Liebe Leserinnen und Leser,
einen sehr starken Kurssprung hat gestern die Aktie von Siemens Energy nach den schwachen Vortagen geschafft. 145,77 Euro leuchteten gestern von den Börsentafeln. Ein Plus von 7,8 % katapultierte das Papier deutlich nach vorne.
Technische Daten sind stärker geworden
Das hinterlässt auch in der technischen Analyse Spuren. Zwar liegt die Aktie noch immer 9,4 % unter der 100-Tage-Linie, die als wichtiger mittelfristiger Trendindikator gilt. Dafür konnte Siemens Energy die 200-Tage-Linie, den wohl bedeutendsten langfristigen technischen Indikator, wieder um 1,1 % überwinden. Das allein hat zwar noch wenig Aussagekraft, zeigt jedoch, dass sich die Stimmung an den Märkten wieder drehen könnte.
Algorithmische Handelssysteme orientieren sich häufig an solchen technischen Marken. Entscheidend wird nun sein, ob dieser kleine Vorsprung oberhalb der 200-Tage-Linie ausreicht, um eine nachhaltige Trendwende einzuleiten. Für die fundamentale Bewertung spielt dies zwar nur eine untergeordnete Rolle, für die Marktstimmung ist es jedoch durchaus relevant.
Nach den deutlichen Verlusten der vergangenen Tage hat sich die Bilanz inzwischen wieder verbessert. Innerhalb der zurückliegenden fünf Handelstage beträgt das Minus nur noch 2,9 %. Auf Sicht von vier Wochen liegt der Rückgang bei 11,88 %. Gemessen an der bisherigen Jahresentwicklung relativieren sich diese Werte allerdings. Seit Jahresbeginn steht die Aktie noch immer mit 21,4 % im Plus, auf Zwölfmonatssicht beträgt der Gewinn sogar 55,1 %.
Siemens Energy Aktie Chart
Siemens Energy ist wieder im Vorwärtsgang
Die Märkte haben damit wieder den Vorwärtsgang eingelegt, nachdem die Aktie zuvor erheblich unter Druck geraten war. Konkrete Unternehmensnachrichten, die den kräftigen Kursanstieg erklärt hätten, gab es allerdings kaum. Vielmehr handelt es sich offenbar um eine Marktreaktion.
Ein möglicher Auslöser könnte das sogenannte OTCQX-Listing in den USA gewesen sein. Seit Mittwoch wird die Aktie auf der Handelsplattform OTCQX gehandelt. Dadurch erhalten insbesondere US-Privatanleger einen deutlich einfacheren Zugang zur Aktie, ohne dass Siemens Energy die umfangreichen Anforderungen einer vollständigen SEC-Registrierung erfüllen muss.
Beobachter werten dies als Vorteil. Gerade US-Investoren suchen verstärkt nach Unternehmen mit Bezug zur Energiewende. Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, könnte Siemens Energy von einer höheren Liquidität und einem breiteren Investorenkreis profitieren.
Energiesektor insgesamt erholt sich
Ein weiterer Grund für die Erholung könnte die insgesamt verbesserte Stimmung im Energiesektor sein. So überraschte Nordex zuletzt positiv, während RWE mit einer Prognoseanhebung überzeugen konnte.
Viele Marktteilnehmer leiten daraus ab, dass der Energiesektor seine schwierigste Phase möglicherweise hinter sich gelassen hat.
Einen Kritikpunkt gibt es: Die Volatilität
Ob dies bereits das Ende der jüngsten Abwärtsbewegung markiert, bleibt allerdings offen. Siemens Energy befindet sich weiterhin in einer ausgesprochen volatilen Marktphase. Bereits im Mai war die Aktie deutlich eingebrochen, bevor sie sich von Kursen knapp oberhalb von 130 Euro bis auf über 170 Euro erholte. Anschließend setzte jedoch erneut eine längere Abwärtsbewegung ein. Auch diesmal lag das vorläufige Tief wieder im Bereich von rund 133 Euro. Das zeigt, wie schwankungsanfällig die Stimmung rund um das Unternehmen derzeit ist.
Auslöser der jüngsten Korrektur waren zunächst die Quartalszahlen des US-Konkurrenten GE Vernova. Während die Ergebnisse für das abgelaufene Quartal überzeugten, stieß der Ausblick auf Zurückhaltung bei den Investoren. In der Folge gerieten auch Aktien wie Siemens Energy deutlich unter Druck.
Nur wenige Tage später verschlechterte sich zusätzlich die Stimmung im gesamten KI-Sektor. An den Börsen wurde zunehmend die Frage diskutiert, ob sich die enormen Investitionen in Künstliche Intelligenz tatsächlich wirtschaftlich auszahlen werden. Die weltweit größten Technologiekonzerne haben Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe angekündigt. Klar ist, dass sich derartige Ausgaben nicht unmittelbar in entsprechenden Umsatz- und Gewinnsteigerungen niederschlagen können.
KI: Fluch oder Segen für die Siemens Energy
Diese Zweifel belasteten auch Siemens Energy. Das Unternehmen profitiert zwar erheblich vom Ausbau der Energieinfrastruktur für KI-Rechenzentren, geriet dadurch aber gleichzeitig in den Sog der allgemeinen Skepsis gegenüber dem KI-Sektor. Der Konzern selbst hatte keinerlei negative Unternehmensnachrichten veröffentlicht. Vor diesem Hintergrund erscheint es noch etwas früh, bereits von einem endgültigen Ende der Kursschwäche zu sprechen.
Positiv bleibt jedoch, dass die Aktie nun auch über OTCQX in den USA handelbar ist und das Unternehmen keine schwachen Nachrichten publizieren musste. Tatsächlich hat Siemens Energy seine Jahresprognose bereits vor einiger Zeit angehoben.
Siemens Energy selbst hat keine Angst: Das Kursziel ist angehoben worden!
Für das laufende Geschäftsjahr, das am 30. September endet, erwartet das Unternehmen inzwischen ein Umsatzwachstum von 14 bis 16 % sowie eine operative Marge von 10 bis 12 %. Aus fundamentaler Sicht spricht dies weiterhin für eine solide Geschäftsentwicklung.
Zudem erreichte der Auftragsbestand zuletzt mit rund 154 Milliarden Euro ein neues Allzeithoch. Zusammen mit der verbesserten Finanzkraft und der hohen Liquidität verfügt Siemens Energy damit weiterhin über eine stabile wirtschaftliche Basis. Aus fundamentaler Sicht gibt es daher durchaus Argumente, die die Aktie auf Sicht der kommenden Wochen stützen könnten. Nicht ausgeschlossen ist dabei, dass die Stimmung an den Märkten kurzfristig weiterhin schwankungsanfällig bleiben dürfte. Fundamentale Gründe sprechen jedoch dafür, dass die Risiken nach unten derzeit begrenzt sind.
Ausblick auf die Zahlen
So hat der Auftragsbestand nach Angaben von Siemens Energy mit 154 Milliarden Euro ein neues Allzeithoch erreicht. Zudem verfügt das Unternehmen über eine starke Liquiditätsposition. Auch deshalb sieht sich Siemens Energy in der Lage, das milliardenschwere Aktienrückkaufprogramm zu beschleunigen. Solche Maßnahmen wirken sich in der Regel unterstützend auf den Aktienkurs aus.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Einschätzung der Analysten. Nach einer langen Phase, in der die Kursziele nur schrittweise angehoben wurden, herrscht inzwischen weitgehend Einigkeit darüber, dass die Aktie deutlich mehr wert ist als das aktuelle Kursniveau vermuten lässt. Die durchschnittlichen Kursziele liegen derzeit zwischen 197 und 199 Euro. Einzelne Analysten sehen sogar noch deutlich höheres Potenzial. JPMorgan etwa bestätigt weiterhin ein Kursziel von 235 Euro.
Damit ergibt sich – je nach Schätzung – ein Aufwärtspotenzial von deutlich über 30 %. Diese Einschätzung besitzt insofern besonderes Gewicht, als sie von der überwiegenden Mehrheit der Analysten vertreten und bereits seit längerer Zeit aufrechterhalten wird. Es handelt sich also nicht um einzelne Ausreißer, sondern um einen breit getragenen Analystenkonsens.
Eine Ausnahme bildete kürzlich die Barclays. Das Institut hatte sein Kursziel zuletzt auf 130 Euro festgesetzt. Hintergrund ist die Einschätzung, dass das Gasturbinengeschäft in diesem Jahr seinen Höhepunkt erreicht haben könnte und sich das Wachstum anschließend abschwächen dürfte. Diese Sichtweise stellt im Analystenkreis allerdings eine Minderheitsmeinung dar.
Analysten sind vor den Zahlen insgesamt ausgesprochen zuversichtlich
Insgesamt überwiegt weiterhin die Erwartung, dass Siemens Energy deutliches Kurspotenzial besitzt. Ob sich diese Einschätzung bestätigt, dürfte sich spätestens mit der Vorlage der Quartalszahlen zeigen. Diese werden am 5. August veröffentlicht und rücken damit bereits in greifbare Nähe.
Die Erwartungen an das Zahlenwerk sind hoch. Analysten rechnen im Durchschnitt mit einem Quartalsumsatz von rund 11,2 Milliarden Euro. Die Schätzungen reichen dabei von etwa 10,8 bis 11,5 Milliarden Euro. Damit würde der Umsatz den Vorjahreswert von 9,74 Milliarden Euro deutlich übertreffen.
Es gibt derzeit nur wenige Anhaltspunkte dafür, dass Siemens Energy diese Erwartungen verfehlen könnte. Das Unternehmen selbst hatte seine Jahresprognose zuletzt sogar angehoben. Entsprechend können die Märkte der Präsentation der Quartalszahlen vergleichsweise gelassen entgegensehen.
Deshalb hat die Aktie mehr Potenzial
Unter Analysten besteht weiterhin ein ungewöhnlich hoher Konsens über die langfristigen Perspektiven der Aktie. Kurzfristig dürfte Siemens Energy zwar schwankungsanfällig bleiben. Gleichzeitig sehen die meisten Experten jedoch erhebliches Aufwärtspotenzial. 199 Euro oder eben knapp 200 Euro seien demnach absolut realistisch. Spätestens mit der Veröffentlichung der Quartalszahlen am 5. August dürfte sich zeigen, ob die positive fundamentale Entwicklung auch wieder stärkeren Einfluss auf den Aktienkurs nimmt.
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