Ein Milliardenauftrag vom Pentagon, ein Kurs nahe dem Jahrestief: SpaceX bietet dieser Tage ein widersprüchliches Bild. Während das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk frisches Geschäft mit dem US-Militär einfährt, kämpft die Aktie mit einer der schärfsten Talfahrten seit dem Börsengang im Juni. Gestern schloss das Papier bei 97,54 Euro, binnen 30 Tagen hat es damit 29,51 Prozent an Wert verloren.
Der Kurs notiert inzwischen 49,84 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch – die Aktie hat sich binnen weniger Wochen beinahe halbiert. An der Nasdaq beschreibt Morgan Stanley die Lage als „Max Q“-Moment, jene Phase eines Raketenstarts, in der der aerodynamische Druck am höchsten ist. Dort fiel der Kurs vom Rekordhoch von 225,64 Dollar am 16. Juni auf rund 112 Dollar und liegt damit unter dem Ausgabepreis von 135 Dollar. Die Marktkapitalisierung schrumpfte laut der Bank von rund 3 Billionen auf etwa 1,48 Billionen Dollar.
Doppelte Belastung: Zahlen und Aktiensperre
Am kommenden Dienstag, dem 4. August, meldet SpaceX erstmals als börsennotiertes Unternehmen Quartalszahlen. Für das zweite Quartal werden ein Umsatz von rund 6,75 Milliarden Dollar sowie ein bereinigtes EBITDA von 2,0 Milliarden Dollar erwartet, bei einem Verlust je Aktie von 0,35 Dollar. Die Starlink-Sparte soll bereits 12 Millionen Abonnenten zählen, bei einem durchschnittlichen Umsatz je Nutzer von 65,50 Dollar.
Nur zwei Tage später, am 6. August, endet die erste Sperrfrist für Alt-Aktionäre. Dann werden rund 911,5 Millionen Aktien im Gegenwert von etwa 100 Milliarden Dollar handelbar – die erste von acht Tranchen, die bis Januar 2027 insgesamt rund vier Milliarden Aktien freigeben. Das zeitliche Zusammentreffen von Zahlenvorlage und Aktiensperre gilt als möglicher Auslöser für weitere Kursausschläge.
Verschärft wird die Lage durch massive Wetten gegen die Aktie. Leerverkäufer haben Positionen im Wert von mehr als 26 Milliarden Dollar aufgebaut, das entspricht rund 35 Prozent des frei handelbaren Streubesitzes. Seit dem Börsengang sollen sie damit bereits 7,3 Milliarden Dollar Gewinn erzielt haben – nach Tesla der zweitprofitabelste Short des Jahres. Musk selbst warnte, die Überlebenswahrscheinlichkeit der Shortseller sei sehr niedrig.
Analysten uneins über den fairen Wert
Die Einschätzungen der Analysten könnten kaum weiter auseinanderliegen. Morgan Stanley bekräftigt trotz der eigenen Warnung vor dem „Max Q“-Moment die Kaufempfehlung mit Kursziel 300 Dollar. In der Summe-der-Teile-Rechnung der Bank entfallen davon 128 Dollar auf das Connectivity-Geschäft rund um Starlink, 152 Dollar auf den Bereich Enterprise AI, 12 Dollar auf X/Grok und lediglich 8 Dollar auf das klassische Raumfahrtgeschäft. Als möglichen Kurstreiber nennt die Bank den nächsten Starship-Testflug, der für Ende August oder Anfang September erwartet wird.
CFRA-Analyst Keith Snyder sieht das deutlich skeptischer: Er stuft die Aktie auf Verkaufen mit Kursziel 115 Dollar ab und verweist auf die hohe Abhängigkeit vom Starship-Programm. Der Analystenkonsens liegt derzeit bei „Moderate Buy“ mit einem durchschnittlichen Kursziel von 239,04 Dollar – mehr als doppelt so hoch wie der zuletzt gehandelte Kurs. Am pessimistischen Rand hält der Investor George Noble sogar nur 30 Dollar für gerechtfertigt.
Pentagon-Auftrag und Fusionsfantasie
Fundamentalen Rückenwind liefert das Verteidigungsgeschäft. Die US Space Force hat SpaceX einen Auftrag über 1,6 Milliarden Dollar für 18 Falcon-9-Starts erteilt, die bis Ende 2027 abgeschlossen sein sollen – umgerechnet knapp 89 Millionen Dollar je Start. Der Auftrag läuft unter dem Programm NSSL Phase 3 Lane 1 und startet von der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien. Die Satelliten sollen Luftziele erkennen und verfolgen und damit das Raketenabwehrprogramm „Golden Dome“ unterstützen, dessen Gesamtkosten auf rund 185 Milliarden Dollar geschätzt werden. Insgesamt summieren sich SpaceX‘ Pentagon-Aufträge im laufenden Jahr damit auf mindestens 7 Milliarden Dollar. Das Launch-Segment allein setzte 2025 gut 4,1 Milliarden Dollar um bei einem EBITDA von 653 Millionen Dollar.
Zusätzliche Fantasie schürt eine mögliche Fusion mit Tesla. Dem Wall Street Journal zufolge erwägt Tesla den Verkauf seines China-Geschäfts, um eine Zusammenlegung mit SpaceX zu erleichtern; die Führungsebene sei angewiesen worden, sich auf eine mögliche Abspaltung vorzubereiten. Wettmärkte taxierten die Wahrscheinlichkeit einer solchen Fusion vor Mai 2027 zuletzt auf 74 Prozent. Musk selbst schloss einen Zusammenschluss auf einem Tesla-Earnings-Call nicht aus und verwies auf wachsende Überschneidungen bei Halbleitern und der Starlink-Integration in Tesla-Fahrzeuge. Bestätigt ist ein solcher Schritt bislang nicht.
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