Silber notiert bei rund 70,42 US-Dollar je Feinunze — und steht unter Druck aus zwei Richtungen gleichzeitig. Ein US-Iran-Friedenspakt drückt die Ölpreise und beruhigt die Inflationssorgen. Die neue Fed-Führung unter Kevin Warsh sendet jedoch ein hawkisches Signal. Das Ergebnis: ein Markt im Gleichgewicht zwischen Erleichterung und Nervosität.
Fed überrascht mit Zinserhöhungssignal
Die erste Sitzung unter Warsh verlief geldpolitisch ohne große Überraschung. Der Leitzins blieb bei 3,5 bis 3,75 Prozent. Der Ton dahinter war eine andere Sache.
Neun von 18 Fed-Beamten erwarten, dass der Leitzins das Jahr 2026 oberhalb des aktuellen Zielbands abschließt. Der Median-Forecast im Dot Plot zeigt den Leitzins zum Jahresende bei 3,8 Prozent — nach 3,4 Prozent in der März-Projektion. Warsh ließ außerdem die bisherige Lockerungsneigung aus dem geldpolitischen Statement streichen.
Die Inflationsprognose erhöhte die Fed auf 3,6 Prozent für 2026. Zum Vergleich: Im März rechnete sie noch mit 2,7 Prozent. Treiber sind Energiepreise, die im Mai gegenüber dem Vorjahr um 23,5 Prozent gestiegen sind — eine direkte Folge des seit Februar andauernden US-Iran-Konflikts.
Laut CME FedWatch Tool liegt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bis Jahresende aktuell bei 42,2 Prozent.
Iran-Abkommen mildert den Druck
Zu Wochenbeginn sprang Silber in Richtung 71 US-Dollar. Der Auslöser: Die USA und der Iran einigten sich auf eine Friedensvereinbarung. Sie soll die Straße von Hormus wieder öffnen und den Ölfluss normalisieren. Die Ölpreise fielen daraufhin auf ein Zwei-Monats-Tief.
Das Abkommen soll am 19. Juni in der Schweiz unterzeichnet werden. Es umfasst die Aufhebung von Blockaden, eine Lockerung der Sanktionen und den Abbau des iranischen Atomprogramms. Vollständig besiegelt ist der Deal noch nicht. Die Räumung von Minen und die Normalisierung der Lieferketten dürften erhebliche Zeit beanspruchen.
Für Silber ist das relevant: Sinken die Energiepreise dauerhaft, fällt ein wesentlicher Inflationstreiber weg. Das begrenzt den Druck auf die Realzinsen — und damit auf den Silberpreis.
Strukturelles Defizit als stabiles Fundament
Unabhängig vom Zinsumfeld bleibt der Silbermarkt fundamental angespannt. Das Silver Institute prognostiziert für 2026 ein sechstes aufeinanderfolgendes Angebotsdefizit — diesmal 46,3 Millionen Unzen, nach 40,3 Millionen im Vorjahr. Seit 2021 haben sich die oberirdischen Lagerbestände um kumuliert 762,1 Millionen Unzen verringert.
Das Angebot lässt sich kurzfristig kaum ausweiten. Silber fällt überwiegend als Nebenprodukt bei der Kupfer-, Zink- oder Bleiförderung an.
Gemessen am Eröffnungspreis der Vorwoche legte Silber bis Mittwoch um 9,9 Prozent zu. Im Monatsvergleich liegt das Metall rund 9 Prozent im Minus — auf Jahressicht aber immer noch rund 91 Prozent im Plus. Das strukturelle Defizit dürfte diesen langfristigen Rückenwind vorerst aufrechterhalten, solange der Friedensprozess die Energieinflation dämpft und die Fed keine abrupte Kehrtwende vollzieht.
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