ServiceNow schließt den Freitag bei 96,98 Euro – ein Plus von 1,61 Prozent am Tag und satten 11,60 Prozent auf Wochensicht. Für mich ist dieser Sprung kein Zufall, sondern die Bestätigung einer These, die seit Monaten im Raum steht: ServiceNow entkommt der sogenannten SaaSpocalypse – jener Angst, dass autonome KI-Agenten klassische Lizenzmodelle pro Nutzer aushebeln. Die Zahlen aus dem jüngsten Quartal sprechen dafür, dass genau das Gegenteil passiert.
Der Umbau zahlt sich aus
Management verkündete im Rahmen der Zahlen zum zweiten Quartal Ende Juli einen Wendepunkt: 50 Prozent des Neugeschäfts stammen inzwischen aus Preismodellen, die nicht mehr an Sitzplätze gekoppelt sind. Stattdessen zählt Token-Verbrauch und Infrastruktur-Anbindung. Das Unternehmen koppelt sein Wachstum damit vom Personalstand seiner Kunden ab – ein Schritt, den ich für strategisch klüger halte als das Festhalten am alten Lizenzmodell.
Möglich macht das die Plattform „ServiceNow Otto“, die dieses Jahr gestartet ist und Arbeitsabläufe über verschiedenste Unternehmenssysteme hinweg orchestriert. ServiceNow positioniert sich damit als Kontroll- und Governance-Schicht für KI-Agenten unterschiedlicher Anbieter, etwa OpenAI oder Microsoft. Was zunächst wie eine Bedrohung aussah – fremde KI-Agenten im eigenen Ökosystem –, verwandelt sich so in einen Wachstumstreiber. Genau das ist für mich der Kern der Investment-Story.
Die Sicherheitswette für 7,75 Milliarden Dollar
Eine zweite Säule stützt die aktuelle Bewertung: die Expansion ins Cybersecurity- und Risikomanagement-Geschäft. Im April schloss ServiceNow die Übernahme von Armis für 7,75 Milliarden Dollar ab, nachdem im März bereits der Veza-Deal über die Bühne ging. Beide Zukäufe verankern Echtzeit-Asset-Intelligence und Identitätsmanagement direkt im Workflow-Stack des Konzerns.
CEO Bill McDermott betont zuletzt einen „Kill Switch“ für außer Kontrolle geratene KI-Agenten – eine Antwort auf das, was er als „AI-Chaos“ in Fortune-500-Unternehmen beschreibt. Cybersecurity ist für ServiceNow längst ein Umsatzstrom im zehnstelligen Bereich. Die Integration dieser Zukäufe in die aktuell ausgerollte Plattform-Version „Australia“ dürfte deshalb im Zentrum des Investoreninteresses stehen.
Charttechnik: Luft nach oben, aber kein ruhiges Fahrwasser
Der 14-Tage-RSI liegt bei 56,1 – die Aktie hat sich also spürbar erholt, ohne bereits überkauft zu sein. Das lässt Raum für eine Fortsetzung der Rally, die auf Monatssicht bereits 4,30 Prozent Plus bringt. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität bleibt mit 65,07 Prozent aber hoch. Das zeigt: Der Markt streitet weiterhin darüber, wie belastbar die Margen KI-nativer Software langfristig sind.
Für die kommende Handelswoche sehe ich drei Fragen, die den Ausschlag geben dürften:
- Hält das Momentum? Ob die 96,98-Euro-Marke nach dem zweistelligen Wochengewinn zur neuen Basis wird.
- Wie läuft die Plattform-Adoption? Erste Rückmeldungen zum „Australia“-Release werden zeigen, ob der Konzern seinem Ziel von 30 Milliarden Dollar Umsatz-Laufrate bis 2030 näherkommt.
- Wie stark wirkt das Makro-Umfeld? Techrotationen und Zinserwartungen treffen auf eine Marktkapitalisierung von 98,64 Milliarden Euro – bei Wachstumswerten dieser Größe reagiert der Kurs empfindlich auf beides.
Der Analystenkonsens taxiert das Kursziel derzeit auf 121,57 Euro – ein mögliches Aufwärtspotenzial von 25,4 Prozent gegenüber dem Freitagsschluss. Mein Fazit: Der Weg bleibt volatil, keine Frage. Aber dass der jährliche Auftragswert im KI-Geschäft kürzlich die Marke von einer Milliarde Dollar überschritten hat, spricht dafür, dass die Strategie als „AI Control Tower“ genug Zugkraft entwickelt, um diese ambitionierten Ziele tatsächlich zu erreichen.
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