Ein Jahr lang trug ServiceNow ein Etikett, das jeden Softwarewert nervös macht: die Aktie galt als Musterbeispiel für die „SaaSpocalypse“ — die Furcht, dass autonome KI-Agenten Unternehmen ihre eigenen Workflows bauen lassen und klassische Lizenzmodelle einfach überflüssig machen. Genau diese Angst drückte den Kurs in eine der hässlichsten Talfahrten unter den großen Softwarewerten. Vor diesem Hintergrund muss man die aktuelle Erholung lesen.
Ein Quartalsbericht dreht die Erzählung
Der Sprung von gestern um 7,23 Prozent auf 93,18 Euro kam nicht aus dem Nichts. Wenige Tage zuvor hatte ServiceNow Zahlen zum zweiten Quartal 2026 vorgelegt: Der Abo-Umsatz kletterte auf 3,877 Milliarden Dollar, ein Plus von 24,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. CEO Bill McDermott feierte das Ergebnis als Bestätigung seiner Strategie. Das Unternehmen sei „das am schnellsten wachsende große Software- und Cybersecurity-Unternehmen“, so McDermott. Die „agentischen Einsätze“ der hauseigenen KI hätten sich binnen neun Monaten verneunfacht.
Wichtiger als die Wachstumszahl selbst war jedoch ein einzelnes Detail aus dem Earnings Call. Die Hälfte des Neugeschäfts basiert inzwischen nicht mehr auf klassischen Sitzlizenzen. Genau das war die größte Befürchtung des Marktes: dass agentische KI das Pro-Kopf-Lizenzmodell aushöhlt, auf dem SaaS-Umsätze traditionell beruhen. Diese Zahl widerlegt direkt die These, die den Kurs monatelang nach unten gedrückt hatte.
Von der Skepsis zur Sektor-Rotation
Der Kursanstieg endete nicht mit dem Quartalsbericht. Drei Handelstage später legte ServiceNow weiter zu — diesmal als Teil einer breiteren Rotation im Softwaresektor. Am Montagmittag zogen Enterprise-Software-Aktien geschlossen an: Salesforce plus 7 Prozent, ServiceNow plus 8 Prozent, Workday plus 10 Prozent. Für die Gruppe war es eine der schärfsten Tagesumkehrungen des Jahres. Die Bewegung über 7 und 30 Tage — plus 4,14 Prozent respektive plus 6,49 Prozent — zeigt: Das ist keine verpuffende Eintagesrally, sondern eine mehrtägige Erholung mit mehreren Treibern.
Spannend ist, wer hier kauft. Es war keine Bekehrung der KI-Enthusiasten — es war die Kapitulation der Skeptiker. Guggenheim-Analyst John DiFucci hob seine Einstufung von „Neutral“ auf „Buy“ an. Seine Notiz trug den Titel „Armageddon abgesagt“. Sein Argument: Der Ausverkauf sei für einen „komfortabel profitablen“ zweistelligen Wachstumswert zu weit gegangen. Bemerkenswert dabei: DiFucci hatte die Aktie erst im Dezember 2025 von „Sell“ auf „Neutral“ angehoben — und sah sie danach um weitere rund 35 Prozent fallen. Sein Wechsel zu „Buy“ signalisiert vor allem eines: Nicht seine Meinung zu KI hat sich geändert, sondern die Bewertung wurde irgendwann zu günstig, um sie zu ignorieren.
Zerbrechliches Momentum, keine Trendwende
Anleger sollten diese Bewegung nicht vorschnell als dauerhafte Kehrtwende deuten. Der RSI(14) liegt bei 54,2 — neutrales Terrain, keine Euphorie. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 63,75 Prozent zeigt: Hier handelt ein Markt auf Nervenbasis, nicht aus Überzeugung. Der längerfristige Trend bleibt schwach. Die Aktie notiert weiterhin rund 15 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt und liegt binnen zwölf Monaten etwa 45 Prozent im Minus. Im August 2025 bildete sich zudem ein bärisches „Death Cross“ — ein Signal, das künftige Rallyes bremsen könnte.
Die Rotationsdynamik wirkt in beide Richtungen. Erholt sich Nvidia, könnten Teile der heutigen Gewinne bei Salesforce, ServiceNow und Workday schnell wieder verschwinden. Die Rally spiegelt eine reale Neubewertung überverkaufter, KI-monetisierender Platzhirsche wider — ihre Nachhaltigkeit hängt aber von der Stimmung im Chipsektor und dem Zinsumfeld ab. ServiceNows Erholung ist also teils eigene Geschichte — die Verschiebung hin zu Nicht-Lizenz-Umsätzen, die „AI Control Tower“-Erzählung — und teils Nutznießer von Kapital, das nach der Flucht aus Halbleiterwerten schlicht ein neues Zuhause sucht.
Die Lücke, die der Markt noch schließen muss
Bei einer Marktkapitalisierung von aktuell 89,78 Milliarden Euro impliziert das durchschnittliche Analysten-Kursziel von 123,29 Euro noch rund 32 Prozent Aufwärtspotenzial. Diese Lücke zeigt: Die Wall Street hält die Neubewertung im Schnitt noch nicht für abgeschlossen — sie erinnert aber auch daran, wie tief die Aktie vor dieser Erholung gefallen war.
Die „SaaSpocalypse“-These zieht sich zurück, aber ein einzelnes beruhigendes Quartal dürfte kaum das letzte Wort in der Debatte sein, ob agentische KI für Lizenzsoftware Rückenwind oder Existenzbedrohung bedeutet. Im Moment stimmt der Markt für Rückenwind — vorsichtig, und mit einer Volatilität, die zeigt: Entschieden ist hier noch nichts.
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