Ein Kursplus von 60 Prozent in zwei Wochen, ein Analystenhaus nach dem anderen mit Kurszielerhöhungen, dazwischen ein Hedgefonds, der sich mit derselben Aktie verzockt hat – Sandisk liefert derzeit den vielleicht widersprüchlichsten Chart der gesamten Halbleiterbranche.
Für mich ist die entscheidende Frage nicht, ob die Aktie teuer aussieht. Sie ist es, gemessen an klassischen Kennzahlen, zweifellos. Die Frage ist, ob das Unternehmen gerade tatsächlich dabei ist, den notorischen Boom-Bust-Zyklus der Speicherbranche zu durchbrechen. Und die Antwort fällt für mich überraschend eindeutig aus: Ja, mit Einschränkungen.
Verträge statt Zyklus
Der Auslöser der jüngsten Rally war der Investorentag am Donnerstag. SanDisk stellte dort ein Finanzmodell für die Geschäftsjahre 2028 bis 2030 vor: Umsatzwachstum im mittleren bis hohen Zehnerprozentbereich, eine Bruttomarge von rund 80 Prozent, eine operative Marge von etwa 75 Prozent und ein freier Cashflow von rund der Hälfte des Umsatzes. Das allein wäre schon bemerkenswert.
Entscheidend ist aber das Fundament dahinter: acht langfristige Lieferverträge, darunter mit drei US-Hyperscalern, mit einem Gesamtvolumen von rund 94 Milliarden Dollar und finanziellen Garantien von 16,5 Milliarden Dollar. Sie decken 2027 mehr als die Hälfte der Bit-Produktion ab, 2028 rund zwei Drittel.
Genau das ist der Punkt, an dem sich meine Sichtweise von der reinen Kurs-Euphorie unterscheidet. NAND-Speicher war jahrzehntelang ein Rohstoffgeschäft mit brutalen Preiszyklen. Wenn ein Großteil der Produktion über Jahre hinweg vertraglich mit Preisgarantien abgesichert ist, verändert das die Ertragsqualität grundlegend – unabhängig davon, wie der Spotmarkt gerade läuft.
JPMorgan-Analyst Harlan Sur bringt es in seiner neu aufgenommenen Coverage mit „Overweight“ und einem Kursziel von 2.250 Dollar auf den Punkt: Die langfristigen Verträge reduzierten die Zyklik strukturell. Ich halte diese These für die stärkere Lesart der aktuellen Zahlen als den reinen Kurssprung.
Die Zahlen tragen die Story – noch
Die zuletzt gemeldeten Geschäftszahlen stützen die Erzählung durchaus. Der Umsatz im vierten Quartal des Geschäftsjahres lag bei 8,96 Milliarden Dollar, ein Plus von 371,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Gewinn je Aktie von 39,25 Dollar übertraf den Konsens von 33,28 Dollar deutlich. Für das laufende Quartal stellt das Management einen Gewinn je Aktie zwischen 44 und 46 Dollar in Aussicht.
Parallel dazu läuft ein Aktienrückkaufprogramm über 14 Milliarden Dollar, das Unternehmen will nach eigener Aussage den gesamten überschüssigen freien Cashflow an Aktionäre zurückführen. Melius-Analyst Ben Reitzes geht sogar so weit, ein mögliches Rückkaufvolumen von 100 Milliarden Dollar über drei Jahre zu skizzieren und hebt sein Kursziel auf 3.600 Dollar.
Doch genau hier beginnt für mich die notwendige Vorsicht. Die Kursziele der begleitenden Häuser liegen extrem weit auseinander – von 1.600 Dollar bei RBC bis 3.000 Dollar bei Bernstein. Eine solche Streuung ist kein Zeichen von Konsens, sondern von Unsicherheit über die Nachhaltigkeit der Margen.
Selbst Morgan Stanley, grundsätzlich zurückhaltender positioniert, räumt ein, dass die skizzierten Margenziele „in den nächsten Jahren übertroffen werden“ könnten, warnt aber gleichzeitig, dass sie langfristig schwer zu halten seien.
Wenn Profis selbst nicht sicher sind
Bezeichnend ist für mich der Fall des Hedgefonds Situational Awareness, der rund die Hälfte seines US-Portfolios in SanDisk und Micron gebündelt hatte und im Juli einen Verlust von 67 Prozent hinnehmen musste, als SanDisk um 47 Prozent einbrach. Der Fonds musste Positionen zwangsweise an Citadel abgeben, sein Volumen schrumpfte von 45 auf 10 Milliarden Dollar.
Auch David Tepper trennte sich über Appaloosa Management im zweiten Quartal vollständig von seiner rund 400 Millionen Dollar schweren SanDisk-Position – wenngleich Berichten zufolge später wieder zugekauft wurde. Wenn selbst erfahrene Adressen zwischen Vollbeladung und Komplettausstieg schwanken, spricht das für mich gegen jede Gewissheit in beide Richtungen.
Aktuell notiert die Aktie bei 1.420,00 Euro, nachdem sie am Freitag um 6,8 Prozent zulegte – nach einem Wochenplus von 35 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 2.060,00 Euro bleibt die Aktie noch 31 Prozent entfernt, was zeigt, dass trotz der jüngsten Rally noch keine Überhitzung auf altes Niveau vorliegt.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegen für mich die strukturellen Argumente: Die Vertragsbindung mit Hyperscalern verändert das Geschäftsmodell tatsächlich, nicht nur die Erzählung. Die enorme Volatilität und die krass divergierenden Kursziele mahnen aber zur Nüchternheit.
Wer die These vom entzyklisierten NAND-Geschäft teilt, dürfte in den Verträgen bis 2028 den eigentlichen Wert sehen – wer sie anzweifelt, wird von der nächsten Kurskorrektur kaum überrascht sein.
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