Sanofi-Aktien springen am Freitag um 2,79 Prozent auf 74,53 Euro. Der Kurssprung folgt auf eine turbulente Woche: Es war der erste Quartalsbericht unter der neuen Konzernchefin Belén Garijo. Und der hatte es in sich.
Garijo hob die Umsatzprognose für 2026 an. Gleichzeitig räumte sie offen ein, dass die Forschungspipeline Schwächen zeigt. Diese Kombination aus guten Nachrichten und ungewöhnlicher Selbstkritik gibt der Aktie derzeit ihre Richtung vor.
Ein Neustart, aber noch kein fertiges Ergebnis
Bei ihrer ersten Ergebnispräsentation als CEO machte Garijo klar: Die jüngsten Rückschläge in der Pipeline lagen nicht an mangelnder Wissenschaft. Sie lagen an schlechten Entscheidungen. Künftig soll strengere wissenschaftliche Prüfung gelten, faktenbasierte Entscheidungen und klarere Verantwortlichkeiten.
Das ist eine Kurskorrektur auf Führungsebene – aber noch keine abgeschlossene Wende. Garijo bestätigte, dass die Portfolio-Überprüfung weiterläuft. Weitere Programme könnten noch gestrichen werden. Konkret hat die Überprüfung bereits dazu geführt, dass Sanofi mehrere Projekte gestoppt hat: amlitelimab, itepekimab und balinatunfib.
Parallel dazu wurde eine neue Zahl bekannt: Dupixent soll bis 2030 rund 25 Milliarden Euro Umsatz bringen. Neue Pharma-Markteinführungen sollen weitere 10 Milliarden Euro beisteuern. Bloomberg wertete dies als strukturelle Herausforderung für die neue CEO – ein besser als erwartetes Wachstum, das sich auf ein alterndes Medikament stützt, unterstreicht den Druck zur Diversifizierung.
Die entscheidende Frage: Kommen die neuen Umsatzträger rechtzeitig?
Der wichtigste Faktor für Sanofis mittelfristigen Kurs ist simpel: Kommen die angepeilten 10 Milliarden Euro aus neuen Pharma-Launches tatsächlich – und rechtzeitig? Nur dann sinkt die Abhängigkeit von Dupixent, dessen Wachstum aktuell schwächere Dynamik in anderen Bereichen überdeckt.
Eine zweite Frage hängt eng damit zusammen. Führt die strengere Forschungsdisziplin tatsächlich zu weniger teuren Spätphasen-Flops? Oder zeigen die jüngsten Programmstopps, dass die Pipeline dünner ist, als bislang angenommen?
Bullisches Szenario: Disziplin zahlt sich aus
Für Optimisten spricht vor allem ein Fakt: Sanofi hat die Umsatzprognose angehoben, nicht gesenkt. Nach dem zweiten Quartal rechnet der Konzern nun mit einem Wachstum von rund 10 Prozent auf CER-Basis. Zuvor war nur von einem hohen einstelligen Prozentbereich die Rede. Das kurzfristige operative Momentum bleibt also intakt – trotz der Pipeline-Bereinigung.
Wenn Garijos strengere Forschungssteuerung künftige Abschreibungen tatsächlich reduziert, könnten Investoren das honorieren. Die höhere Kapitaldisziplin würde dann als Stärke gewertet, nicht als Schwäche. Hinzu kommt: Der Zulassungskalender liefert weiterhin Fortschritte in mehreren Therapiebereichen. Das sorgt für schrittweise Diversifizierung jenseits von Dupixent.
Bärisches Szenario: Dünnere Pipeline, härtere Vergleiche
Die Kehrseite: Drei Programme in einem einzigen Prüfzyklus zu stoppen, dünnt eine bereits schmale Spätphasen-Pipeline weiter aus. Und das genau in einer Phase, in der Sanofi neue Wachstumstreiber jenseits von Dupixent braucht.
Das Management selbst warnte vor Gegenwind im zweiten Halbjahr. Der Grund: härtere Jahresvergleiche, unter anderem wegen neuer Dupixent-Indikationen aus dem Vorjahr und der Übernahme von AYVAKIT im Juli 2025. Hinzu kommt: Einmaleffekte bei der Bruttomarge fallen weg. Eine zusätzliche Erstattung von Regeneron entfällt. Der Schub aus Aktienrückkäufen wird kleiner ausfallen. Drei Rückenwinde der jüngeren Vergangenheit, die sich nicht wiederholen.
Das Rechtsrisiko bleibt ebenfalls ungelöst. Im Zantac-Sammelklageverfahren verhandelte das Berufungsgericht des Eleventh Circuit Ende 2025 über die anhängige Berufung. Laut Sanofis eigenem Halbjahresbericht ist eine Entscheidung frühestens in der zweiten Hälfte 2026 zu erwarten. Der Ausgang ist also offen. Parallel läuft in Delaware ein weiteres Verfahren: Ein Urteil zugunsten von Sanofi wird von den Klägern angefochten, ein Richterspruch wird nicht vor Ende 2027 erwartet. Auch scheinbar erledigte Rechtsrisiken sind bei Sanofi also noch nicht vollständig vom Tisch.
Ausblick: Zwei Termine im Blick behalten
Die Aktie notiert derzeit rund 3 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 72,36 Euro und nur leicht unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 75,71 Euro. Das deutet darauf hin, dass der Markt sich noch nicht klar für ein Szenario entschieden hat.
Hält das CER-Wachstum von rund 10 Prozent, bleibt das bullische Szenario intakt. Kommt es dagegen zu weiteren prominenten Programmstopps ohne kompensierende Neuzulassungen, oder entscheidet der Eleventh Circuit im zweiten Halbjahr 2026 gegen Sanofi im Zantac-Verfahren, dürfte die Stimmung kippen. Der Kurs würde dann tendenziell wieder Richtung Jahrestief drücken.
Setzt sich das zweistellige CER-Wachstum dagegen fort und liefert die Portfolio-Überprüfung positive Signale, wäre ein Test der Marke um den 200-Tage-Durchschnitt von 80,72 Euro realistisch. Die beiden konkreten Katalysatoren für die kommenden Monate: die Zantac-Entscheidung des Eleventh Circuit, erwartet in der zweiten Jahreshälfte 2026, sowie weitere Updates aus Sanofis laufender Portfolio-Überprüfung.
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