Die Nvidia-Aktie hat in den vergangenen 2 Wochen rund 14% zugelegt und zuletzt mehrere Gewinntage in Folge verzeichnet. Gestern notierte das Papier über 220 Dollar und näherte sich damit wieder dem Rekordhoch aus Mai, von dem es zwischenzeitlich rund 20% entfernt war. Gleich mehrere Entwicklungen haben die jüngste Rally getragen, und praktisch alle laufen auf dasselbe Ergebnis hinaus: Die Nachfrage nach KI-Rechenleistung übersteigt das Angebot weiterhin deutlich.
Den ersten Auftrieb lieferte die Berichtssaison der großen Cloud-Konzerne. Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta haben ihre Investitionsbudgets in den vergangenen zwei Wochen um zusammen mehr als 137 Mrd. Dollar angehoben. Amazon will 2026 rund 220 Mrd. Dollar investieren, Alphabet bis zu 205 Mrd. Dollar, Microsoft hat für das neue Geschäftsjahr nochmals deutlich höhere Ausgaben angekündigt. In Summe dürften die großen Cloud-Anbieter in diesem Jahr knapp 800 Mrd. Dollar investieren, für 2027 gehen die Schätzungen bereits in Richtung 1 Bio. Dollar. Ein Großteil dieses Geldes fließt direkt in Nvidias technologisch führende Chips.
SpaceX setzt exklusiv auf Nvidia
Der zweite Auftrieb heißt SpaceX. Auf der ersten Telefonkonferenz des Konzerns als börsennotiertes Unternehmen erklärte Unternehmenschef Elon Musk, dass SpaceX seine KI-Infrastruktur künftig exklusiv auf Nvidia aufbauen werde, weil die Vera-Rubin-Architektur aus seiner Sicht die beste am Markt sei. Vera Rubin ist Nvidias nächste Chip-Generation, der Nachfolger der aktuellen Blackwell-Architektur, die noch in diesem Quartal in die Serienfertigung gehen soll. Bis Jahresende will SpaceX mehr als 2 Gigawatt Rechenkapazität aufgebaut haben, Ende 2027 sollen es annähernd 10 Gigawatt sein.
Dazu kommt SpaceX‘ Starmind-Programm: Satelliten mit Nvidia-Chips an Bord, die Rechenzentren in den Orbit verlagern sollen. Anders als irdische Rechenzentren benötigen Satelliten kein Land, und die Kühlung im All verbraucht deutlich weniger Energie als auf der Erde – zwei Kostenfaktoren, die beim Ausbau von KI-Kapazitäten zunehmend zum Engpass werden. Für Nvidia bedeutet das Programm eine komplett neue Absatzkategorie jenseits klassischer Rechenzentren, die den ohnehin knappen Chips einen weiteren Nachfragekanal erschließt. Die Aktie quittierte das mit einem weiteren Kurssprung von mehr als 4%.
SpaceX Aktie Chart
Ruhiges Börsenjahr trotz starker Zahlen
So spektakulär die vergangenen beiden Woche war, so unspektakulär verlief das Jahr für die Nvidia-Aktionäre bislang. Seit Jahresbeginn hat sich das Papier über weite Strecken seitwärts bewegt – Anfang Juli stand gerade einmal ein Plus von 5% zu Buche, deutlich weniger, als Anleger von diesem Wert gewohnt sind und die gute Börsenverfassung zugelassen hat. Zur Einordnung: In den Jahren 2023 bis 2025 hatte die Aktie jeweils 38%, 170% und 240% zugelegt. Im Mai markierte das Papier ein Rekordhoch, korrigierte anschließend jedoch um rund 16% und testete über Wochen seinen Aufwärtstrend. Erst die jüngste Rally hat den Jahresgewinn wieder klar in den zweistelligen Bereich gehievt.
Zirkuläre Finanzierungen und die China-Frage
Dass die Aktie 2026 trotz herausragender Geschäftszahlen so lange auf der Stelle trat, hat Gründe – und die beschäftigen die Anleger bis heute. Da ist zum einen die Debatte über sogenannte zirkuläre Finanzierungen: Kritiker beanstanden, dass Nvidia Großkunden wie OpenAI mit Finanzgarantien unterstütze, einzelne Schätzungen nennen Summen von bis zu 250 Mrd. Dollar. Belegt ist davon wenig, doch die Sorge dahinter ist verständlich. Die Frage, wie viel der gigantischen Nachfrage organisch ist – und wie viel davon Nvidia am Ende indirekt selbst finanziert, ist sicher nicht unberechtigt.
Frische Nahrung erhielt diese Debatte gestern: Nvidia gab bekannt, gemeinsam mit sechs der größten Finanzinvestoren der Welt – Apollo, Blackstone, BlackRock, Goldman Sachs, Brookfield und KKR – Finanzierungsplattformen aufzubauen, über die mehr als 500 Mrd. Dollar an Fremdkapital für den weltweiten Bau von KI-Rechenzentren mobilisiert werden sollen. Die beteiligten Häuser prüfen die einzelnen Projekte zwar eigenständig, in einigen Fällen soll Nvidia aber bis zu 25% des Wertverlustrisikos der verbauten Chips selbst übernehmen. Die Börse reagierte trotz des Milliarden-Pakts mit den Wallstreet-Größen zunächst verhalten, offenbar weil Investoren genau die Sorge bestätigt sahen, die die zirkuläre-Finanzierungs-Debatte ohnehin schon befeuert: Je tiefer Nvidia selbst in die Finanzierung der eigenen Nachfrage verstrickt ist, desto schwerer lässt sich beurteilen, wie organisch das Wachstum tatsächlich ist.
Zum anderen bleibt die China-Frage ein großer Unsicherheitsfaktor. Nvidia will in diesem Jahr wieder Chips in die Volksrepublik liefern – allerdings nur gegen Vorkasse. Wie groß dieses Geschäft tatsächlich wird, ist offen. China hat großes Interesse an Eigenentwicklungen und treibt diese mit Nachdruck voran: Der heimische Anbieter Huawei etwa erwartet für seine KI-Chips 2026 einen Umsatz von rund 12 Mrd. Dollar – ein Plus von 60% gegenüber dem Vorjahr – und hat sich damit nach Medienberichten bereits einen Marktanteil von etwa 60% im chinesischen KI-Hardware-Geschäft gesichert.
Auch chinesische KI-Modelle wie Deepseek setzen zunehmend auf heimische Chips statt auf Nvidia-Technik. Selbst wenn Nvidia in China wieder liefern darf, konkurriert der Konzern also mit einer politisch geförderten und wachstumsstarken heimischen Alternative – das China-Geschäft dürfte auf absehbare Zeit ein Bruchteil dessen bleiben, was es einst war.
Blick auf die kommenden Zahlen und Vera Rubin
Ende August legt Nvidia die Zahlen zum zweiten Quartal vor. Die Messlatte liegt hoch, das Management hat rund 91 Mrd. Dollar Umsatz in Aussicht gestellt, was einem erneut prozentual zweistelligen Sprung binnen drei Monaten entspräche. Bislang konnte Nvidia die Erwartungen stets übertreffen – nicht selten sogar deutlich –, aber irgendwann wird die Erfolgsserie reißen. Angesichts der Kapazitätsengpässe, von denen sämtliche Cloud-Konzerne berichten, dürfte es bei den kommenden Zahlen aber noch nicht so weit sein.
Spannend wird sein, zu hören, was Unternehmenschef Jensen Huang zu Vera Rubin zu sagen hat. Zeigt sich, dass die Nachfrage nach der neuen Chip-Generation die aktuellen Blackwell-Bestellungen noch übertrifft, dürfte das die Zweifel an der Nachhaltigkeit des Nvidia-Booms und an der anhaltenden technologischen Führerschaft erneut zerstreuen. Schon heute klafft eine Lücke von über 30% zwischen dem aktuellen Kurs und dem durchschnittlichen Kursziel der Analysten – ein Hinweis darauf, dass trotz aller Debatten über zirkuläre Finanzierungen und China-Risiken noch deutliches Potenzial nach oben gesehen wird. Oft war es richtig, sich bei Nvidia vor den Zahlen zu positionieren.
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