Ausgerechnet in der Woche, in der Sivers Semiconductors seinen Aktionären wegen einer Pflichtmeldung die Hände bindet, bricht der Kurs weiter ein. Am Mittwoch fällt die Aktie vorbörslich um 8,39 Prozent auf 2,38 Euro. Binnen sieben Handelstagen hat das Papier damit knapp 27 Prozent verloren.
Zwangspause vor dem Quartalsbericht
Seit Dienstag steckt Sivers in der sogenannten „Closed Period“. Artikel 19(11) der EU-Marktmissbrauchsverordnung schreibt sie vor. Für 30 Tage dürfen Führungskräfte des Unternehmens keine eigenen Aktien handeln.
Die Regel greift immer vor der Veröffentlichung wichtiger Finanzzahlen. In diesem Fall steht der Zwischenbericht zum zweiten Quartal 2026 an, erwartet für Ende August. Der Insiderhandel ruht damit genau in der Phase, in der die Aktie ohnehin unter starkem Druck steht.
Nasdaq-Pläne bringen Buchhaltung durcheinander
Ein Hauptgrund für die Nervosität liegt tiefer als im Tagesgeschäft. Sivers bereitet ein mögliches Zweitlisting an der Nasdaq in New York vor. Um US-Standards zu erfüllen, hat der Konzern seine Konzernabschlüsse für 2024 und 2025 nach den Vorgaben des Public Company Accounting Oversight Board (PCAOB) neu aufgestellt.
Dieses „Audit Uplift“ hat Berichtsverzögerungen ausgelöst und Umsätze zwischen Perioden verschoben. Das Management beschreibt den Prozess als Investition in „Qualität, Sorgfalt und Transparenz“ für den US-Kapitalmarkt. Der Finanzkalender wurde deshalb angepasst, um die internationalen Prüfstandards vollständig einzuhalten.
Nvidia-Ökosystem als Gegengewicht
Während die Bilanzarbeit für Unsicherheit sorgt, liefert das operative Geschäft handfeste Argumente. Die Tochter Sivers Photonics beliefert Ayar Labs mit hochpräzisen Laser-Arrays für dessen „SuperNova“-Lichtquelle. Ayar Labs wiederum ist kürzlich dem NVLink-Fusion-Ökosystem von Nvidia beigetreten.
Ziel der Partnerschaft: Co-Packaged Optics für KI-Infrastruktur im Rack-Maßstab. Das positioniert Sivers als Zulieferer für die nächste Generation von KI-Rechenzentren mit hohem Datendurchsatz.
Auch im Wireless-Geschäft läuft es. ALL.SPACE hat einen Produktionsauftrag über 8,2 Millionen US-Dollar für Ka-Band-Beamforming-Chips (BFICs) erteilt. Die Lieferungen sollen 2027 beginnen — ein Beleg dafür, dass Sivers von Entwicklungsprojekten zur Serienfertigung übergeht.
Überverkauft, aber unter Beobachtung
Charttechnisch zeigt die Aktie deutliche Erschöpfungssignale. Der 14-Tage-RSI liegt bei 32,6 und signalisiert eine überverkaufte Situation. Trotzdem bleibt der Verkaufsdruck der vergangenen Wochen hoch, die Kursreaktion fällt entsprechend heftig aus.
Das Unternehmen selbst verweist auf eine Pipeline potenzieller Geschäfte im Volumen von 453 Millionen US-Dollar. Ob und wie schnell sich diese Chancen in Umsatz verwandeln, bleibt offen.
Der Quartalsbericht Ende August wird zeigen, wie stark sich die PCAOB-Prüfung finanziell niederschlägt. Bis dahin bleibt der Insiderhandel gesperrt, der Markt schaut auf die Fortschritte bei Nvidia-Partnerschaft, ALL.SPACE-Auftrag und Nasdaq-Antrag.
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