Es gibt Aktien, die einen ganzen Industriezyklus erzählen können. Sandisk ist gerade so ein Papier. Wer im Juli noch auf einen Absturz von 46 Prozent starrte, reibt sich jetzt die Augen: Am Montag schloss die Aktie 4,7 Prozent im Plus bei 1.350,00 Euro, nach einem Wochenplus von 6,3 Prozent und einem Monatsplus von 21 Prozent. Die Erholung fühlt sich fast trotzig an – als wollte der Markt beweisen, dass der NAND-Boom noch nicht vorbei ist.
Der eigentliche Auslöser des jüngsten Sprungs war nüchtern: Die Aufnahme in den MSCI World Index am Sonntag. Aber Indexaufnahmen sind selten das ganze Bild – sie sind eher der Moment, in dem ein Markt eine Geschichte offiziell macht, die er längst erzählt hat. Und diese Geschichte heißt: Speicherchips sind zurück im Zentrum der KI-Erzählung, nicht nur Grafikprozessoren.
Ein Vertrag als Schutzschild
Was mich an SanDisk derzeit mehr interessiert als der Kursausschlag, ist eine stille strukturelle Wette, die das Unternehmen eingegangen ist: Langfristige Lieferverträge decken bereits mehr als die Hälfte der Bit-Produktion für das Fiskaljahr 2027 ab, für 2028 sind es rund zwei Drittel, bei einer gewichteten Vertragslaufzeit von über vier Jahren. Das ist ungewöhnlich für eine Branche, die traditionell für ihre brutalen Boom-Bust-Zyklen bekannt ist.
SanDisk versucht, sich aus der Achterbahn herauszuvertragen – mit erwarteten Bruttomargen um 80 Prozent, im vierten Quartal des Fiskaljahres 2026 sogar 84,6 Prozent non-GAAP.
Ob das gelingt, ist die eigentliche Frage hinter der Kursbewegung. Denn der NAND-Markt, so die Erwartung, soll 2027 auf rund 500 Milliarden Dollar wachsen. Wenn SanDisk sich einen Großteil dieses Wachstums bereits vertraglich gesichert hat, dann ist die aktuelle Bewertung vielleicht weniger Spekulation als es aussieht – und mehr eine Wette auf Vertragstreue.
Die Zahlen des vergangenen Quartals untermauern zumindest die operative Dynamik: Umsatz von 8,97 Milliarden Dollar, ein Plus von 372 Prozent gegenüber dem Vorjahr, non-GAAP-Gewinn je Aktie von 39,25 Dollar – deutlich über den Erwartungen von 33,28 Dollar. Der Anteil des Datacenter-Geschäfts an der Bit-Produktion ist von 12 auf 38 Prozent gewachsen. Das ist keine Randnotiz, das ist ein Strukturwandel im Geschäftsmodell.
Japan als Wettmarke der ganzen Branche
Und dann ist da noch die Japan-Geschichte: SanDisk und sein Partner Kioxia wollen bis 2032 mehr als 31 Milliarden Dollar in die Werke Yokkaichi und Kitakami stecken, das gemeinsame Joint Venture wurde bis 2034 verlängert.
Bemerkenswert ist, dass SanDisk mit dieser Ansage nicht allein dasteht: SK hynix erwägt inzwischen ebenfalls, in Japan zu produzieren, mit eigenen Investitionsplänen von 39 Milliarden Dollar allein in Südkorea.
Und in Südkorea selbst ist gerade der erste NAND-ETF des Landes gestartet, mit SanDisk als drittgrößter Position hinter Samsung und SK hynix. Wenn eine ganze Region beginnt, Fonds um eine Produktkategorie zu bauen, ist das ein Indiz dafür, dass der Kapitalmarkt den Zyklus für strukturell hält, nicht für zufällig.
Parallel dazu sorgt aus China die Konkurrenz für Nervosität: CXMT, mittlerweile viertgrößter DRAM-Hersteller mit rund 7 Prozent Marktanteil, meldet einen Durchbruch bei HBM3E-Speicherchips und wird bereits von Alibaba und Cambricon getestet. Das ist der Teil der Geschichte, der die Volatilität erklärt, die in den Kennzahlen der Aktie steckt – eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von 127 Prozent ist kein Zufall, sondern der Ausdruck eines Marktes, der zwischen Goldgräberstimmung und geopolitischer Sorge hin- und herpendelt.
Bleibt die Frage, wie belastbar diese Erzählung wirklich ist. Die Aktie notiert trotz der jüngsten Rally noch immer 34 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 2.060,00 Euro, erreicht Ende Juni – und gut 55 Prozent über ihrem Tief von Ende Juli.
Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich derzeit die gesamte Debatte um den Speicherzyklus: Ist das hier der Beginn eines mehrjährigen Superzyklus, getragen von KI-Rechenzentren und langfristigen Lieferverträgen?
Oder nur eine kräftige Erholungsrally in einer Branche, die für ihre Zyklen berüchtigt ist? Analysten mit einem Konsens von „Strong Buy“ und Kurszielen zwischen 1.300 und 2.250 Dollar scheinen sich für Ersteres zu entscheiden. Der Markt selbst bleibt, mit einem RSI von 52,7, erstaunlich unentschlossen.
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