Es gibt Tage, an denen ein Quartalsbericht nicht nur eine Aktie bewegt, sondern eine ganze Erzählung widerlegt. Gestern war so ein Tag für Salesforce.
Die Aktie schloss mit einem Plus von 23 Prozent bei 216,40 Euro – der zweitbeste Handelstag der Firmengeschichte, übertroffen nur von einem Sprung im August 2020. Wer in den vergangenen zwei Jahren die These vom Software-Sterben durch künstliche Intelligenz für ausgemacht hielt, muss heute nachjustieren.
Die These klang plausibel: Wenn KI-Agenten künftig direkt mit Unternehmensdaten sprechen, wozu dann noch teure CRM-Oberflächen? Die „SaaSpocalypse“, wie sie in der Branche genannt wird, sollte klassische Softwareanbieter überflüssig machen.
Salesforce-Chef Marc Benioff hat dieser Erzählung nun mit Zahlen widersprochen, nicht nur mit Worten. Er nennt sie schlicht Unsinn – und liefert einen Kontrapunkt: Neun der zehn führenden KI-Unternehmen nutzen Salesforce oder Slack, und deren Ausgaben seien im Jahresvergleich um 435 Prozent gestiegen. Sein Argument dahinter ist bemerkenswert: Frontier-Modelle hingen von CRM-Systemen ab, sie ersetzten sie nicht.
Die Zahlen hinter dem Kurssprung
Der Umsatz im zweiten Quartal kletterte auf 11,35 Milliarden Dollar, ein Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bereinigte Ergebnis je Aktie lag bei 5,90 Dollar – der Marktkonsens hatte lediglich 3,27 Dollar erwartet, eine Differenz, die Analysten selten sehen.
Das Nettoeinkommen sprang um 87 Prozent auf 3,53 Milliarden Dollar, wobei ein gutes Stück davon aus einer Beteiligung stammt: Salesforce hält Anteile an Anthropic, und deren Wertsteigerung brachte allein 2,6 Milliarden Dollar Gewinnbeitrag.
Genau hier wird die Geschichte interessant. Salesforce hat sich nicht gegen die KI-Welle gestemmt, sondern sie sich einverleibt. Die neue Partnerschaft „Claudeforce“ bindet Anthropics Sprachmodell Claude tief in das eigene Ökosystem ein – als Standardmodell für Slack, für die Agentforce-Plattform und über ein Plugin mit 37 vorgefertigten Vertriebsfunktionen, das im September in die offene Betaphase geht.
Die Wette dahinter: Nicht die Benutzeroberfläche ist die Zukunft, sondern die Daten, Workflows und Governance-Strukturen, die im Hintergrund laufen. Salesforce positioniert sich damit weniger als Software-Verkäufer, mehr als Dateninfrastruktur für das KI-Zeitalter.
Wachstum, das die Skeptiker kalt erwischt hat
Die operativen Kennzahlen stützen dieses Bild. Der Auftragsbestand cRPO wuchs um 14 Prozent auf 33,5 Milliarden Dollar – ein Vierjahreshoch. Noch auffälliger: Der kombinierte Jahresumsatz aus Agentforce und Data 360 erreichte rund 3,9 Milliarden Dollar, ein Plus von 210 Prozent, während Agentforce allein die Marke von 1,5 Milliarden Dollar überschritt und sich um 240 Prozent steigerte.
Die Hälfte aller Buchungen kam laut Unternehmensangaben von Bestandskunden, die ihre bereits gekauften Nutzungskontingente aufstocken – ein Indiz dafür, dass die KI-Werkzeuge tatsächlich im Alltag ankommen und nicht nur als Pilotprojekte verstauben.
Für das laufende Geschäftsjahr hob Salesforce die Prognose auf 46,1 bis 46,4 Milliarden Dollar Umsatz an. Der freie Cashflow legte um 81 Prozent auf 1,10 Milliarden Dollar zu. Am Markt reagierten Analysten prompt: Citi zog sein Kursziel auf 233 Dollar an, Jefferies gar auf 300 Dollar.
Was den Kurssprung zusätzlich einordnet: Die Aktie notiert damit rund 26 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 155,81 Euro nach oben durchgestartet, bleibt aber noch knapp sechs Prozent unter ihrem Zwölf-Monats-Hoch von 229,90 Euro von Ende Oktober. Über zwölf Monate gerechnet liegt das Papier praktisch unverändert, seit Jahresbeginn sogar leicht im Minus – der jüngste Sprung ist also eher Aufholjagd als Höhenflug.
Die eigentliche Frage, die dieser Quartalsbericht aufwirft, betrifft nicht nur Salesforce: Wird sich das Muster wiederholen, dass etablierte Softwarekonzerne KI nicht als Bedrohung, sondern als Wachstumsmotor einverleiben?
Bei Zoom und CrowdStrike, beide ebenfalls mit Anthropic verbandelt, deutete sich in denselben Tagen ein ähnliches Bild an. Die SaaSpocalypse mag noch nicht endgültig begraben sein – aber ihr Fundament bekommt gerade sichtbare Risse.
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