Ein Plus von 18,34 Prozent an einem einzigen Handelstag. So etwas sieht man selten bei einer Aktie, die zuvor über Wochen mehr als die Hälfte ihres Werts verloren hatte. Sivers Semiconductors schließt am Freitag bei 5,20 Euro — mitten in einem Umfeld aus Leerverkäufer-Attacken, Bilanzzweifeln und einem kompletten Umbau des Aufsichtsrats.
Der schwedische Photonik- und Chipspezialist kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Frische Kapitalspritzen von Investoren stehen gegen eine Serie beunruhigender Nachrichten. Der Rebound vom Freitag ändert daran wenig: Auf Sicht von sieben Tagen steht die Aktie noch immer 11,86 Prozent im Minus, auf Monatssicht sind es sogar 37,72 Prozent.
Leerverkäufer greifen Umsatzausweis an
Bereits im Juni veröffentlichte der Leerverkäufer Ningi Research einen kritischen Bericht. Der Vorwurf: Sivers habe Umsätze für Produkte verbucht, die es noch gar nicht gibt. Diese Anschuldigung hat das Vertrauen der Anleger nachhaltig beschädigt.
Die Wirtschaftsprüfer äußern inzwischen offen Zweifel an der Fortführungsfähigkeit des Unternehmens. Eine Neuberechnung nach US-Bilanzstandards hat zudem den Verlust aus dem Vorjahr deutlich nach oben korrigiert. Hinzu kommen schwache Quartalszahlen, ein plötzlicher Führungswechsel und laufende Ermittlungen zu einem mutmaßlichen Informationsleck.
Trotz dieser Belastungen gelang es Sivers, frisches Kapital von Investoren einzusammeln. Das Management beschreibt die Nachfrage dabei als außergewöhnlich hoch. Der Aktienkurs blieb davon jedoch unbeeindruckt — die Mischung aus Leerverkäufer-Druck und regulatorischen Untersuchungen trieb Anleger weiter aus dem Papier.
Aufsichtsrat wird neu aufgestellt
Auf der Hauptversammlung am 15. Juni beschloss Sivers eine grundlegende Neuordnung des Aufsichtsrats. Bami Bastani bleibt Vorsitzender. Neu als stellvertretender Vorsitzender kommt Joakim Nideborn hinzu.
Operatives Geschäft bleibt zwiespältig
Das Management verkauft die Geschichte weiterhin als Wachstumsstory. Im ersten Quartal fiel der Umsatz allerdings um 22 Prozent auf umgerechnet rund 62 Millionen Schwedische Kronen.
Positiver sieht die Auftragslage aus: Die Projekt-Pipeline wuchs in diesem Jahr auf 799 Millionen Dollar. Ein wichtiger LiDAR-Kunde startet im vierten Quartal die Serienproduktion — allein dieses Programm soll bis zu 138 Millionen Dollar einbringen.
CEO Vickram Vathulya bezeichnet die jüngste Kapitalerhöhung als solide Bestätigung für das anhaltende Interesse der Investoren an den Fokusmärkten KI, Satellitenkommunikation und Verteidigung. Er betont damit bewusst: Die Kapitalspritze sei kein Zeichen von Not, sondern Ausdruck von Vertrauen.
Insider-Sperrfristen und Verwässerung
Die eigenen Aktien des Managements bleiben vorerst gesperrt. Aufsichtsratsmitglieder Bami Bastani, Karin Raj und Todd Thomson haben sich ebenso wie CEO Vathulya und CFO Heine Thorsgaard verpflichtet, bis zum 16. Juli 2026 keine Aktien zu verkaufen.
Die Kapitalmaßnahmen der vergangenen Monate haben die Aktienzahl spürbar aufgebläht. Zum 30. Juni zählte Sivers insgesamt 319.953.572 ausstehende Stammaktien.
Charttechnik zeigt extreme Ausschläge
Auch nach dem Freitagssprung bleibt die Aktie weit von alten Höchstständen entfernt. Zum 52-Wochen-Hoch von 10,23 Euro vom 3. Juni fehlen noch fast 50 Prozent. Der Kurs notiert deutlich unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 6,16 Euro, liegt aber weit über dem 100-Tage-Durchschnitt von 3,54 Euro — ein Muster, das die extreme Schwankungsbreite seit dem Märztief unterstreicht.
Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei über 213 Prozent. Damit zählt Sivers zu den unruhigsten Werten an der Stockholmer Börse. Der RSI von 41,2 signalisiert neutrales Terrain — nach oben wie nach unten bleibt reichlich Spielraum.
Der nächste wichtige Termin fällt auf den 6. August 2026. Dann veröffentlicht Sivers seinen Bericht zum zweiten Quartal. Bis dahin dürfte die Aktie hochsensibel auf jede neue Schlagzeile reagieren — die Frage, ob das Management den Leerverkäufer-Vorwürfen belastbare Fakten entgegensetzen kann, bleibt bis dahin unbeantwortet.
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