Der Silbermarkt bekommt gerade beide Seiten seiner Natur zu spüren: Krisenmetall und Industrie-Rohstoff zugleich. Trotz Diplomatiesignalen im Konflikt mit Iran rutschte der Preis unter 77 Dollar je Feinunze. Seit Beginn der Auseinandersetzung liegt Silber noch immer rund 20 Prozent im Minus.
Der Grund liegt weniger im Metall selbst als im makroökonomischen Umfeld. US-Militärangriffe auf Raketenabschussrampen und Schiffe im Süden Irans halten die geopolitische Prämie hoch. Präsident Donald Trump erklärte zwar, die Gespräche mit Teheran verliefen gut, warnte aber vor weiteren Angriffen, falls die Verhandlungen scheitern.
Zinsdruck schlägt Sicherheitsnachfrage
Für Silber ist das ein schwieriger Mix. Geopolitische Risiken stützen zwar die Nachfrage nach sicheren Anlagen. Höhere Energiepreise schüren aber Inflationssorgen und erhöhen den Druck auf die Notenbanken, restriktiv zu bleiben.
Der Ölpreisrückgang der vergangenen Woche hat diese Sorge etwas gedämpft. Reicht das nicht, bleibt Silber anfällig. Als nicht verzinstes Edelmetall leidet es, wenn Anleiherenditen steigen oder Zinssenkungen weiter nach hinten rücken.
Aus Washington kam ein weiterer Dämpfer. Fed-Gouverneur Christopher Waller signalisierte, dass er eine Lockerungstendenz in der geldpolitischen Erklärung der US-Notenbank nicht mehr für angebracht hält.
Die Märkte preisen inzwischen mit rund 55 Prozent Wahrscheinlichkeit mindestens eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bis Oktober ein. Das verändert die Kalkulation für Edelmetalle spürbar. Je länger die Fed hart bleibt, desto höher werden die Opportunitätskosten.
Der April-CPI lag bei 3,8 Prozent und damit über der Prognose von 3,7 Prozent. Es war der höchste Wert seit Mai 2023. Kein Wunder, dass Zinssenkungsfantasie zuletzt deutlich abgebaut wurde.
Die Wahrscheinlichkeit einer Senkung im Juni fiel auf unter 8 Prozent. Die erste Lockerung wird inzwischen eher für September erwartet, mit größerem Gewicht auf November oder Dezember.
Defizit bleibt der Gegenpol
Kurzfristig dominiert also die Zinsseite. Fundamental bleibt der Silbermarkt aber eng. Laut World Silver Survey des Silver Institute und Metals Focus dürfte der Markt 2026 ein Angebotsdefizit von 46,3 Millionen Feinunzen verzeichnen, nach 40,3 Millionen im Vorjahr.
Damit steuert Silber auf das sechste Defizitjahr in Folge zu. Seit 2021 wurden kumuliert 762 Millionen Feinunzen aus oberirdischen Beständen abgebaut, um die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage zu schließen.
Hohe Preise verändern bereits das Verhalten der Industrie. Solarmodulhersteller und Schmuckproduzenten versuchen, Silber aus ihren Lieferketten zu reduzieren. Dieser Rückgang wird derzeit aber durch Kapitalzuflüsse in Münzen, Barren und börsengehandelte Produkte überlagert.
Die physische Investmentnachfrage soll um 20 Prozent auf ein Dreijahreshoch von 227 Millionen Feinunzen steigen. Nach mehreren schwachen Jahren zieht vor allem die westliche Investmentnachfrage wieder an.
Photovoltaik spart, neue Nachfrage wächst
Ein wichtiger Gegenwind kommt aus der Solarbranche. Photovoltaik-Hersteller reduzieren 2026 aktiv den Silberanteil je Panel; die PV-Nachfrage soll um rund 19 Prozent sinken.
Der Effekt hat Grenzen. Silbers elektrische Leitfähigkeit lässt sich im industriellen Maßstab kaum kostengünstig ersetzen. E-Fahrzeuge, KI-Rechenzentren und 5G-Infrastruktur schaffen neue Nachfragekanäle, während die Angebotsseite träge bleibt.
Das globale Silberangebot soll 2026 um 2 Prozent sinken. Viele Minen können nicht einfach stärker fördern, weil Silber oft nur als Nebenprodukt bei Kupfer-, Blei- oder Zinkprojekten anfällt.
J.P. Morgan Global Research erwartet für 2026 einen durchschnittlichen Silberpreis von 81 Dollar je Feinunze. Das wäre mehr als doppelt so viel wie im Vorjahresdurchschnitt.
Auch die LBMA-Analystenumfrage zeigt ein deutlich höheres Preisband. Die durchschnittliche Prognose für 2026 liegt bei 79,57 Dollar je Feinunze.
Auffällig ist die Spanne: Die LBMA nennt eine erwartete Handelsspanne von 42 bis 165 Dollar. Das zeigt, wie stark der Markt zwischen Defizitstory, Zinsdruck und geopolitischen Risiken schwankt.
Kurzfristig bleibt Silber an die Fed-Erwartungen und den Iran-Konflikt gekoppelt. Ein formeller Waffenstillstand würde die Krisenprämie senken, eine klare Zinswende könnte dagegen den Druck von der Bewertungsseite nehmen. Bis dahin trifft strukturelle Knappheit auf ein Umfeld, das nicht verzinste Anlagen ausbremst.
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