 Dollar. Auch der Ausblick lag über den Prognosen. Dass ein Festplattenhersteller zu den Profiteuren der KI-Welle zählt, mag überraschen, erklärt sich aber durch die gewaltigen Datenmengen, die KI-Anwendungen erzeugen und die gespeichert werden müssen. Der Kursabschlag dürfte damit zusammenhängen, dass nach dem steilen Kursanstieg Rekordgewinne mittlerweile zur Erwartungshaltung der Investoren geworden sind; zudem gilt das Speichergeschäft als zyklisch. Seagate investierte mit 211 Millionen Dollar etwas mehr als die erwarteten 202 Millionen Dollar, und der Finanzchef räumte ein, dass zugekaufte Komponenten teurer geworden sind.
Bei PayPal gab es Grund zur Hoffnung: Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg von 1,34 auf 1,45 Dollar, während der Markt mit einem Rückgang auf 1,31 Dollar gerechnet hatte. PayPal hob zudem die Gewinnprognose an. Die Aktie reagierte nachbörslich positiv – der Sparkurs des neuen Vorstandschefs, der mehr als 2.000 Stellen gestrichen und Hierarchie-Ebenen aufgelöst hat, zeigt offenbar Wirkung. Das Zahlungsvolumen stieg währungsbereinigt um 7 Prozent, der Umsatz legte jedoch nur um 2 Prozent zu.
Boeing geriet dagegen unter Druck. Die Zahlen selbst waren kein Problem – der Umsatz lag bei 24,1 Milliarden Dollar, der Free Cashflow übertraf die Erwartungen. Die Stimmung kippte in der Telefonkonferenz: Boeing verfehlt das Ziel von 500 ausgelieferten 737-MAX-Maschinen in diesem Jahr. Die Produktion der 737 soll erst in der zweiten Jahreshälfte 2027 auf 52 Flugzeuge pro Monat steigen, und das Ziel von 10 Milliarden Dollar freiem Mittelzufluss wurde auf 2029 verschoben. Die Zivilflugsparte konnte ihren operativen Verlust eindämmen, das Rüstungsgeschäft vervierfachte seinen Gewinn.
Visa lieferte ein Kontrastprogramm zu PayPal: Der Nettoumsatz im vierten Fiskalquartal lag bei 12,1 Milliarden Dollar, ein Plus von 13 Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg um 17 Prozent, im Gesamtjahr erreichte Visa einen Rekordumsatz von 45,9 Milliarden Dollar. Das grenzüberschreitende Zahlungsgeschäft wuchs um 14 Prozent. Visa erhielt zudem eine vorläufige Genehmigung für ein eigenes Abwicklungsnetz in China, übernimmt den Betrugserkennungsspezialisten BioCatch und bereitet sich auf den Handel über KI-Agenten vor. Der nachbörsliche Abschlag von 2 Prozent resultierte aus einer Prognose für das neue Geschäftsjahr, die etwas unter den Analystenerwartungen lag.
Speicherchips bis 2030 ausverkauft
SK Hynix hat alle Zweifel ausgeräumt: Der südkoreanische Speicherchip-Hersteller versiebenfachte seinen operativen Gewinn im dritten Quartal, der Umsatz stieg um 328 Prozent. SK Hynix zählt zu den wichtigsten Zulieferern von Nvidia für HBM-Speicher, die für KI-Prozessoren unverzichtbar sind. Der Ausblick ist entsprechend stark: Die Nachfrage soll das Angebot mindestens bis 2030 übersteigen, die Produktion ist bereits bis 2029 ausverkauft.
Drei DAX-Bilanzen am Morgen
Die Deutsche Bank lieferte das dritte Rekordquartal in Folge. Der Vorsteuergewinn stieg um 8 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro, größter Gewinnbringer war die Investmentbank. Die Erträge sollen 33 Milliarden Euro übertreffen, bei der Eigenkapitalrendite hält die Bank für 2028 ein Übertreffen der 13-Prozent-Marke für möglich.
BASF hat zum zweiten Mal in diesem Jahr die Prognose angehoben. Das bereinigte operative Ergebnis stieg im dritten Quartal um 15 Prozent auf 1,64 Milliarden Euro, für das Gesamtjahr strebt BASF 7 bis 7,5 Milliarden Euro an. Da die Straße von Hormus als Versorgungsweg gesperrt ist, profitieren europäische Anbieter wie BASF von ihrer Preissetzungsmacht. Zudem läuft der Übernahmepoker um Evonik weiter – BASF soll laut Medienberichten das Angebot auf 24 Euro je Aktie erhöht haben, eine offizielle Bestätigung steht bislang aus.
Mercedes-Benz musste dagegen eine Gewinnwarnung aussprechen. Die Auslieferungen in China sind um 29 Prozent eingebrochen. Die bereinigte Marge der Pkw-Sparte lag im dritten Quartal bei nur 2,5 Prozent und dürfte im vierten Quartal unter 2 Prozent fallen. Der Free Cashflow im Auto- und Van-Geschäft brach um 87 Prozent ein. Solange sich die chinesische Nachfrage nicht stabilisiert, fehlt der Auslöser für eine nachhaltige Erholung.
DAX-Aktien rund um die Uhr
Die Deutsche Börse bietet seit Dienstag den Handel mit DAX-Aktien rund um die Uhr an, sieben Tage die Woche, über die Tochtergesellschaft 360X. Zunächst können nur institutionelle Kunden direkt handeln. Der DAX-Index selbst wird weiterhin nur zwischen 9 und 17.30 Uhr berechnet. Der Trend zum 24/7-Handel ist global zu beobachten, wie entsprechende Entwicklungen in den USA und London zeigen.
Ausblick
Die kommenden Tage haben es in sich: Nach der Fed-Entscheidung folgen Zahlen von Airbus, Alphabet und Microsoft. Am morgigen Tag stehen Amazon, Samsung und die EZB-Sitzung an, am Freitag die Bank of Japan.
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