Liebe Leserinnen und Leser,
für Siemens Energy sieht es derzeit an den Börsen ausgesprochen schlecht aus. Die Notierungen sind gestern um mehr als 7,8 % nach unten geschmiert. 123,10 Euro wurden dann verzeichnet.
Das bedeutet aus statistischer Sicht, dass das Papier kaum noch in der Lage ist, sich in den Aufwärtstrend zurückzuschieben. Ungefähr 20 % fehlen zu den wichtigsten Trendindikatoren.
Das ist so nicht zu glauben!
Die Story ist relativ schnell erzählt. Damit wachsen allerdings auch die Zweifel daran, ob die Börsen hier wirklich richtig urteilen.
Das Unternehmen gerät vor allem deshalb unter Druck, weil es Zweifel am KI- und am Rechenzentrumsboom gibt. Eine wirtschaftliche Krise für Siemens Energy ist hier, was die handfesten Fakten betrifft, nicht in Sicht.
Konkret: Investoren befürchten derzeit, die enormen Investitionen in KI-Rechenzentren würden nicht mehr in diesem Tempo weitergehen. Siemens Energy selbst ist ein Unternehmen, das von der Nachfrage nach Gasturbinen und Stromnetztechnik massiv profitiert.
Befürchtung ist nachzuvollziehen
Diese Befürchtung ist auf der einen Seite nachzuvollziehen. Siemens Energy profitiert tatsächlich von diesen Entwicklungen.
Allerdings gab es erst vor kurzer Zeit einen spektakulären Einblick in die Entwicklung der Investitionen der KI-Hyperscaler. Das sind die Unternehmen, die in großem Stil in die Infrastruktur investieren, also die Großkunden, von denen auch Siemens Energy lebt.
Tatsächlich soll laut Moody’s die Gruppe der KI-Hyperscaler im kommenden Jahr 1,2 Billionen Dollar in die Technik investieren. Im laufenden Jahr waren es 800 Milliarden Dollar gewesen. Selbst das war schon ein eminenter Rekord. Das bedeutet allerdings auch, dass Siemens Energy zumindest mittelfristig tendenziell davon profitieren dürfte, dass immer noch massiv investiert wird.
Die Befürchtungen der Börsen sind in dem Sinne zunächst einmal falsch. Der zweite Punkt, der derzeit infrage gestellt wird, ist die Frage, ob die Zinsentwicklung Siemens Energy nicht ein Bein stellen könnte. Die Rechenzentrumsprojekte stehen hier wieder im Mittelpunkt.
Zinsen sind ein Problem
Die Zinsen selbst steigen derzeit, bezogen auf die Anleihen, die zum Beispiel Staaten für ihre Schulden bezahlen müssen. Das wiederum reflektiert den Umstand, dass insgesamt die Zinsen steigen.
Wer also groß investieren möchte, muss dafür mehr Kapital aufwenden.
Das hat zwei Effekte: Zum einen werden möglicherweise die neuen Rechenzentrumsprojekte damit nicht so schnell aufgestellt werden können, wenn die betreffenden Unternehmen entweder an der Wirtschaftlichkeit zweifeln oder aber einfach nicht genügend Kapital aufbringen können.
Zum Zweiten werden künftige Erträge auch mit einem höheren Zins abgezinst. Das bedeutet: Sie sind heute, bezogen auf die Bewertung, nicht so viel wert.
Die Zinsängste sind durchaus ernst zu nehmen.
Wie stark werden die Zinsen noch steigen?
Allerdings sind die Zinsen derzeit auf einem Niveau, bei dem keine besonderen Steigerungen mehr zu erwarten sind, weil zum Beispiel in den USA Donald Trump und die ihm verbundene Partei massiv gegen hohe Zinsen opponieren. Zudem sind die Inflationsraten zwar hoch, aber mit ungefähr 3 % in einem Rahmen, der zumindest nicht erfordert, dass die Zentralbanken sehr schnell die Zinsen erhöhen müssen.
Sorgen machen eher die hohen Schulden der verschiedenen Staaten, zum Beispiel in Frankreich, wo die Schuldenentwicklung tatsächlich höhere Renditen bei Anleihen erfordert. Insofern gibt es die Sorgen rund um die Zinsen insgesamt und die Schulden. Auf der anderen Seite ist all das bekannt und keine neue Entwicklung.
Das erklärt auf gar keinen Fall, dass Siemens Energy in diesen Tagen so massiv nach unten abgerauscht ist oder jedenfalls abrauschen müsste.
Apple Aktie Chart
Gewinnmargen in Frage gestellt
Der dritte Punkt ist die Frage, wie weit die Gewinnmargen für die Unternehmen in der KI-Branche oder im Zusammenhang mit der KI-Branche noch hinreichend gesichert sind.
Hier hatte Barclays eine Studie vorgelegt, in der die Preissetzungsmacht von Zulieferern bei den großen KI-Rechenzentren infrage gestellt worden ist.
Das heißt: Wenn die Zulieferer hinreichend Konkurrenz haben, ist der Margendruck hoch. Oder aber wenn die Auftraggeber der KI-Rechenzentren nicht hinreichend günstiges Kapital erwirtschaften können, entsteht hier auch die Frage, wie weit die Gewinnmargen noch durchgesetzt werden können.
Das ist, offen gestanden, tatsächlich zumindest aus den bisherigen Verlautbarungen von Siemens Energy nicht zu entnehmen.
Die Margen haben im Gegenteil zuletzt bei den Zahlen zum dritten Quartal überzeugt. Hier haben die Märkte auch keine konkrete Veranlassung, niedrigere Margen tatsächlich zu vermuten. Aber die Zweifel dürfen bleiben.
Insgesamt ist der Abschlag für Siemens Energy nicht wirtschaftlich begründet. Siemens Energy selbst hatte massiv gute Zahlen berichtet. Hier sind die Zweifel nicht gerechtfertigt. Zudem lässt sich das Ganze auch heute noch gut begründen.
Auftragsbestand ist groß
Der Auftragsbestand ist mit über 160 Milliarden Euro eminent gewesen. Er hatte sogar Rekordniveau erreicht.
Zudem war das sogenannte Book-to-Bill-Verhältnis interessant, das heißt das Verhältnis von neu eingegangenen Aufträgen zu den bereits fakturierten Umsätzen.
Siemens Energy kann hier ein sogenanntes Book-to-Bill-Verhältnis von mehr als 1,5 aufweisen. Das bedeutet, dass die Umsätze bezogen auf diese Kennzahl perspektivisch eher deutlich wachsen werden, obwohl die Umsätze bereits sehr stark sind.
Alles in allem sind damit die hohen Abschläge in den vergangenen Tagen und letztlich auch Wochen nicht zu rechtfertigen. Tatsächlich ist das Unternehmen aber von den Märkten massiv abgestraft worden.
Die Kursdaten sind ausgesprochen alarmierend
Die Notierungen liegen nicht nur 21 % unter dem langfristig bedeutenden GD200. Sie haben auch innerhalb einer Woche 8,5 % abgegeben und in vier Wochen 14,7 %. Das Unternehmen hat derzeit also auch charttechnisch extreme Schwächen.
Hier droht ein weiterer Rutsch, wenn die Indikation der Charttechniker stimmt, denn seit Jahresanfang hat die Aktie das aktuelle Niveau nicht mehr erreicht. Analysten teilen all diese Einschätzungen noch immer nicht. Analysten sehen für die Aktie sehr viel größere Chancen.
Hier gibt es zwar eine gewisse Spanne in den Extremwerten. Allerdings haben sich die Analysten bezogen auf die mittleren und durchschnittlichen Kursziele darauf verständigt, dass hier annähernd 195 Euro immer noch erreicht werden können. Der Abstand liegt inzwischen bei weit über 50 %. Das Potenzial ist also mächtig.
Diese Analysten sehen alles ganz anders
Es sei immer noch daran erinnert, dass es zwei Analystenhäuser gibt, die sehr hohe Kursziele formulieren. Das war einmal JPMorgan mit 245 Euro. Und das war zuletzt auch die Bank of America, die in einer Studie herausgearbeitet hatte, dass bis zum Jahr 2030 extrem günstige Rahmenbedingungen für das Unternehmen herrschen könnten.
Der Hintergrund: Die Bank of America geht davon aus, dass die Preisgestaltung in den Händen von Siemens Energy sehr gut aufgehoben ist, dass zum Zweiten die Effizienz des Unternehmens steigt und dass die EBITDA-Marge bis zum Jahr 2030 statt bei 19 % vielleicht sogar bei 20 bis 21 % liegt.
Deshalb sei das Potenzial enorm. Hier werden Kursziele in Höhe von 250 Euro angegeben.
Das heißt am Ende: Siemens Energy hat ausgezeichnete Aussichten und wird am 11. November seine Zahlen zum vierten Quartal und dann auch zum Geschäftsjahr liefern.
Analysten sind extrem zuversichtlich, aber die Märkte haben hier den kompletten Rückzug angetreten.
Hier wird es also spannend zu sehen, wer in den kommenden Tagen gewinnt: die kurzfristig agierenden Akteure und Aktionäre an den Aktienmärkten, die einen echten Ausverkauf gestartet haben, oder aber die wirtschaftlich orientierten Beobachter und Analysten, die dem Unternehmen extrem viel mehr Potenzial zuschreiben.
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