Ausgangslage: Neue Aktien für Mitarbeiter, gesenkte Prognose im Rücken
SAP hat am heutigen Mittwoch bei der US-Börsenaufsicht SEC eine Shelf Registration für bis zu fünf Millionen Stammaktien eingereicht, vorgesehen für ein Mitarbeiteraktienprogramm. Das klingt nach Verwaltungsroutine, fällt aber in eine Phase, in der Anleger ohnehin genau hinschauen: Erst vor wenigen Tagen hatte der Softwarekonzern seine Gewinnprognose für 2026 leicht gesenkt, das Non-IFRS-Betriebsergebnis soll nun zwischen 11,8 und 12,2 Milliarden Euro liegen statt wie zuvor angepeilt zwischen 11,9 und 12,3 Milliarden. Begründet wird die Korrektur mit Verwässerungseffekten aus den abgeschlossenen Übernahmen von Dremio und Prior Labs.
Der Vorstandschef hat parallel eigene Aktien gekauft – ein Signal, das Anleger als Vertrauensbeweis lesen können, aber keine Garantie ersetzt. Die Aktie selbst notiert nach dem gestrigen Schlusskurs von 184,84 Euro rund 24 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 242,00 Euro, das im Oktober vergangenen Jahres erreicht wurde. Zugleich liegt der Kurs 21 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 153,36 Euro – ein Bild aus Erholung und Unsicherheit zugleich.
Die entscheidende Frage: Trägt das Cloud-Geschäft die Übergangskosten?
Für Anleger läuft derzeit alles auf eine Kennzahl hinaus: Wächst der Cloud-Backlog schnell genug, um die Integrationskosten der KI-Zukäufe und den Einbruch im klassischen Lizenzgeschäft zu überkompensieren? Im zweiten Quartal stieg der Cloud-Umsatz währungsbereinigt um 24 Prozent auf 6,28 Milliarden Euro, der Current Cloud Backlog wuchs um 26 Prozent auf 22,93 Milliarden Euro.
Gleichzeitig brachen die klassischen Softwarelizenzen um 32 Prozent ein – ein erwarteter, aber schmerzhafter Strukturwandel. Ob dieses Momentum bis zum dritten Quartal anhält, entscheidet, ob die jüngste Prognosekorrektur eine einmalige Randnotiz bleibt oder der Auftakt zu wiederholten Nachjustierungen wird.
Bullisches Szenario: KI-Monetarisierung zieht die Marge nach oben
Goldman Sachs und TD Cowen bestätigten am 20. August ihre Kaufempfehlungen für SAP und verweisen auf die erfolgreiche Monetarisierung von KI-Funktionen innerhalb der ERP-Suite. Auch Morgan-Stanley-Analyst Adam Wood bekräftigte am selben Tag seine „Buy“-Einstufung mit einem Kursziel von 215 Euro – ein Aufschlag von rund 16 Prozent gegenüber dem gestrigen Schlusskurs.
Im positiven Szenario setzen sich Zukäufe wie Dremio und Prior Labs schneller in zusätzlichen Cloud-Umsatz um als bislang eingepreist, der Backlog wächst weiter zweistellig, und das laufende Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von bis zu 10 Milliarden Euro bis 2027 stützt den Kurs zusätzlich.
Partnerlösungen wie die neue Abrechnungsplattform „AEP.EnerS4“ von Arvato Systems auf Basis von SAP S/4HANA Utilities zeigen, dass das Ökosystem rund um SAP weiter wächst und neue Erlösquellen erschließt.
Bärisches Szenario: Sättigung im Bestandskundengeschäft
Die Gegenposition kommt von JPMorgan: Bereits im März stufte die Bank SAP von „Overweight“ auf „Neutral“ zurück und äußerte Bedenken, dass das Cloud-Backlog-Wachstum bei Bestandskunden an eine Sättigungsgrenze stoßen könnte.
Diese Einschätzung liegt inzwischen fünf Monate zurück, bleibt aber als Warnsignal relevant, falls sich die Wachstumsraten in den kommenden Quartalen tatsächlich abschwächen sollten. Hinzu kommt: Der 14-Tage-RSI liegt bei 70,4 und signalisiert eine überkaufte Lage nach der Kurserholung von 23 Prozent binnen 30 Tagen.
Sollte sich die Prognosekorrektur als erster Vorbote weiterer Integrationskosten aus den KI-Übernahmen erweisen, dürfte der Markt sensibler auf jede weitere Abwärtsrevision reagieren als in ruhigeren Phasen. Der Einbruch des Lizenzgeschäfts um 32 Prozent zeigt zudem, wie stark der Konzern inzwischen von der reibungslosen Cloud-Transformation abhängt – ein Fehltritt hätte hier wenig Auffangnetz.
Ausblick: Der 21. Oktober wird zum Prüfstein
Solange der Cloud-Backlog im zweistelligen Prozentbereich wächst und die Rückkäufe den Streubesitz verknappen, dürfte das bullische Lager mit Kurszielen um 215 Euro die Meinungsführerschaft behalten.
Kippt hingegen das Wachstumstempo im Bestandskundengeschäft, wie JPMorgan es im Frühjahr befürchtete, dürfte die aktuelle Erholung schnell wieder an Substanz verlieren – zumal die technische Lage mit einem RSI über 70 wenig Puffer für Enttäuschungen lässt.
Der nächste konkrete Prüfstein ist die Quartalsmitteilung zum dritten Quartal 2026, die für den 21. Oktober angesetzt ist. Erst dann zeigt sich, ob die im August gesenkte Prognose Bestand hat oder ob die Integration von Dremio und Prior Labs weitere Anpassungen erzwingt.
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