Es gibt Quartalszahlen, die eine Aktie bewegen. Und es gibt Quartalszahlen, die eine ganze Erzählung verschieben. Bei Salesforce war es diese Woche Letzteres. Der Softwarekonzern hat nicht nur Umsatz und Gewinn übertroffen – er hat gleichzeitig verkündet, künftig direkt in der KI eines Konkurrenten aufzutauchen. Genau diese Kombination verdient einen zweiten Blick, jenseits der reinen Kursreaktion.
Die eigentliche Nachricht liegt in der vertieften Partnerschaft mit Anthropic, die unter dem Namen Claudeforce läuft. Salesforce bringt sich künftig als Plugin in Claude ein, mit 37 vorgefertigten Vertriebsfunktionen.
Pilotkunden hatten sofort Zugriff, eine offene Betaphase ist für September angekündigt, weitere Funktionen sollen Ende des Jahres folgen. Das klingt nach technischem Klein-Klein, ist aber ein bemerkenswerter strategischer Bruch: Ein Unternehmen, das jahrzehntelang seine eigene Plattform als Ökosystem-Zentrum verkauft hat, siedelt seine Funktionen nun in der Umgebung eines fremden KI-Modells an.
Wenn die Plattform zum Zulieferer wird
Man kann das als Kapitulation lesen – oder als klügste Antwort auf eine Verschiebung, die sich in der gesamten Software-Branche abzeichnet. Kunden wollen zunehmend nicht mehr in zehn verschiedenen Oberflächen arbeiten, sondern eine KI fragen und Antworten bekommen, egal woher die Daten stammen.
Salesforce hat verstanden, dass Präsenz wichtiger sein könnte als Kontrolle. Ob das langfristig trägt oder das eigene Geschäftsmodell aushöhlt, lässt sich heute nicht seriös beantworten. Aber die Richtung ist gesetzt.
Parallel dazu bleibt das klassische Geschäft überraschend robust. Der Umsatz im zweiten Geschäftsquartal 2027 lag bei 11,35 Milliarden Dollar, der bereinigte Gewinn je Aktie bei 5,90 Dollar, der Nettogewinn stieg auf 3,53 Milliarden Dollar.
Das Unternehmen hob zudem die Jahresprognose für den Umsatz auf eine Spanne von 46,1 bis 46,4 Milliarden Dollar an, nach zuvor 45,9 bis 46,2 Milliarden Dollar. Für das dritte Quartal wird ein Umsatz zwischen 11,42 und 11,50 Milliarden Dollar erwartet.
Ein Teil des Gewinnsprungs ist allerdings kein operativer Erfolg im engeren Sinne: Ein Buchgewinn von 2,6 Milliarden Dollar aus der strategischen Beteiligung an Anthropic floss in die Zahlen ein. Das relativiert die reine Gewinnzahl, ändert aber nichts an der soliden Umsatzentwicklung und der angehobenen Guidance.
Auch die Kapitalrückführung läuft weiter: 364 Millionen Dollar an Dividenden flossen an Aktionäre, dazu läuft ein beschleunigtes Aktienrückkaufprogramm über 25 Milliarden Dollar.
Agentforce als zweite Erzählung
Neben Claudeforce gibt es noch eine zweite KI-Geschichte im Konzern. Auf der Deutsche Bank Technology Conference berichtete Salesforce, dass die annualisierten wiederkehrenden Erlöse von Agentforce inzwischen bei knapp 3,9 Milliarden Dollar liegen, ähnlich hoch wie bei Data 360. Diese Größenordnung zeigt, dass die KI-Agenten-Strategie des Unternehmens längst kein Nischenprodukt mehr ist, sondern zu einem eigenständigen Umsatzträger herangewachsen ist.
Der Markt hat all das goutiert. Reuters berichtete über den Kurssprung nach der Bekanntgabe, CNBC sprach von einem Plus von 22 Prozent nach der Kombination aus Zahlen und Anthropic-Ausbau, und Bloomberg ordnete die Bewegung als stärkste Rally seit 2020 ein.
An der Börse in Frankfurt schloss die Aktie am Freitag bei 221,00 Euro, ein Plus von 2,1 Prozent an diesem Tag allein. Über die vergangenen sieben Handelstage summiert sich die Bewegung auf 23 Prozent, über 30 Tage auf 34 Prozent.
Diese Wucht wirft die eigentliche Frage auf: War es die Anthropic-Fantasie, die den Kurs trägt, oder die nüchterne operative Verbesserung? Vermutlich beides zugleich, wobei sich die beiden Stränge kaum sauber trennen lassen. Zum Jahresbeginn liegt die Aktie noch immer mit 2,5 Prozent im Minus, was zeigt, wie viel Boden in den vergangenen Wochen aufgeholt wurde. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von Ende Oktober beträgt nur noch 3,9 Prozent.
Salesforce hat sich in wenigen Tagen neu erzählt: vom klassischen CRM-Anbieter zum Unternehmen, das seine Werkzeuge dorthin trägt, wo die Kunden ohnehin schon mit KI sprechen. Ob das strategisch klug ist oder ein Zugeständnis an eine Konkurrenz, die man nicht mehr aufhalten kann, wird sich erst zeigen, wenn die Beta im September läuft und echte Nutzungszahlen vorliegen.
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