Ausgangslage
Zwei Bankhäuser haben heute ihre Kursziele für Siemens deutlich angehoben. Goldman Sachs sieht die Aktie künftig bei 319 Euro statt zuvor 292 Euro und bestätigt die Einstufung „Buy“. Berenberg legt noch einen drauf und hebt sein Ziel von 320 auf 330 Euro, ebenfalls mit „Buy“-Votum.
Analyst Richard Dawson von Berenberg begründet dies mit der überdurchschnittlichen Dynamik der Sparte Smart Infrastructure. Beide Häuser stützen sich auf die Zahlen zum dritten Geschäftsquartal, die Siemens am 6. August vorgelegt hatte: ein um 14 Prozent gestiegener vergleichbarer Auftragseingang und ein freier Cashflow von 4,1 Milliarden Euro.
Der Konzern hatte daraufhin seinen Ergebnisausblick für das laufende Geschäftsjahr angehoben und eine Verdopplung der Auftragseingänge im Bereich Rechenzentren-Infrastruktur gemeldet – getrieben vom KI-Boom.
Der Markt reagiert darauf verhalten. Die Aktie notiert bei 274,80 Euro und damit 5,6 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von Anfang August, seit dem Erreichen dieser Marke ist der Kurs bereits mehrere Prozentpunkte zurückgekommen. Die frischen Kurszielanhebungen treffen also auf ein Papier, das operativ Stärke zeigt, an der Börse aber gerade eine Verschnaufpause einlegt.
Die entscheidende Frage
Für Anleger läuft derzeit alles auf eine Frage hinaus: Kann der KI-getriebene Rechenzentrums-Boom die hohe Bewertungserwartung – Kursziele bis 330 Euro – tatsächlich tragen, oder ist die Rally in dieser Wachstumsstory bereits eingepreist? Nicht alle Analysten sind sich einig.
RBC Capital Markets beließ die Einstufung heute auf „Sector Perform“ mit einem deutlich niedrigeren Kursziel von 280 Euro – nahe am aktuellen Kurs. RBC sieht zwar eine verbesserte Branchendynamik im Industriesektor, getrieben durch KI-Rechenzentren und Luftfahrt, bewertet Siemens damit aber eher als fair bewertet denn als klaren Kaufkandidaten.
Die Spanne zwischen 280 und 330 Euro markiert damit exakt die Bandbreite, in der sich die Meinungen über die Nachhaltigkeit des Rechenzentrums-Wachstums bewegen.
Bullisches Szenario
Setzt sich die operative Dynamik fort, dürfte Siemens von der strukturellen Nachfrage nach Rechenzentrumsinfrastruktur weiter profitieren. Die Verdopplung der entsprechenden Auftragseingänge ist noch jung, ein Basiseffekt für kommende Quartale liegt nahe.
Parallel läuft das Aktienrückkaufprogramm: Zwischen dem 10. und 16. August erwarb Siemens 305.200 eigene Aktien zu einem Durchschnittskurs von rund 281 Euro, insgesamt sind seit Juli bereits über zwei Millionen Aktien zurückgekauft worden. Ein solches Programm stützt strukturell den Kurs und signalisiert Vertrauen des Managements in die eigene Bewertung.
Gelingt zudem die für das Geschäftsjahr 2026 anvisierte Effizienzsteigerung im Rahmen der „One Tech Company“-Strategie, könnte die Marge zusätzlich profitieren – ein Argument, das insbesondere Goldman Sachs mit Blick auf die Erwartungen für das Geschäftsjahr 2028 stark gewichtet.
Bärisches Szenario
Das RBC-Votum liefert das Gegengewicht: Wenn der KI-Boom in der Breite bereits im Kurs abgebildet ist, bleibt wenig Spielraum für weitere Überraschungen. Die Aktie bewegt sich derzeit fast exakt auf ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 274,86 Euro, ein Zeichen für eine Marktphase ohne klaren Trend.
Der RSI von 47 signalisiert weder Über- noch Unterverkauft-Zustand – der Markt wartet ab. Hinzu kommt die parallel laufende, komplexe Aufspaltung von Siemens Healthineers: Der Vorstand hat zwar steuerliche Sachverhalte verbindlich klären wollen und den Abbau von Führungspositionen zur Effizienzsteigerung bestätigt, doch solche Umbauten binden Managementkapazität und bergen Ausführungsrisiken.
Bleibt die Integration der Rechenzentrums-Sparte hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück, dürften Kursziele wie jene von Berenberg oder Goldman schnell als zu optimistisch gelten.
Ausblick
Solange der Auftragseingang im Rechenzentrumsgeschäft seine Dynamik hält und der Aktienrückkauf den Kurs stützt, bleibt das bullische Lager – vertreten durch Goldman Sachs und Berenberg – im Vorteil. Kippt die Wachstumsstory, etwa durch eine Abkühlung der KI-Investitionswelle oder Verzögerungen bei der Healthineers-Trennung, dürfte sich die vorsichtigere RBC-Einschätzung als treffender erweisen.
Der nächste konkrete Prüfstein folgt am 12. November mit den Zahlen zum vierten Quartal und zum Gesamtgeschäftsjahr 2026 – dann zeigt sich, ob die angehobene Guidance tatsächlich Substanz hatte.
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