Eigentlich hätte es der Moment sein müssen, in dem SpaceX-Anleger nervös werden: Am Donnerstag liefen die ersten Lockup-Fristen nach dem Börsengang aus, mehr als 911 Millionen Aktien wurden handelbar – gut 7 Prozent aller ausstehenden Anteile. Der frei handelbare Streubesitz verdoppelte sich damit von 4,9 auf 11,8 Prozent. Statt eines befürchteten Ausverkaufs schloss das Papier an der Nasdaq an jenem Donnerstag jedoch 6,1 Prozent im Plus. Auch im deutschen Handel setzte sich die Erholung fort: Am Freitag schloss die Aktie bei 115,14 Euro, ein Tagesgewinn von 15,66 Prozent. Auf Wochensicht steht damit ein Plus von 22,53 Prozent, nach einem schwachen Monat mit einem Rückgang von gut elf Prozent.
Überraschend robuste Kursreaktion auf Rekord-Lockup
Dass die zusätzliche Aktienflut den Kurs nicht belastete, lag auch an prominenten Beispielen aus dem Kreis der frühen Investoren. Der Football-Profi Jessie Bates III, Safety bei den Atlanta Falcons, erklärte gegenüber CNBC, er wolle seinen 2022 für 150.000 Dollar erworbenen Anteil komplett verkaufen. Solche Einzelverkäufe blieben jedoch offenbar die Ausnahme. Der nächste große Schub steht bereits fest: Am 20. August könnten weitere 319 Millionen Aktien freigegeben werden, im September und Oktober jeweils rund 700 Millionen. Firmenchef Elon Musk selbst hält mit mehr als sechs Milliarden Aktien den größten Einzelposten – seine Anteile bleiben bis Juni 2027 gesperrt.
Umsatzsprung und schrumpfender Verlust
Rückenwind für die Aktie kam vor allem aus dem ersten Quartalsbericht seit dem Nasdaq-Debüt im Juni. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um 92 Prozent auf 7,8 Milliarden Dollar und übertraf die Konsensschätzung der Wall Street von rund 6,9 Milliarden Dollar deutlich. Der Nettoverlust schrumpfte von einer Milliarde Dollar im Vorjahresquartal auf 541 Millionen Dollar, umgerechnet 9 Cent je Aktie. Das bereinigte EBITDA verdreifachte sich nahezu auf 3,5 Milliarden Dollar. Kurzfristig sorgten die Zahlen dennoch für Verwirrung: Nachbörslich am Dienstag fiel die Aktie zunächst um mehr als 7 Prozent, Teil eines Rückgangs, der das Papier zeitweise rund die Hälfte von seinem Höchststand von 211 Dollar kurz nach dem Börsengang am 12. Juni entfernt hatte.
Cursor-Übernahme und KI-Ambitionen im All
Für zusätzliche Fantasie sorgt die geplante Übernahme des KI-Programmierwerkzeugs Cursor für 60 Milliarden Dollar in Aktien, die SpaceX bereits im Juni angekündigt hatte. Musk bestätigte auf der Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen, die regulatorische Prüfung stehe kurz vor dem Abschluss – der Deal solle „recht bald“ über die Bühne gehen. Der Übernahme könnte bereits am kommenden Wochenende, spätestens jedoch bis Ende August abgeschlossen werden. Cursor soll dabei nicht als eigenständige Einheit weiterbestehen, sondern vollständig in die bestehende KI-Sparte SpaceXAI eingegliedert werden. Diese Sparte erzielte im zweiten Quartal bereits 2,6 Milliarden Dollar Umsatz, bei Investitionen in Rechenzentren von 18,4 Milliarden Dollar. Das Management peilt für Dezember einen annualisierten Gesamtumsatz von 100 Milliarden Dollar an, sofern das Cursor-Geschäft eingerechnet wird – Cloud-Computing-Dienste sollen dabei der wichtigste Treiber bleiben. Musk kündigte zudem an, SpaceX wolle im kommenden Jahr mit dem Start orbitaler KI-Satelliten beginnen, um Rechenzentren ins All zu verlegen und so Kosten deutlich unter das Niveau der Konkurrenz zu drücken.
Analysten zwischen Vorsicht und Kaufchance
Vor dem Lockup-Ablauf ordneten mehrere Analysehäuser das Ereignis ein. Mizuho schrieb am Mittwoch, Investoren sollten verstehen, dass eine grundsätzliche Verkaufsberechtigung nicht bedeute, dass die gesamte Tranche tatsächlich auf den Markt komme. JPMorgan-Analyst Doug Anmuth verwies zwar auf die potenzielle Ausweitung des Streubesitzes um 143 Prozent, sah aber bereits erhebliche Vorpositionierung des Marktes im Vorfeld der Freigabe. Operativ bleibt SpaceX derweil im Dauerbetrieb: Neben den laufenden Starlink-Starts von der Vandenberg Space Force Base diente eine Falcon-9-Rakete am Mittwoch als Träger für drei BlueBird-Satelliten von AST SpaceMobile. Der jüngste Starship-Testflug Ende Juli lieferte zwar erstmals intakte Bilder des Hitzeschilds, doch die Landung des Boosters verlief nach Einschätzung von Branchenanalyst Tim Farrar noch weit von einer schnellen Wiederverwendbarkeit entfernt.
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