Der Sprung über die 170-Euro-Marke am Freitag wirkt wie eine Befreiung. Die SAP-Aktie schloss mit einem Plus von 3,46 % bei 178,66 Euro – und markiert damit den vorläufigen Höhepunkt einer Erholung, die in den vergangenen Wochen an Fahrt gewonnen hat. Wer den Rekord-Cloud-Auftragsbestand aus dem jüngsten Quartalsbericht als Treiber ausmacht, liegt richtig. Doch ich frage mich, ob der Markt hier nicht gerade etwas zu enthusiastisch nach vorne blickt.
Der Backlog ist real – aber er ist nicht die ganze Geschichte
SAP meldete für das zweite Quartal 2026 einen „Current Cloud Backlog“ von 22,92 Milliarden Euro, ein Plus von 27 % gegenüber dem Vorjahr. Das ist eine beeindruckende Zahl, keine Frage. Der Cloud-Umsatz selbst legte um 22 % auf 6,28 Milliarden Euro zu. Für mich ist das der Kern der Investment-These: SAP gelingt es weiterhin, Kunden in langfristige Cloud-Verträge zu binden, und dieser Auftragsbestand sichert Umsätze für die kommenden Jahre ab.
Nur: Das Non-IFRS-Betriebsergebnis wuchs im selben Zeitraum lediglich um 7 % auf 2,74 Milliarden Euro – deutlich langsamer als der Umsatz. Und der Konzern senkte die eigene Prognose für das operative Ergebnis 2026 leicht, von zuvor 11,9 bis 12,3 Milliarden Euro auf nun 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro. Wachstum ja, aber zu höheren Kosten. Genau dieser Punkt ist es, der mich bei aller Euphorie über den Backlog vorsichtig stimmen lässt.
Analysten uneins: Zwischen Zuversicht und Skepsis
Die Reaktionen der Analysehäuser nach den Zahlen zeigen ein gespaltenes Bild. Barclays senkte das Kursziel von 255 auf 220 Euro, bestätigte aber die Einstufung „Overweight“ – ein klares Signal, dass man an der langfristigen Story festhält, kurzfristig aber die Erwartungen zurückschraubt. Auf der anderen Seite steht JPMorgan: Analyst Toby Ogg beließ SAP auf „Neutral“ mit einem Kursziel von 175 Euro und verwies explizit auf den Margenrückgang im zweiten Quartal – trotz des starken Cloud-Wachstums. Diese beiden Einschätzungen markieren für mich die Spannbreite der aktuellen Debatte: Wachstum überzeugt, Profitabilität überzeugt nicht restlos.
Weitere Häuser bewegten sich in ähnlichem Fahrwasser. Berenberg kappte das Ziel wegen höherer Kostenannahmen, blieb aber bei der Kaufempfehlung. Goldman Sachs hielt SAP dagegen unverändert auf der „Conviction Buy List“. In der Summe ergibt sich ein Bild überwiegend wohlwollender, aber vorsichtiger gewordener Einschätzungen – kein einhelliger Jubel, eher ein abgewogenes Ja mit Einschränkungen.
Mein Fazit: Die Rally braucht eine Verschnaufpause
Was mich an der aktuellen Bewegung stutzig macht, ist das Tempo. Die Aktie hat innerhalb von 30 Tagen um 29,31 % zugelegt – eine Beschleunigung, die technisch inzwischen deutliche Spuren hinterlässt. Der 14-Tage-RSI steht bei 74,9 und signalisiert eine überkaufte Situation. Das heißt nicht, dass die Rally zwingend kippen muss, aber es spricht dafür, dass ein Teil der guten Nachrichten bereits eingepreist ist.
Randnotiz am Rande, aber nicht ganz unwichtig für die Aktionärsstruktur: Laut einer Stimmrechtsmitteilung überschritt Harald Tschira infolge von Stimmbindungsverträgen mit Udo Tschira die Schwelle von 3 % und hält nun 4,22 % der Stimmrechte. Das unterstreicht, dass die Gründerfamilien-Bindung bei SAP nach wie vor eine Rolle spielt – ein stabilisierender, wenn auch kein kursbewegender Faktor.
Unterm Strich sehe ich zwei Geschichten, die gleichzeitig wahr sind: Der Cloud-Backlog liefert ein starkes Fundament für die kommenden Quartale, und der Ausbruch über die alte Widerstandszone ist charttechnisch bemerkenswert. Gleichzeitig mahnen die gesenkte Gewinnprognose und die überkaufte Indikatorlage zur Zurückhaltung. Die nächste Bewährungsprobe kommt ohnehin bald: Am 21. Oktober legt SAP die Zahlen für das dritte Quartal vor. Bis dahin dürfte sich zeigen, ob die aktuelle Dynamik trägt – oder ob der Markt gerade etwas vorschnell in Vorleistung gegangen ist.
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