Zwischen Rekordbestellungen für Gasturbinen und einem Sanierungsfall im Windgeschäft könnte der Unterschied kaum größer sein. Während Analysten bei Siemens Energy und RWE geradezu ins Schwärmen geraten, kämpft ABO Wind ums nackte Überleben und Vulcan Energy sucht vergeblich nach einem Boden. Der Sektor der erneuerbaren Energien zeigt derzeit zwei völlig gegensätzliche Gesichter.
Sektorüberblick: Zwei Geschwindigkeiten in der Energiewende
Große, diversifizierte Namen mit Bezug zu Netzinfrastruktur, Gasturbinen und Offshore-Windbau ziehen derzeit frisches Analystenkapital an. Kleinere Entwickler, die mit Bilanzproblemen oder verzögerter Kommerzialisierung ringen, bleiben dagegen unter Druck. Siemens Energy hat sich zum Musterschüler der Branche entwickelt, getragen von einer Welle angehobener Kursziele wegen boomender Gasturbinen-Auftragsbücher.
RWE treibt parallel einige der größten Offshore-Windprojekte Europas voran und bekam gerade sein Kreditprofil von einer großen Ratingagentur bestätigt. Auf der anderen Seite steckt ABO Wind mitten in einem Sanierungsprozess, der den Aktienkurs binnen eines Jahres um mehr als 90 Prozent hat einbrechen lassen. Vulcan Energy wiederum markierte trotz fortschreitendem Bau seines deutschen Lithium-Geothermie-Projekts ein neues Zwölfmonatstief. Verbio schließlich pendelt weiter zwischen zweistelligen Wochengewinnen und ebenso heftigen Rücksetzern, getrieben von Ölpreis-Sensitivität und dünnen Handelsvolumina.
Siemens Energy: UBS sieht Potenzial für kräftigen Kursschub
Siemens Energy führt die DAX-Gewinnerliste an, nachdem UBS eine ihrer bislang optimistischsten Einschätzungen zum Konzern veröffentlicht hat. Die Schweizer Großbank hob ihr Kursziel von 175 auf 210 Euro an und bestätigte die Kaufempfehlung. Begründet wird der Schritt mit einem noch nicht erreichten Höhepunkt im Gasturbinengeschäft für das Geschäftsjahr 2026.
Die Analysten rechnen mit rund 11 Prozent höheren EBITA-Schätzungen für die Jahre 2026 bis 2029, getrieben von anhaltend starker Nachfrage nach Gasturbinen und Netztechnik. Siemens Energy selbst hat seine langfristige Markteinschätzung angehoben und erwartet nun im Schnitt 110 bis 120 Gigawatt jährliches Marktvolumen zwischen 2025 und 2035. UBS geht davon aus, dass der Konzern das Jahr 2026 mit rund 100 Gigawatt an Auftragsbestand und Produktionsslots abschließt und 2027 mehr als 40 Gigawatt an Neuaufträgen einsammelt.
Auch RBC Capital Markets zog nach und hob sein Kursziel ebenfalls auf 210 Euro an. Parallel dazu verdichten sich Berichte, wonach CEO Christian Bruch die internen Renditevorgaben für die Konzernsparten verschärft hat – schwächelnden Einheiten drohe im Zweifel eine Abspaltung. Ein Zeichen, dass das Management trotz voller Auftragsbücher auf Margendisziplin pocht.
Die Aktie notiert aktuell bei 153,24 Euro und legte damit im Tagesverlauf um 1,69 Prozent zu, bleibt aber rund 21,6 Prozent unter ihrem Zwölfmonatshoch von 195,54 Euro. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 60 – dem zweithöchsten im DAX – ist bereits viel Zuversicht eingepreist. Selbst UBS weist auf die hohe Bewertung hin, sieht aber noch immer einen Abschlag von rund 35 Prozent gegenüber dem US-Konkurrenten GE Vernova.
Vulcan Energy: Neues Zwölfmonatstief trotz Baufortschritt
Bei Vulcan Energy erzählt der Kursverlauf eine ganz andere Geschichte. Die Aktie markierte Ende Juli mit 1,60 Euro ein frisches Zwölfmonatstief und notiert aktuell bei 1,65 Euro, ein Plus von 2,80 Prozent im Tagesvergleich – nach einem Freitagsschluss von 1,61 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 35,31 Prozent zu Buche, über zwölf Monate sind es fast 28 Prozent Verlust.
Operativ kommt das Lithium-Geothermie-Projekt Lionheart im Oberrheingraben derweil voran. Der Bau hat begonnen, die kommerzielle Produktion soll 2028 starten, angelegt auf eine Projektlaufzeit von 30 Jahren. Für die ersten zehn Betriebsjahre hat sich Vulcan bereits Abnahmeverträge gesichert, unter anderem mit Volkswagen, Stellantis, LG Energy Solution, Umicore und Glencore. Zuletzt begannen zudem die Arbeiten an der Pipeline-Verbindung zwischen der Geothermieanlage in Insheim und dem Bohrstandort Schleidberg.
Dass der Kurs trotz dieser greifbaren Fortschritte nicht vom Fleck kommt, dürfte auch an Sorgen über Insider-Aktienverkäufe und die lange Wegstrecke bis zu echten Cashflows liegen. Die Anleger scheinen das Ausführungsrisiko auf dem Weg bis 2028 derzeit stärker zu gewichten als die operativen Meilensteine.
ABO Wind: Sanierung drückt Kurs auf Mehrjahrestief
ABO Wind, mittlerweile unter der Marke ABO Energy am Markt, bleibt einer der klarsten Verlierer im Sektor. Die Aktie legte zwar am Berichtstag um 7,55 Prozent auf 3,56 Euro zu, bewegt sich damit aber weiterhin nahe ihrem Fünfjahrestief von 3,45 Euro aus dem Juni. Der langfristige Abwärtstrend läuft bereits seit August vergangenen Jahres und hat den Kurs um mehr als 90 Prozent einbrechen lassen.
Ausgangspunkt der Talfahrt ist ein formaler Sanierungsprozess. ABO Energy hat seine Prognose für 2026 angepasst und ist der Verlustanzeigepflicht nach Paragraf 92 des Aktiengesetzes nachgekommen, verbunden mit einem eingereichten Sanierungskonzept. Nach eigenen Angaben treibt der Konzern parallel seine strategische Weiterentwicklung und die Suche nach Finanzierungslösungen voran. Verpfändungen von Aktien durch Mitglieder der Gründerfamilien im Zusammenhang mit Kredittransaktionen haben die Verunsicherung der Anleger zusätzlich verstärkt.
Operativ bleibt das Kerngeschäft aus Wind-, Solar-, Batterie- und Wasserstoffprojekten in 16 Ländern intakt. Grundstückseigentümer und Kommunen erhalten weiterhin Pachteinnahmen aus Windturbinen – ein Geschäftsmodell, das auch während der finanziellen Restrukturierung Cashflow generiert.
RWE: Fitch bestätigt Rating, Offshore-Baustellen liefern
RWE zeigt sich vergleichsweise robust, gestützt sowohl durch die Kreditmärkte als auch durch handfeste Baufortschritte. Fitch bestätigte das langfristige Emittentenrating bei BBB+ mit stabilem Ausblick und untermauert damit die Finanzierungsfähigkeit des Konzerns, der weiter Milliardensummen in erneuerbare Energien steckt.
Beim Offshore-Windpark Thor vor der dänischen Westküste sind mittlerweile 36 der geplanten 72 Turbinen installiert, das Projekt zielt auf eine Gesamtkapazität von 1,1 Gigawatt. Die restlichen Turbinen sollen bis Ende 2026 fertiggestellt sein. Auch das Projekt Nordseecluster in der deutschen Nordsee liegt im Zeitplan: Die vollständige Inbetriebnahme des 660-Megawatt-Blocks Nordseecluster A ist für Anfang 2027 vorgesehen, Nordseecluster B soll ab 2029 weitere 900 Megawatt beisteuern.
Die Aktie notiert aktuell bei 57,88 Euro, nach einem Tagesminus von 1,43 Prozent, bleibt aber nur rund 6,7 Prozent unter ihrem Zwölfmonatshoch von 62,00 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von fast 28 Prozent zu Buche. Fundamental wirkt RWE mit einem einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis und einer Dividendenrendite von über 2,5 Prozent vergleichsweise günstig bewertet – ein Spiegelbild seines breiten Mixes aus Onshore- und Offshore-Wind, Solar, Speichern und Handelsgeschäft.
Verbio: Heftige Ausschläge um eine anspruchsvolle Bewertung
Verbio bleibt der volatilste Titel im Sektor. Die Aktie notiert aktuell bei 31,08 Euro, ein Tagesminus von 3,78 Prozent, nachdem sie zuvor auf Wochensicht bereits 6,44 Prozent verloren hatte. Über 30 Tage steht dagegen ein Plus von 11,40 Prozent, seit Jahresbeginn sogar ein Zuwachs von 46,60 Prozent – ein Auf und Ab, das den Handel der vergangenen Wochen geprägt hat.
Die Bewertung bleibt ein zentrales Thema unter Investoren. Mit einem für 2026 erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 39 bleibt wenig Spielraum für Enttäuschungen. Operativ zählt Verbio zu Europas führenden Biokraftstoffherstellern und ist der einzige integrierte Anbieter in Deutschland und Europa, der sowohl Biodiesel als auch Bioethanol vertreibt, mit einem Kundenstamm, der nahezu alle großen europäischen Ölkonzerne umfasst. Wiederholte Prognoseanhebungen im Jahresverlauf, getragen von starker Nachfrage nach Biomethan und Bioethanol, konnten die Sorgen um die Margenstabilität in einem stark ölpreisabhängigen Geschäft bislang nicht vollständig zerstreuen.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Titel zeigen, wie zweigeteilt Investments in erneuerbare Energien derzeit sind:
- Siemens Energy und RWE profitieren von greifbaren, kurzfristigen Katalysatoren – Auftragsmomentum und frische Analysten-Upgrades im einen Fall, Baumeilensteine und ein bestätigtes Kreditrating im anderen.
- Vulcan Energy und ABO Wind befinden sich in einer früheren beziehungsweise angeschlagenen Unternehmensphase, in der Finanzierungsnachrichten und Insider-Transaktionen den Kurs stärker treiben als operative Fortschritte.
- Verbio bewegt sich in der Mitte: ein etabliertes, profitables Kerngeschäft trifft auf extreme Schwankungen durch Rohstoff- und Regulierungsrisiken.
- Größe und Diversifizierung verschaffen den DAX-Schwergewichten spürbar mehr Widerstandsfähigkeit gegen kurzfristige Stimmungsschwankungen als den kleineren, spezialisierten Playern.
Bei Vulcan Energy etwa hakt der physische Baufortschritt am Lionheart-Projekt zwar wie geplant, doch der Kurs findet keinen Halt – ein Hinweis darauf, dass der Markt das Ausführungsrisiko bis zur kommerziellen Produktion 2028 höher gewichtet als die Meilensteine selbst. ABO Wind wiederum befindet sich durch das laufende Sanierungsverfahren in einer völlig anderen Risikokategorie, in der Anleger auf den finalen Ausgang des Sanierungskonzepts warten.
Die nächsten Wegmarken für Anleger
Bei Siemens Energy dürfte die entscheidende Frage sein, wann das Momentum im Gasturbinengeschäft seinen Höhepunkt erreicht – UBS erwartet Wachstum bis mindestens 2027, doch jedes Anzeichen einer Abschwächung könnte die hoch bewertete Aktie schnell unter Druck setzen. Bei RWE bleibt der Offshore-Baukalender der wichtigste Gradmesser, mit den verbleibenden Turbineninstallationen bei Thor und der Inbetriebnahme von Nordseecluster A als nächsten Etappenzielen vor 2027.
Vulcan Energys weiterer Weg dürfte sich an neuen Baufortschritten in Landau und Insheim entscheiden, während ABO-Wind-Anleger auf die Finalisierung des Sanierungskonzepts sowie anstehende Halbjahreszahlen und die Hauptversammlung später im Jahr blicken. Verbio dürfte weiterhin eng an der Ölpreisentwicklung und möglichen neuen Prognoseanpassungen hängen – angesichts der ausgeprägten Sensitivität der Aktie gegenüber beiden Faktoren ein Muster, das sich so schnell nicht ändern dürfte.
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