Ein Aktienrückkaufprogramm ist unspektakulär zu Ende gegangen: 6.467.098 Aktien, 0,751 Prozent des Grundkapitals, durchschnittlich 154,63 Euro pro Stück. Fertig, abgeschlossen, mit Pflichtmitteilung dokumentiert.
Für mich ist genau dieses Nicht-Ereignis der interessantere Blick auf Siemens Energy als der bereits durchgekaute Aufsichtsrats-Termin. Denn während das Unternehmen operativ auf allen Zylindern läuft, tritt der Aktienkurs seit Tagen auf der Stelle.
Operatives Bild spricht eine klare Sprache
Die Zahlen aus dem dritten Geschäftsquartal, das bis Ende Juni lief, waren kein Ausrutscher: 17,9 Milliarden Euro an neuen Aufträgen, 11,4 Milliarden Euro Umsatz, ein Nettogewinn von 1,188 Milliarden Euro.
Der Auftragsbestand allein im Grid-Technologies-Segment liegt bei 51 Milliarden Euro, konzernweit sind es 162 Milliarden Euro. Das ist keine Momentaufnahme, sondern ein Beleg dafür, dass die Nachfrage nach Netztechnik und Gasturbinen strukturell trägt, nicht zyklisch aufflammt.
Auch operativ zeigt sich Breite: SBM Offshore hat Siemens Energy für zwei Petrobras-FPSO-Projekte ausgewählt, Stromerzeugungs- und Gasverdichtungssysteme für die Einheiten P-81 und P-87 sollen ab Ende 2027 geliefert werden. Das ist Zukunftsgeschäft, kein Bestandsverwalten.
Auf der anderen Seite zeigt der Ausfall am brasilianischen Gaskraftwerk GNA II, einem Joint Venture mit BP und SPIC, dass operative Risiken im Anlagenbetrieb real bleiben – seit dem 10. August steht die Anlage wegen eines Defekts im Dampfturbinen-Schaltkreis still. Kein Beinbruch für den Konzern, aber eine Erinnerung daran, dass Großprojekte auch Rückschläge produzieren.
Warum der Kurs trotzdem nicht mitzieht
Trotz dieser fundamentalen Stärke hat die Aktie in den vergangenen sieben Handelstagen 4,8 Prozent verloren und notiert bei 153,00 Euro rund 22 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro.
Der RSI von 48,1 signalisiert eine neutrale, keineswegs überverkaufte Lage, und die Volatilität von annualisiert 53 Prozent zeigt, wie nervös der Markt das Papier derzeit handelt. Gleichzeitig bleibt der Kurs mit einem Plus von 27 Prozent seit Jahresbeginn und 65 Prozent auf Zwölfmonatssicht weiterhin ein Gewinner – nur eben einer, der zuletzt Federn gelassen hat.
Für mich erklärt sich diese Diskrepanz weniger aus den Quartalszahlen als aus der Unsicherheit rund um die mögliche Abspaltung einer Sparte, über die der Aufsichtsrat beraten hat. Ein solches Vorhaben bindet Anlegerfantasie, aber eben auch Anlegersorge – wer nicht weiß, wie ein Konzern in Zukunft geschnitten sein wird, preist Unsicherheit ein, selbst wenn das operative Fundament stimmt.
Der Rückkauf als stilles Signal
Dass Siemens Energy sein Rückkaufprogramm über bis zu einer Milliarde Euro nun vollständig abgeschlossen hat – zuletzt wurden zwischen dem 10. und 16. August noch einmal 472.203 Aktien erworben –, lese ich als Vertrauensbeweis des Managements in die eigene Bewertung.
Unternehmen kaufen keine eigenen Aktien zurück, wenn sie an der langfristigen Story zweifeln. Dass der durchschnittliche Kaufpreis mit 154,63 Euro nur unwesentlich über dem aktuellen Kursniveau lag, unterstreicht zusätzlich: Das Management hält den jetzigen Bewertungsbereich für attraktiv, nicht für überzogen.
Ergänzend hatten Deutsche Bank und JPMorgan Anfang August ihre Kursziele auf 210 beziehungsweise 245 Euro angehoben und die Einstufungen „Buy“ respektive „Overweight“ bestätigt – ein Hinweis darauf, dass zumindest zu diesem Zeitpunkt deutlich mehr Kurspotenzial gesehen wurde, als der aktuelle Kurs von 153,00 Euro widerspiegelt.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich bei Siemens Energy ein Unternehmen, dessen operative Substanz – Rekordaufträge, wachsender Backlog, neue Großprojekte – deutlich stärker ist als es der zuletzt schwächelnde Kurs vermuten lässt. Die Kursschwäche der vergangenen Woche wirkt für mich eher wie eine Verdauungspause nach der Spaltungsdiskussion als wie ein fundamentales Warnsignal.
Der abgeschlossene Rückkauf und das operative Momentum sprechen dafür, dass die Substanz trägt – die Bewertungslücke zum 52-Wochen-Hoch könnte sich als Chance erweisen, sobald die strategische Unsicherheit um die Konzernstruktur sich auflöst. Bis dahin bleibt die Aktie ein Fall für Anleger mit Nerven für Volatilität.
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