Drei Vorstandsrücktritte, eine Strafverfolgungsbehörde und eine wegweisende Aktionärsabstimmung — alles am selben Tag. Sivers Semiconductors erlebt heute in Stockholm seine turbulenteste Hauptversammlung seit Jahren.
Nasdaq oder nicht: Die Kernfrage des Tages
Die Aktionäre stimmen ab 16 Uhr Stockholmer Zeit über ein Paket ab, das den schwedischen Photonics-Chiphersteller grundlegend verändern könnte. Auf der Tagesordnung steht ein Dual-Listing an der Nasdaq New York. Dafür will das Unternehmen bis zu 53,8 Millionen neue Aktien ausgeben — eine Verwässerung von rund 15 Prozent. Das frische Kapital soll in KI-Wachstum und Akquisitionen fließen.
Für das US-Listing hat Sivers seine Jahresabschlüsse 2024 und 2025 bereits auf PCAOB-Standards umgestellt. Die Anpassung legte tiefere historische Verluste offen. Hinzu kommt ein Aktienoptionsprogramm über 7 Millionen Papiere, das ebenfalls zur Abstimmung steht.
Ermittlungen, Rücktritte, Short-Seller
Das Umfeld ist belastet. Die schwedische Wirtschaftskriminalitätsbehörde ermittelt wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Details zur geplanten Nasdaq-Notiz tauchten vorzeitig im Netz auf. Der Kurs stieg in den 48 Stunden vor der offiziellen Ankündigung im April auffällig stark an. Zwei US-Anwaltskanzleien — Rosen Law Firm sowie Bronstein, Gewirtz & Grossman — prüfen mögliche Verstöße gegen Wertpapierrecht. Formelle Klagen liegen bislang nicht vor.
Parallel dazu haben drei Vorstandsmitglieder das Unternehmen verlassen: Vizevorsitzender Tomas Duffy sowie die Gründungsinvestoren Erik Fallström und Keith Halsey. Als Nachfolger nominiert sind Joakim Nideborn für Investor Relations und Helena Svancar, die zwei Jahrzehnte M&A-Erfahrung mitbringt.
Short-Seller Ningi Research griff Anfang Juni die Bilanzierung an. Das Analysehaus zweifelt an rund 31 Prozent der für 2025 ausgewiesenen Umsätze und wirft dem Management vor, Forschungsfördergelder als kommerzielle Erlöse verbucht zu haben. Sivers hat sich dazu nicht öffentlich geäußert.
Kurs explodiert, Zahlen hinken hinterher
Der Aktienkurs schloss am Freitag bei 8,38 Euro — ein Plus von fast 68 Prozent in 30 Tagen. Vom 52-Wochen-Tief bei 0,27 Euro im März ist der Kurs damit mehr als dreißigfach gestiegen. Treiber war ein Short Squeeze: Nordea erhöhte die Marginanforderungen für Short-Produkte auf Sivers teils auf 228,5 Prozent. Das zwang Leerverkäufer zur Eindeckung. Die Short-Quote hatte im März rund 17 Prozent des Streubesitzes erreicht. Der Squeeze ist inzwischen weitgehend abgeklungen.
Die operativen Zahlen halten mit der Kursentwicklung nicht Schritt. Im ersten Quartal 2026 lagen die Umsätze bei 61,9 Millionen Schwedischen Kronen — ein Rückgang von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Belastet haben Verzögerungen im US-Verteidigungshaushalt und ungünstige Wechselkurse.
Pipeline wächst, erste Aufträge kommen
Das Management verweist auf sein Auftragspotenzial. Die Opportunity Pipeline wuchs seit Jahresbeginn um 77 Prozent auf 799 Millionen US-Dollar. Am 9. Juni meldete Sivers einen Produktionsvertrag über 8,2 Millionen Dollar mit dem britischen Satellitenkommunikationsunternehmen ALL.SPACE. Geliefert werden Ka-Band-Beamforming-Chips bis 2027 — der erste größere Schritt von der Entwicklung in die Serienproduktion.
Eine Partnerschaft mit GlobalFoundries integriert Sivers‘ Laser-Arrays in eine Silizium-Photonik-Plattform für KI-Chips. Den Markt dafür schätzt das Management auf 25 Milliarden Dollar bis 2030. Erste nennenswerte Umsätze aus dieser Kooperation erwartet Sivers gegen Ende 2026.
Scheitert die Nasdaq-Abstimmung heute Abend, verliert die Aktie ihren stärksten Kurstreiber. Ein positives Votum hingegen öffnet den Weg zur US-Notiz — und zu einem deutlich größeren Investorenkreis.
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