Es gibt Momente, in denen ein einzelner Auftrag mehr über eine Branche verrät als jede Bilanzpressekonferenz. Der Auftrag von Rolls-Royce SMR an Siemens Energy zur Fertigung von Dampf-Turbinenkomponenten für kleine modulare Reaktoren ist so ein Moment.
Die Teile sollen am Standort CA Parsons Works in Newcastle entstehen – jenem Ort, an dem einst die Industrialisierung Großbritanniens ihre Turbinen baute. Nun soll dort die nächste Energiegeneration entstehen, diesmal nuklear, diesmal klein, diesmal modular.
Das ist bemerkenswert für ein Unternehmen, das lange vor allem mit Windkraftproblemen und Verlustgeschäften assoziiert wurde. Siemens Energy positioniert sich nun im Kern der westlichen Energiewende – nicht nur als Zulieferer für Erneuerbare, sondern als Ausrüster für die gesamte Bandbreite der Stromerzeugung, inklusive Atomkraft.
Wer die Aktie über die vergangenen zwölf Monate verfolgt hat, kennt die Kursreaktion darauf: ein Plus von 59 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Das ist keine Eintagsfliege, sondern der Ausdruck eines Vertrauensvorschusses, den der Markt dem Konzern inzwischen gewährt.
Ein Konzernchef, der Klartext redet
Parallel zur technologischen Neuausrichtung sorgte Konzernchef Christian Bruch zuletzt für eine bemerkenswerte politische Wortmeldung. Er bezeichnete ein Signal der AfD als „dramatically wrong message“ – eine deutliche Positionierung, die zeigt, wie sehr Energiepolitik in Deutschland inzwischen zum Schlachtfeld geworden ist.
Wer Turbinen für die Energiewende baut, kann sich offenbar nicht mehr aus der politischen Debatte heraushalten. Das ist neu für einen DAX-Konzern dieser Größenordnung, und es passt zu einem Unternehmen, das sich zunehmend als industrieller Akteur mit gesellschaftlicher Stimme versteht.
Bemerkenswert ist auch die zeitliche Nähe: Nur wenige Tage nach dieser öffentlichen Positionierung bestätigte JPMorgan nach persönlichen Gesprächen mit Bruch die Einstufung Overweight und das Kursziel von 245 Euro. Man kann daraus lesen, dass die Analysten trotz aller politischen Turbulenzen an der operativen Substanz des Konzerns festhalten. Ein Kursziel, das gegenüber dem aktuellen Niveau von 145,02 Euro noch erheblichen Spielraum lässt.
Der Markt zögert, die Strategie bleibt
Und doch: Der Kurs tut sich gerade schwer, diesem Optimismus zu folgen. Heute verlor die Aktie 1,8 Prozent, nachdem sie bereits über die vergangenen 30 Tage rund 6,6 Prozent eingebüßt hatte. Das wirkt wie ein Widerspruch zu den bullishen Kurszielen der Analysten – ist es aber vielleicht gar nicht. Märkte reagieren kurzfristig auf Stimmungen, während Kursziele langfristige Wetten auf die strukturelle Positionierung eines Unternehmens sind.
Genau diese strukturelle Positionierung ist es, die den eigentlichen roten Faden bildet: Siemens Energy wandelt sich von einem Konglomerat mit Problemsparten zu einem fokussierten Ausrüster für die Energiewende in all ihren Facetten – Wind, Netze, Wasserstoff, und nun auch Atomkraft über die Kooperation mit Rolls-Royce SMR.
Die Ausgliederung des Industriegeschäfts unter dem Namen Omterra vor einigen Wochen war ein Baustein dieser Fokussierung, ebenso wie die anhaltende Debatte um die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland.
Man muss sich fragen, ob der deutsche Markt diese Transformation überhaupt in vollem Umfang goutiert. Während internationale Häuser wie JPMorgan und die Deutsche Bank Research an ihren optimistischen Einschätzungen festhalten, bleibt die politische Großwetterlage in Deutschland ein Unsicherheitsfaktor, den auch der Konzernchef selbst öffentlich thematisiert.
Für Anleger bedeutet das: Die fundamentale Erzählung um Siemens Energy ist intakt, vielleicht sogar stärker als je zuvor. Doch die kurzfristige Kursentwicklung zeigt, dass diese Erzählung erst noch überzeugen muss – gegen Zinssorgen, gegen politische Nervosität, gegen die schlichte Tatsache, dass ein Kurs von 145 Euro weit von einem Kursziel von 245 Euro entfernt liegt.
Der Weg dorthin führt über Newcastle, über Omterra – und über eine deutsche Debatte, die der Konzernchef offenbar nicht länger stillschweigend hinnehmen will.
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