Während der Silberpreis am Freitag ins Rutschen gerät, feiern die großen Produzenten der Branche einige ihrer besten Quartale seit Jahren. Der Widerspruch zeigt: Kurzfristig bestimmen Zinserwartungen und Dollarkurs das Geschehen, nicht die operative Stärke der Minenkonzerne.
Fed und Dollar setzen den Ton
Die US-Notenbank hielt ihren Leitzins am Mittwoch unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent, drei Ausschussmitglieder stimmten gegen die Entscheidung. Anleger deuteten die Kommunikation als hawkisch und trieben die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung im September nach Angaben der Business Times auf 63 Prozent hoch. Höhere Zinsen verteuern das Halten von zinslosem Silber und Gold – ein klassischer Belastungsfaktor für Edelmetalle.
Der US-Dollar lieferte dazu die passende Gegenbewegung. Er war am Donnerstag zeitweise um 2,4 Prozent eingebrochen, der stärkste Tagesverlust seit Januar 2023, nachdem Japans Regierung und die Bank of Japan am Devisenmarkt intervenierten. Am Freitag drehte der Dollar-Index wieder nach oben, und Silber (XAG/USD) fiel im asiatischen Handel auf rund 58,40 Dollar zurück – ein Rückgang von fast einem Prozent binnen weniger Stunden, wie FXStreet berichtete.
Charttechnik am Scheideweg
Charttechnisch bewegt sich der Silber-Future an einer heiklen Marke. Zuletzt notierte er bei 58,87 Dollar, knapp über dem 61,8-Prozent-Fibonacci-Retracement bei 57,62 Dollar – aus Sicht von FXStreet ein Niveau, das über die weitere Richtung entscheidet. Fällt der Kurs darunter, rückt laut derselben Analyse der 20-Tage-Durchschnitt bei 58,91 Dollar als nächster Widerstand ins Blickfeld, während der Relative-Stärke-Index bei 46 auf eine neutrale bis leicht schwache Verfassung des Marktes hindeutet.
Dass die Verkaufsdynamik begrenzt bleibt, zeigen Wettmärkte: Händler taxierten die Wahrscheinlichkeit, dass Silber im Juli noch auf 54 Dollar fällt, zuletzt auf nur 17 Prozent. Ein Rutsch bis 46 Dollar gilt mit einem Prozent praktisch als ausgeschlossen. Der breite Markt rechnet also eher mit einer Konsolidierung als mit einem scharfen Einbruch.
Minenkonzerne trotzen der Schwäche
Auf Unternehmensebene liefert die Branche derzeit das genaue Gegenteil der Kursschwäche. First Majestic Silver meldete für das zweite Quartal einen Umsatz von 416 Millionen Dollar, ein Plus von 53 Prozent, während sich das EBITDA auf 252 Millionen Dollar mehr als verdoppelte. Der operative Cashflow lag bei 248 Millionen Dollar, der freie Cashflow bei 195 Millionen Dollar.
Das Unternehmen erhöhte die Dividende gegenüber dem Vorjahr deutlich und kaufte Aktien im Wert von 22 Millionen Dollar zurück. Zugleich stockte First Majestic seinen Silberbestand auf über eine Million Unzen auf – ein Indiz dafür, dass der Konzern auf höhere Preise setzt, statt bei aktuellen Notierungen zu verkaufen. Der Neustart der Mine Jerritt Canyon ist für das dritte Quartal 2027 mit einem Budget von 75 Millionen Dollar geplant, in der Mine Santo Niño steht die erste Sprengung am 15. August an.
Ähnlich lief es beim finnischen Produzenten Sotkamo Silver: Der Umsatz kletterte um 151 Prozent auf 198 Millionen schwedische Kronen, das EBITDA erreichte 86 Millionen Kronen. Für das Gesamtjahr rechnet das Unternehmen mit einer Silberproduktion von 0,9 bis 1,2 Millionen Unzen und einem EBITDA von über 33 Millionen Euro, gestützt durch einen Konzentratvertrag mit Boliden bis 2030.
Auch auf der Explorationsseite tut sich einiges: Der australische Entwickler Silver Mines erhöhte die Reserven seines Bowdens-Projekts auf 93,5 Millionen Unzen Silber, der geschätzte Kapitalwert des Vorhabens kletterte auf 736 Millionen Dollar. In Bolivien treibt derweil Eloro Resources die Erschließung des Iska-Iska-Projekts mit einem umfangreichen Nachbohrprogramm voran.
Rezessionsmuster als Warnsignal und Chance
Historisch reagiert Silber auf Rezessionsängste zunächst heftiger als Gold, erholt sich danach aber auch kräftiger. Laut einer Analyse von GOLDINVEST brach der Silberpreis 2008 um rund 50 Prozent ein, bevor er sich in der folgenden Erholungsphase mehr als vervierfachte – deutlich stärker als Gold, das im selben Zeitraum lediglich rund 170 Prozent zulegte. Auch 2020 fiel Silber im Zuge der Pandemie zunächst stärker als Gold, drehte zum Jahresende aber ebenfalls kräftiger nach oben.
Für Anleger bedeutet das aktuelle Bild damit zwei Geschichten zugleich: kurzfristig belasten Fed-Zinspolitik und ein erstarkender Dollar den Kurs, mittelfristig liefert die Industrie mit Rekordzahlen und wachsenden Reserven weiter Substanz für die Knappheitsthese am Silbermarkt.
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