Ausgangslage
Siemens hat mit den Zahlen zum dritten Geschäftsquartal am 6. August die eigene Latte höher gelegt. Der Auftragseingang stieg nominal auf 27,9 Milliarden Euro, ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Profit im Industriegeschäft kletterte um 25 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro.
Für Anleger zählt vor allem eines: Der Konzern hob die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr auf 11,20 bis 11,50 Euro je Aktie an, vorher lag die Spanne bei 10,70 bis 11,10 Euro. Auch die Sparte Smart Infrastructure, seit Juli unter der Verantwortung von Peter Koerte, verbesserte ihre Zielmarken für Umsatzwachstum und Marge deutlich.
Die Aktie notiert aktuell bei 281,55 Euro, ein Plus von 0,7 Prozent gegenüber dem Vortag. Damit bleibt das Papier etwas unter dem 52-Wochen-Hoch von 291,25 Euro, das erst Anfang August erreicht wurde. Der Markt hat die Zahlen also honoriert, aber nicht euphorisch gefeiert – die entscheidende Frage lautet, ob die höhere Guidance tatsächlich Substanz hat oder bereits im Kurs verarbeitet ist.
Die entscheidende Frage
Der Knackpunkt für die kommenden Monate ist, ob Siemens das Momentum aus dem Industriegeschäft über das laufende Geschäftsjahr hinaus verstetigen kann. Der Auftragseingang ist die Vorlaufindikatorzahl schlechthin: Ein anhaltend hoher Wert signalisiert, dass die angehobene Gewinnprognose auf einem breiteren Fundament steht als nur auf Kostendisziplin.
Bleibt der Auftragseingang stabil über dem Umsatzniveau, untermauert das die Wachstumsstory. Fällt er ab, würde die Guidance-Anhebung schnell als Momentaufnahme erscheinen.
Bullisches Szenario
Für optimistische Anleger spricht die Breite der Verbesserung: Nicht nur der Konzern insgesamt, sondern auch einzelne Sparten wie Smart Infrastructure haben ihre Ziele nach oben korrigiert.
UBS reagierte nach den Zahlen mit einer Anhebung des Kursziels von 310 auf 330 Euro und bestätigte die Einstufung „Buy“. Das würde, sollte sich diese Einschätzung bewahrheiten, noch deutliches Potenzial über dem aktuellen Kursniveau bedeuten. Hinzu kommt das laufende Aktienrückkaufprogramm über bis zu sechs Milliarden Euro, das seit Anfang Juli sukzessive umgesetzt wird – zuletzt wurden binnen einer Woche 267.600 eigene Aktien erworben. Das stützt den Kurs technisch und signalisiert Vertrauen des Managements in die eigene Bewertung.
Auch die im Mai angekündigte Übernahme von VON Mermec, dem italienischen Bahntechnikanbieter für rund 1,2 Milliarden Euro, könnte das Portfolio im Bahngeschäft mittelfristig stärken, sofern der für Ende 2026 geplante Abschluss wie vorgesehen erfolgt.
Bärisches Szenario
Skeptischer fällt die Einschätzung der Deutschen Bank aus: Sie hob ihr Kursziel zwar ebenfalls an, von 260 auf 270 Euro, blieb aber bei der Einstufung „Hold“ – deutlich vorsichtiger als UBS und mit einem Zielwert, der unterhalb des aktuellen Kurses liegt. Das deutet darauf hin, dass nicht jeder Beobachter die Anhebung der Guidance als Einladung zu weiteren Kurssteigerungen liest.
Ein Risiko liegt in der Bewertung selbst: Die Aktie hat seit Jahresbeginn bereits 18 Prozent zugelegt und damit einen guten Teil der operativen Verbesserung vorweggenommen. Zudem war der jüngste Wochenverlauf mit einem Minus von 1,5 Prozent auf Sieben-Tage-Sicht ein Hinweis darauf, dass der Markt nach dem Rekordquartal auch Gewinne mitnimmt.
Sollte sich der Auftragseingang in den kommenden Quartalen normalisieren oder makroökonomischer Gegenwind – etwa in der Industriekonjunktur – zunehmen, dürfte die aktuell hohe Bewertung schnell unter Druck geraten.
Ausblick
Solange der Auftragseingang auf hohem Niveau verbleibt und die Sparten ihre angehobenen Margenziele bestätigen, bleibt das bullische Szenario intakt – die Kurszielanhebung von UBS auf 330 Euro wäre dann ein plausibler Referenzpunkt.
Kippt hingegen der Auftragstrend, oder bleibt die Wachstumsdynamik hinter der optimistischeren Guidance zurück, dürfte sich der vorsichtigere Blick der Deutschen Bank als der treffendere erweisen.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Abschluss des Geschäftsjahres 2026: Erst die endgültigen Jahreszahlen werden zeigen, ob die im August angehobene Prognose tatsächlich Bestand hat oder nachträglich relativiert werden muss. Bis dahin bleibt der Fortgang des Aktienrückkaufprogramms ein technischer Stabilitätsfaktor, der unabhängig vom operativen Geschäft für Nachfrage nach der Aktie sorgt.
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