Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
ein Auftragsbestand von 93,9 Milliarden Dollar ist eine Zahl, die Eindruck macht. Für Anleger im Speichersektor gibt es derzeit dennoch eine aussagekräftigere Information. Mehrere Großkunden von Sandisk sind wenige Monate nach Vertragsabschluss zurückgekommen. Sie wollen mehr Speicher, als sie sich gerade erst für Jahre gesichert hatten. Ein Kunde erhöhte die vereinbarte Liefermenge deutlich, ein zweiter verlängerte die Laufzeit. Diese Nachbestellungen sagen mehr über die Zukunft der KI-Infrastruktur als jede Prognose.
Sandisk: Vom Quartalsgeschäft zum Langfristvertrag
Zur Einordnung lohnt ein Blick auf das neue Geschäftsmodell. Die Speicherbranche verhandelte Preise und Mengen jahrzehntelang Quartal für Quartal. Das machte Umsätze schwer planbar und verstärkte die berüchtigten Zyklen. Sandisk hat dieses Muster seit Jahresbeginn aufgebrochen. Das Unternehmen schließt mehrjährige Lieferverträge mit festen Mengen, finanziellen Garantien und Preiskorridoren ab. Intern heißen sie New Business Model, kurz NBM.
Bis Anfang August kamen so zehn Verträge mit acht Kunden zusammen. Darunter sind drei US-Hyperscaler, also die großen Cloud-Konzerne, und mindestens ein Kunde aus dem Endgerätegeschäft. Die Laufzeiten reichen bis zu fünf Jahre, im Schnitt sind es mehr als vier. Rechnet man nur mit den vereinbarten Mindestpreisen, ergeben sich Erlöse von wenigstens 93,9 Milliarden Dollar. Abgesichert sind sie durch finanzielle Garantien der Kunden über 16,5 Milliarden Dollar. Im laufenden Geschäftsjahr 2027 soll rund die Hälfte der produzierten Bits über diese Verträge laufen. Im Jahr darauf sollen es etwa zwei Drittel sein.
Die Bruttomarge liegt nach Angaben des Managements selbst am Preisboden dieser Verträge bei rund 80 Prozent. Für einen Speicherhersteller sind das außergewöhnliche Werte.
Nachbestellungen als Frühindikator für KI-Speicher
Anfang September lieferte der Finanzchef auf einer Investorenkonferenz Details zu den Nachverhandlungen. Die Ingenieure eines Kunden hatten den Speicherbedarf aus ihren Inferenz-Modellen hochgerechnet. Die Zahlen fielen so hoch aus, dass der Kunde sie zunächst prüfen wollte. Man unterschrieb eine erste Version und vertagte den Rest. Einige Zeit später meldete sich der Kunde zurück und stockte die Menge kräftig auf. Geändert wurden nur Volumen und Preis, das Vertragsgerüst blieb bestehen.
Der Vorgang hat Gewicht. Der ursprüngliche Auftragsbestand zeigte, dass Kunden großen Bedarf erwarten. Die Aufstockung zeigt, dass sie ihren Bedarf offenbar unterschätzt hatten. Hyperscaler planen ihre Rechenzentren über Jahre hinweg. Legen sie nach so kurzer Zeit nach, spricht das für eine steilere Nachfragekurve als bisher angenommen. Einige Vertragskunden kaufen inzwischen zusätzliche Mengen außerhalb ihrer Rahmenverträge.
Inferenz macht NAND-Speicher zum KI-Rohstoff
Der Treiber heißt Inferenz. Gemeint ist der laufende Betrieb trainierter KI-Modelle, also jede Antwort eines Chatbots und jede Aufgabe eines KI-Agenten. Beim Training profitierte vor allem der teure Hochleistungsspeicher HBM direkt an den Grafikprozessoren. Bei der Inferenz wächst dagegen der Bedarf an Flash-Speicher.
Der Grund liegt im sogenannten KV-Cache. Das ist das Kurzzeitgedächtnis eines Modells, in dem es den Kontext einer Unterhaltung ablegt. Längere Kontextfenster, mehr gleichzeitige Nutzer und multimodale Anwendungen lassen diesen Zwischenspeicher rasant wachsen. Im teuren Arbeitsspeicher lässt er sich nicht dauerhaft vorhalten. Ohne ihn müssten Modelle alles immer wieder neu berechnen. Also wandert er auf schnelle Enterprise-SSDs.
Die Branchendaten stützen das Bild. Nach Zahlen des Marktforschers Counterpoint entfielen im zweiten Quartal 2026 bereits 48 Prozent aller ausgelieferten NAND-Bits auf Enterprise-SSDs. Ein Jahr zuvor waren es 26 Prozent. Sandisk selbst schätzt, dass KV-Caching bis 2030 etwa 35 Prozent der Arbeitslast ausmachen könnte. Nach Angaben des Managements fiel diese Schätzung bei jeder Überarbeitung höher aus.
Rechenzentren: Sandisk hat Nachholpotenzial
Hier liegt ein Hebel, den der Markt leicht übersieht. Im vierten Geschäftsquartal erzielte Sandisk rund drei Milliarden Dollar Umsatz mit Rechenzentren. Das entspricht 38 Prozent des Geschäfts. Der Gesamtmarkt bewegt sich nach Einschätzung des Managements in Richtung 50 Prozent. Sandisk ist in diesem Segment also noch unterrepräsentiert.
Die Ursache liegt in der Vergangenheit. In schwierigen Jahren priorisierte das Unternehmen das Geschäft mit Smartphones und PCs. Erst mit der Speichergeneration BiCS8 kamen passende Produkte auf den Markt. Dazu zählen die Rechenzentrums-SSD Stargate mit QLC-Technik für große Datenmengen und die Serie Carrera für Rechenlasten. Schließt Sandisk nur die Lücke zum Markt, steigt der Anteil des margenstärksten Geschäfts. Dafür braucht es kein zusätzliches Branchenwachstum.
Die Zahlen des abgelaufenen Geschäftsjahres zeigen die Dynamik. Der Umsatz stieg um 175 Prozent auf 20,25 Milliarden Dollar. Das Rechenzentrumsgeschäft legte um 437 Prozent zu. Für das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres erwartet Sandisk 10,3 bis 10,8 Milliarden Dollar Umsatz.
HBF als Option ohne Planwert
Eine weitere Karte hält Sandisk mit High Bandwidth Flash, kurz HBF. Die Technik soll NAND-Speicher mit hoher Bandbreite direkt neben Prozessoren und Grafikchips bringen. HBM soll dabei nicht ersetzt werden. Ziel ist eine zusätzliche Speicherschicht für Inferenz mit deutlich höherer Kapazität. SK Hynix entwickelt mit Sandisk den Standard, Google und Meta sind dem Konsortium beigetreten. Erste Produkte sollen 2027 zu Kunden gehen.
Im langfristigen Finanzmodell steckt HBF bislang nur auf der Kostenseite. Umsätze, Margen und Investitionen sind nicht eingeplant. Diese Zurückhaltung ist angebracht. Musterlieferungen bedeuten noch keine Qualifizierung beim Kunden, und eine Qualifizierung noch keine Serienproduktion. HBF bleibt damit eine Option auf zusätzliches Wachstum. Die Investmentthese funktioniert auch ohne sie.
Kapazitätsdisziplin entscheidet über die Sandisk-Aktie
Das größte Risiko liegt auf der Angebotsseite. Hohe Margen locken in der Speicherbranche seit jeher neue Kapazitäten an. Sandisk plant bewusst nur ein Bitwachstum im mittleren bis hohen Zehnerprozentbereich. Zusätzliche Wafer-Kapazität braucht das Unternehmen dafür nicht, das Wachstum kommt aus effizienteren Fertigungsgenerationen. Das Management will ausdrücklich nicht für spekulative Nachfrage bauen.
Solche Disziplin fällt leicht, wenn die Sicht schlecht ist. Schwieriger wird es, wenn Kunden nach mehr Ware verlangen. Zudem kann Sandisk nur die eigenen Entscheidungen steuern. Samsung, SK Hynix, Micron, Kioxia und der chinesische Anbieter YMTC bestimmen die Preise im Markt mit. Rund die Hälfte des Sandisk-Geschäfts wird weiterhin zu Marktpreisen abgerechnet. Baut die Konkurrenz aggressiv aus, spürt Sandisk das dort zuerst.
Die Bewertung erscheint trotz der Kursgewinne im September moderat. Gemessen am bereinigten Gewinn des laufenden Geschäftsjahres liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei rund 8,4. Micron kommt auf etwa 13,8. Der Abschlag spiegelt die Skepsis des Marktes gegenüber der Dauerhaftigkeit der Speichergewinne. Mit jedem Vertrag, der verlängert oder aufgestockt wird, verliert dieses Argument an Kraft.
Fazit: Der Speicherhunger der KI wird unterschätzt
Der Auftragsbestand von 93,9 Milliarden Dollar beschreibt, was Kunden vor einigen Monaten erwarteten. Die Nachbestellungen beschreiben, wohin sich ihr Bedarf seither bewegt hat. Für Anleger ist dieser zweite Datenpunkt der wertvollere. Er deutet darauf hin, dass selbst die KI-Betreiber den Speicherbedarf der Inferenz noch unterschätzen. Solange weitere Verträge aufgestockt werden und Sandisk beim Ausbau Maß hält, bleibt die These intakt. Kritisch würde es, wenn Hyperscaler ihre SSD-Prognosen senken oder Sandisk für mehr Volumen schlechtere Konditionen akzeptiert. Die kommenden Quartalszahlen werden zeigen, ob aus zwei Einzelfällen ein Muster wird.
Sandisk-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Sandisk-Analyse vom 22. September liefert die Antwort:
Die neusten Sandisk-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Sandisk-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 22. September erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
