Manchmal sagt der Kurs mehr über die Nerven der Anleger als über das Unternehmen selbst. Seit dem gestrigen Handelstag notiert Siemens Energy bei 150,92 Euro, ein Minus von 0,6 Prozent. Über die vergangene Woche steht ein Rückgang von 1,6 Prozent zu Buche. Das klingt nach Ermüdung – dabei hat der Konzern gerade erst sein Kursziel von einem großen Analysehaus angehoben bekommen. Der Widerspruch lohnt einen zweiten Blick.
Ein Kursziel, das nicht zündet
Am Mittwoch dieser Woche hob die Deutsche Bank Research ihr Kursziel für Siemens Energy von 200 auf 210 Euro an und bestätigte die Einstufung „Buy“. Die Anhebung fiel in dieselbe Woche, in der der Aufsichtsrat grünes Licht für die Verselbstständigung der Sparte „Transformation of Industry“ gab – jenes Geschäftsbereichs mit Dampfturbinen und Wasserstofftechnologie, der künftig eigene Wege gehen soll. Das ist der eigentliche strukturelle Umbruch, über den in den vergangenen Tagen schon viel geschrieben wurde. Was in der öffentlichen Debatte etwas untergeht, ist eine andere Frage: Trägt das operative Geschäft diese Zuversicht überhaupt?
Ein Blick auf die Zahlen aus dem dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres, veröffentlicht Anfang August, gibt darauf eine klare Antwort. Der Auftragseingang kletterte auf 17,9 Milliarden Euro, ein Rekordwert.
Der Umsatz wuchs auf vergleichbarer Basis um 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Sondereffekten sprang von 497 Millionen Euro im Vorjahresquartal auf 1,62 Milliarden Euro. Das ist keine kosmetische Verbesserung, das ist eine andere Liga.
Der Auftragsberg wächst schneller als die Fabriken ihn abarbeiten können
Besonders bemerkenswert: Die Book-to-Bill-Ratio lag bei 1,57, der Auftragsbestand erreichte mit 162 Milliarden Euro ebenfalls einen Rekord. Rund ein Fünftel der neuen Aufträge entfiel auf Rechenzentren – ein Hinweis darauf, wie sehr der Boom künstlicher Intelligenz mittlerweile in die Energieinfrastruktur durchschlägt. Wer Serverfarmen baut, braucht Strom, und wer Strom liefern will, braucht Turbinen, Netze und Speicher. Genau dort sitzt Siemens Energy.
Selbst die einstige Problemtochter Siemens Gamesa hat sich gefangen: Erstmals seit dem Geschäftsjahr 2022 schrieb die Windkraftsparte ein positives Quartalsergebnis, das bereinigte EBITA drehte von minus 513 Millionen auf plus 75 Millionen Euro. Für einen Konzern, der jahrelang mit genau diesem Geschäftsbereich kämpfte, ist das ein Signal, das man nicht kleinreden sollte.
Das Management reagierte prompt und hob die Jahresprognose ein weiteres Mal an: Das vergleichbare Umsatzwachstum soll nun zwischen 14 und 16 Prozent liegen, die Ergebnismarge soll sich dem oberen Ende der Spanne von 10 bis 12 Prozent nähern. Der Gewinn nach Steuern wird auf rund 4 Milliarden Euro taxiert, der freie Cashflow vor Steuern auf etwa 8 Milliarden Euro.
Zwischen Rekordzahlen und Bewertungsskepsis
Warum also die Kursschwäche? Ein Teil der Antwort liegt schlicht in der Bewertung. Die Aktie hat sich binnen zwölf Monaten um 64 Prozent verteuert und seit Jahresbeginn um 25 Prozent zugelegt. Vom 52-Wochen-Hoch bei 195,38 Euro, erreicht im April, ist sie derzeit rund 23 Prozent entfernt.
Nach einer derartigen Rally ist eine Verschnaufpause keine Überraschung, sondern fast schon die Regel. Die annualisierte Volatilität von 52 Prozent zeigt zudem, wie nervös der Markt das Papier weiterhin handelt.
Hinzu kommt strukturelle Unsicherheit: Für die abzuspaltende Sparte ToI, die im vergangenen Geschäftsjahr 5,7 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete und 17.000 Mitarbeiter beschäftigt, hat Siemens Energy Goldman Sachs als Berater engagiert.
Als mögliche Käufer kursieren Namen wie CVC Capital Partners, EQT, Bain Capital, Brookfield und KKR, die Bewertung wird auf über 10 Milliarden Euro taxiert. Solange nicht klar ist, wer zum Zug kommt und zu welchen Konditionen, bleibt ein Stück Unsicherheit im Kurs eingepreist – trotz aller operativen Stärke.
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