Fast neun Milliarden Dollar Umsatz in einem einzigen Quartal, ein Gewinnsprung ins Rekordbuch – und trotzdem geht die Aktie auf Tauchstation. Wer Sandisk in den vergangenen Wochen beobachtet hat, kennt dieses Muster inzwischen zur Genüge. Für mich ist genau dieser Widerspruch der eigentliche Kern der Geschichte, nicht die einzelne Kennziffer.
Ein Rekordquartal, das der Markt nicht honoriert
Am 5. August meldete SanDisk für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2026 einen Umsatz von 8,97 Milliarden Dollar, ein Plus von 51 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Der GAAP-Nettogewinn lag bei 6,90 Milliarden Dollar, das verdünnte Ergebnis pro Aktie bei 43,97 Dollar. Non-GAAP wies das Unternehmen 39,25 Dollar pro Aktie aus – deutlich über der Erwartung von 34,59 Dollar, während auch der Umsatz die Konsensschätzung von 8,42 Milliarden Dollar übertraf. Für das gesamte Geschäftsjahr 2026 stand ein Umsatz von 20,25 Milliarden Dollar, ein Plus von 175 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders bemerkenswert: Der Rechenzentrumsumsatz kletterte im Jahresvergleich um 437 Prozent, getrieben durch eine Verschiebung hin zu höherwertigen Kunden und besseren Preisen.
Und dennoch schloss die Aktie am Freitag bei 1.050,00 Euro, ein Tagesverlust von 4,55 Prozent. Auf Monatssicht steht ein Minus von 30,92 Prozent. Wer die Zahlen isoliert betrachtet, würde eine solche Reaktion kaum erwarten. Ich lese das als Zeichen dafür, dass der Markt nicht die Vergangenheit bewertet, sondern die Nachhaltigkeit des Ausblicks infrage stellt – ein für zyklische Speicherwerte typisches Muster, das die aktuelle Volatilität nur verschärft.
Wachstumsversprechen: NBM-Verträge und High Bandwidth Flash
Was mich an der Story trotzdem hält: SanDisk liefert nicht nur Zahlen, sondern auch strukturelle Argumente für die Zukunft. Seit April hat das Unternehmen zehn neue „New Business Model“-Vereinbarungen unterzeichnet, mit einem Mindestvolumen von 93,9 Milliarden Dollar und einer Planungssicherheit von mehr als vier Jahren. Das ist eine Größenordnung, die man bei einem Speicherhersteller nicht alltäglich sieht, und sie spricht dafür, dass das Management versucht, die notorische Zyklizität des Geschäfts mit langfristigen Abnahmeverträgen abzufedern.
Parallel dazu treibt SanDisk gemeinsam mit SK hynix die technologische Front voran. Am 3. August veröffentlichten beide Unternehmen über das Open Compute Project die technische Spezifikation für High Bandwidth Flash, ein Speicherformat für KI-Anwendungen mit Kapazitäten bis zu 512 Gigabyte und Bandbreiten zwischen rund 0,4 und 3,0 Terabyte pro Sekunde. Google und Tenstorrent sind dem Konsortium inzwischen beigetreten. Schon Anfang Juli hatte SanDisk das Sampling seines BiCS10-1-Terabit-TLC-3D-NAND-Speichers angekündigt, mit einer Bit-Dichte, die 59 Prozent über dem Vorgänger BiCS8 liegt. Für mich zeigt das: SanDisk positioniert sich klar im KI-Speichermarkt, nicht nur als Zulieferer für klassische Consumer-Produkte.
Auch der Vorstand selbst scheint an die eigene Bewertung zu glauben. Am 5. August genehmigte das Board ein zusätzliches Aktienrückkaufprogramm über 14 Milliarden Dollar, womit die verbleibende Ermächtigung auf 15,5 Milliarden Dollar steigt. Ein solches Volumen relativ zur aktuellen Marktkapitalisierung von umgerechnet 158,94 Milliarden Euro ist beachtlich und lässt sich schwer als reines Alibi-Signal abtun.
Analysten zerstritten – und das ist bezeichnend
Am 6. August fiel die Reaktion der Wall Street denkbar uneinheitlich aus. Jefferies senkte sein Kursziel von 3.000 auf 1.750 Dollar, beließ die Kaufempfehlung aber unverändert und begründete den Schritt mit Sorgen um die Marge. Auf der anderen Seite hob RBC Capital sein Ziel von 1.000 auf 1.300 Dollar an. Dazwischen bewegten sich weitere US-Häuser, die ihre Kursziele auf Werte zwischen rund 1.400 und 2.800 Dollar zurücknahmen. Diese Spannbreite ist für mich aussagekräftiger als jede Einzelmeinung: Sie zeigt, dass selbst professionelle Beobachter derzeit keine klare Linie finden, wie stark die aktuelle Margen-Diskussion das langfristige Wachstumsbild überschatten sollte.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich bei SanDisk zwei Realitäten, die aktuell nebeneinander existieren: operative Rekordzahlen und ein Ausblick mit langfristigen Vertragsvolumina auf der einen Seite, ein Kurs, der binnen eines Monats fast ein Drittel verloren hat und rund die Hälfte unter seinem Jahreshoch notiert, auf der anderen. Der für den 13. August angesetzte Investorentag dürfte zeigen, welche dieser beiden Realitäten das Management stärker betonen will. Bis dahin bleibt die Aktie das, was die Kennzahlen bereits andeuten: ein hochvolatiler Wert, bei dem fundamentale Stärke und Marktnervosität diametral aufeinandertreffen.
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