Starke Zahlen, schwacher Kurs: SpaceX legte am Dienstag die erste Quartalsbilanz seit dem Börsengang vor — und übertraf die Erwartungen deutlich. Trotzdem fiel die Aktie am Mittwoch um 11,31 Prozent auf 96,50 Euro. Damit notiert das Papier nur knapp über dem frischen Jahrestief von 91,04 Euro, das erst am Montag erreicht wurde.
Der Widerspruch treibt Anleger um. Wall Street schaut offenbar nicht mehr auf Wachstum allein, sondern auf die schiere Höhe der Investitionen ins KI-Geschäft. Dazu kommen ungelöste technische Fragen rund um das Starship-Programm.
Umsatz übertrifft Erwartungen, Investitionen schrecken ab
SpaceX meldete für das zweite Quartal einen Umsatz von 7,81 Milliarden Dollar. Analysten hatten im Schnitt nur 6,93 Milliarden Dollar erwartet. Der Verlust je Aktie lag bei neun Cent — deutlich besser als die von Wall Street prognostizierten 26 Cent.
Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 92 Prozent von 4,1 Milliarden Dollar. Der Nettoverlust schrumpfte auf 541 Millionen Dollar, nach einer Milliarde Dollar im Vorjahresquartal. Das Wachstum verteilte sich breit über die Geschäftsbereiche.
Im Connectivity-Segment kletterte der Umsatz um 66 Prozent, das operative Ergebnis sogar um 79 Prozent. Treiber war eine Verdopplung der Starlink-Abonnenten sowie anhaltende Nachfrage aus Unternehmen und öffentlicher Hand. Noch schneller wuchs die KI-Sparte: Sie sprang von 818 Millionen Dollar im ersten Quartal auf 2,56 Milliarden Dollar im zweiten — ein Plus von 312 Prozent innerhalb eines Quartals.
Trotz der positiven Überraschung brach die Aktie nachbörslich um rund 8 Prozent ein. Grund waren die stark steigenden Investitionsausgaben. Finanzchef Bret Johnsen kündigte im Earnings Call an, SpaceX werde bis Jahresende eine annualisierte wiederkehrende Umsatzrate von 100 Milliarden Dollar erreichen. Zusätzlich habe das Unternehmen in den ersten Wochen des laufenden Quartals bereits Cloud-Service-Verträge im Wert von 6,7 Milliarden Dollar über sechs Monate ab Oktober abgeschlossen.
Musk treibt KI-Ambitionen voran
Elon Musk nutzte den Call, um die KI-Strategie zu erläutern. SpaceX werde nächstes Jahr einen sehr großen Anteil an Nvidias GPU-Kapazität sichern, so Musk. Der Ausbau laufe schneller als bei der Konkurrenz. Rund 10 Prozent der Rechenkapazität soll für das Training von Grok reserviert bleiben, der Rest fließt in Inferenz-Anwendungen oder wird vermietet.
Zudem bestätigte SpaceX eine milliardenschwere Übernahme: Für 60 Milliarden Dollar soll Cursor gekauft werden, um das KI-Geschäft für Unternehmenskunden auszubauen. Im Juli veröffentlichte das Unternehmen bereits sein bislang leistungsstärkstes KI-Modell, Grok 4.5.
Hitzeschild bleibt ungelöstes Problem
Musk bezeichnete die Wasserlandung von Flight 13 am 24. Juli als Meilenstein. Externe Experten sind deutlich skeptischer, ob das grundlegende Wiederverwendbarkeits-Problem damit gelöst ist.
Dan Rasky, ein früherer NASA-Ingenieur, der fast vier Jahrzehnte lang Hitzeschild-Materialien am Ames Research Center erforschte, äußerte sich gegenüber Ars Technica deutlich. Das aktuelle Hitzeschutzsystem von Starship sei eine Sackgasse für alle Missionen, die volle und schnelle Wiederverwendbarkeit erfordern. Zwei weitere Raumfahrtexperten, der frühere NASA-Astronaut Charles Camarda und Charles Miller, teilen diese Einschätzung.
Die Fortschritte sind unbestritten: Der Hitzeschild hat sich über die letzten Flüge deutlich verbessert und funktionierte bei Flight 13 einwandfrei. Das Raumschiff trat erfolgreich wieder in die Erdatmosphäre ein, der Schild blieb nach der Landung intakt. Allerdings entdeckten die Experten auf Drohnenaufnahmen weiße Streifen an den Grenzen einzelner Hitzeschild-Kacheln. Das deutet auf eindringende heiße Gase hin, dazu kamen Hinweise auf gerissene Kacheln und beschädigte Kanten.
Das Problem ist struktureller Natur, nicht kosmetisch. Der Keramik-Kachel-Ansatz erfordert nach Einschätzung der Experten aufwendige Inspektionen — ähnlich wie beim Space Shuttle über 30 Jahre hinweg. Das widerspricht den schnellen Umlaufzeiten, die SpaceX Investoren und der NASA versprochen hat. Musk selbst räumte beim All-In Podcast ein: Für volle Wiederverwendbarkeit bleibe beim Hitzeschild noch viel Arbeit.
Die Tragweite ist erheblich. SpaceX plant den Einsatz von bis zu einer Million KI-Datenzentrum-Satelliten — ein Projekt, das auf günstige, häufige Flüge angewiesen ist. Sollte jede Starship-Landung tage- bis wochenlange Reparaturen erfordern, wie Rasky prognostiziert, gerät das Geschäftsmodell ins Wanken.
Große Aktiensperrfrist läuft aus
Das größere Risiko für Aktionäre liegt nicht in den Quartalszahlen selbst, sondern in dem, was folgt. Zwei Tage nach dem Bericht dürfen SpaceX-Mitarbeiter und frühe Investoren 911,5 Millionen Aktien verkaufen — 12 Prozent aller Anteile und mehr, als aktuell überhaupt am Markt gehandelt wird.
Der Investor Paul Kedrosky verweist darauf, dass viele Aktionäre verkaufen müssen. Sie hätten ihre Anteile verpfändet, um Häuser, Privatinseln oder Autos zu finanzieren. Die Freigabe bei SpaceX falle wegen der anfänglich extrem kleinen Streubreite ungewöhnlich groß aus. Ein weiterer Kursrückgang sei laut Kedrosky durchaus möglich.
Der Hintergrund: Beim Börsengang waren weniger als 5 Prozent aller ausstehenden Aktien öffentlich handelbar. Im Laufe des Jahres kommen weitere Freigaben hinzu. Bis Juni kommenden Jahres sollen fast 50 Prozent der Aktien frei handelbar sein, der Rest bleibt in Musks Besitz.
Bewertungsdebatte spitzt sich zu
Seit dem rekordträchtigen Börsenstart Mitte Juni ist die Aktie um mehr als die Hälfte gefallen, gemessen am 52-Wochen-Hoch von 194,46 Euro. Im Zentrum der Sorgen steht die Frage, ob sich die massiven KI-Investitionen überhaupt rechnen. Der Markt zeigt wachsende Skepsis, ob die Infrastruktur-Ausgaben für KI und Rechenzentren jemals eine Rendite abwerfen, die den nötigen Kapitaleinsatz rechtfertigt.
Der RSI von 38,4 signalisiert eine Annäherung an überverkauftes Terrain, die 30-Tage-Volatilität liegt bei knapp 72 Prozent annualisiert. Zwei Belastungsfaktoren treffen damit fast zeitgleich aufeinander: die Aktiensperrfrist, die am Donnerstag ausläuft und zusätzliches Angebot in einen bereits nervösen Markt drückt, sowie die ungeklärte Frage, ob Starships Hitzeschild jemals die Flugfrequenz erreichen kann, die Musks Satelliten- und Mondpläne voraussetzen.
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