Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
in den Garagen der Nachkriegsgeneration steht mehr Kapital, als viele Depots ausweisen. In den USA sollen nach Branchenschätzungen in den kommenden 15 Jahren rund zwölf Millionen Liebhaberfahrzeuge an die nächste Generation übergehen. Der Wert dieser Flotte wird auf etwa 570 Milliarden Dollar taxiert. In Deutschland waren Anfang 2026 genau 923.538 historische Fahrzeuge zugelassen, vier Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Davon sind 822.537 Personenwagen, ein Plus von 4,1 Prozent. Die Millionenmarke ist in Reichweite. Mit jedem Erbfall stellt sich dabei dieselbe unangenehme Rechnung: Wert auf dem Papier, Kosten in der Realität.
Vermögensübertragung im Rekordtempo
Der Oldtimer ist nur ein besonders sichtbarer Ausschnitt eines viel größeren Vorgangs. Weltweit wandern nach gängigen Schätzungen rund 90 Billionen Dollar von der Kriegs- und Nachkriegsgeneration an Kinder und Enkel. In Deutschland beziffert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung das jährliche Volumen aus Erbschaften und Schenkungen auf bis zu 400 Milliarden Euro. Steuerlich erfasst wird davon nur ein Bruchteil. Das Statistische Bundesamt veranlagte für 2024 Übertragungen von 113,2 Milliarden Euro und setzte darauf 13,3 Milliarden Euro Steuer fest. Davon entfielen 8,5 Milliarden Euro auf Erbschaften und 4,8 Milliarden Euro auf Schenkungen. Größere Vermögen wandern also auffällig oft schon zu Lebzeiten an die nächste Generation.
Der entscheidende Punkt für Anleger liegt in der Zusammensetzung dieser Vermögen. Ein großer Teil besteht nicht aus Wertpapieren, sondern aus Immobilien, Betriebsanteilen, Sammlungen und eben Fahrzeugen. Diese Werte lassen sich nicht per Mausklick verkaufen. Sie verursachen laufende Kosten. Und sie finden ihren Preis erst im Moment der Transaktion.
Oldtimer als Sachwert: Der Index zeigt nur den Durchschnitt
Für den deutschen Markt liefert der Deutsche Oldtimer-Index eine brauchbare Orientierung. Der Verband der Automobilindustrie lässt ihn jährlich aus 88 repräsentativen Fahrzeugen berechnen, gewichtet nach Zulassungszahlen. Zum zuletzt veröffentlichten Stichtag Anfang 2025 stand der Index bei 2.985 Punkten. Das war ein Plus von 1,85 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit weniger als die Inflationsrate.
Über fünf Jahre summierte sich der Zuwachs auf 21,7 Prozent. Seit dem Start 1999 stieg der Index um 198 Prozent, im Mittel also um 5,6 Prozent pro Jahr. Das klingt solide, liegt aber deutlich unter der langfristigen Aktienrendite. Vor allem verdeckt der Durchschnitt die enorme Streuung. Einzelne Modelle legten zuletzt um fast 99 Prozent zu, während populäre Klassiker wie der BMW 2002 rund neun Prozent verloren. Wer auf das falsche Modell setzt, hält einen Sachwert ohne Wertentwicklung.
Entscheidend ist zudem der Zustand. Bewertungshäuser arbeiten mit Zustandsnoten von eins bis fünf. Note zwei beschreibt ein mängelfreies Fahrzeug mit leichten Gebrauchsspuren. Zwischen Note zwei und Note vier können bei gefragten Modellen schnell mehrere zehntausend Euro liegen. Geerbte Fahrzeuge stehen oft jahrelang ungenutzt und rutschen dabei in der Skala nach unten.
Besonders teure Einzelstücke bleiben im Index bewusst außen vor. Diese Fahrzeuge prägen aber die Schlagzeilen der großen Auktionen. Der publizierte Rekordpreis eines Ferrari sagt über den Wert eines geerbten Mercedes W123 so wenig aus wie der Kurs eines Technologiewerts über den Rest des Marktes.
Haltekosten entscheiden über die Rendite
Ein Wertpapier kostet im Depot fast nichts. Ein Klassiker kostet jeden Monat Geld. Garage, Versicherung, Steuer, Wartung und Restaurierung summieren sich schnell auf vierstellige Beträge pro Jahr. Ein britischer Erbe eines Jaguar E-Type aus dem Jahr 1962 investierte allein für Motorarbeiten 4.500 Pfund, Kupplung und Getriebe stehen noch aus.
Drastischer fällt ein Fall aus den USA aus. Dort steckte ein Erbe über zwei Jahrzehnte rund 40.000 Dollar in Lagerung und Instandsetzung eines Studebaker. Das war ein Vielfaches des Marktwerts. Verkauft wurde das Fahrzeug am Ende trotzdem.
Fachleute sprechen bei solchen Konstellationen von negativem Carry. Die Anlage wirft keine laufenden Erträge ab, verursacht aber laufende Kosten. Eine Anleihe zahlt Zinsen, eine Aktie oft eine Dividende, ein Mietobjekt liefert Miete. Der Oldtimer liefert Fahrspaß. Damit sich die Rechnung trägt, muss der Wertzuwachs sämtliche Haltekosten übertreffen. Bei einem Indexplus von knapp zwei Prozent im Jahr gelingt das selten.
Der Erbfall ist der Stresstest jeder illiquiden Anlage
Im Erbfall treffen mehrere Probleme zusammen. Der Wert eines Fahrzeugs kann sich zwischen der Abfassung eines Testaments und dem Todesfall erheblich verschieben. Bewertungen aus dem Jahr 2015 taugen heute nicht mehr. Erbengemeinschaften streiten deshalb regelmäßig über Sammlerstücke, weil Erinnerungswert und Marktwert weit auseinanderliegen.
Hinzu kommt der Generationenwechsel auf der Nachfragerseite. Käufer orientieren sich meist an den Fahrzeugen ihrer Jugend. Wer heute Mitte vierzig ist, sucht eher einen Youngtimer aus den Neunzigern als eine Limousine aus den Fünfzigern. Der Effekt zeigt sich auch in den deutschen Zulassungszahlen. Der Bestand wächst vor allem durch jüngere Fahrzeuge, während die Quote der H-Kennzeichen auf rund 54 Prozent gefallen ist. Viele Halter melden ihren Klassiker regulär an, weil das günstiger ist.
Für Erben bedeutet das eine doppelte Belastung. Sie übernehmen ein Objekt mit laufenden Kosten und verkaufen es häufig in einen Markt, der die Vorlieben des Erblassers nicht mehr teilt. Der Verkaufsdruck trifft dann auf einen Käuferkreis, der sich seine Stücke aussuchen kann.
Was Anleger aus dem Oldtimermarkt mitnehmen
Die Mechanik gilt weit über Fahrzeuge hinaus. Sie betrifft vermietete Immobilien in strukturschwachen Regionen, Kunstsammlungen, Weinbestände und vor allem Unternehmensbeteiligungen. Überall gilt dasselbe Muster. Der Wert existiert nur als Schätzung, solange kein Käufer zahlt. Die Kosten dagegen fallen sicher an.
Daraus folgen drei praktische Schlüsse. Erstens sollte jedes Sachwertinvestment mit einer realistischen Kostenrechnung über die geplante Haltedauer beginnen. Zweitens braucht ein Depot liquide Gegengewichte, damit im Erbfall keine Notverkäufe nötig werden. Drittens entschärft eine geordnete Übergabe zu Lebzeiten die meisten Konflikte. Schenkungen laufen in Deutschland erkennbar häufiger als reine Erbfälle, wenn größere Vermögen im Spiel sind.
Kapitalmarktseitig profitiert von diesem Wandel weniger der Sammler als die Infrastruktur um ihn herum. Spezialversicherer, Auktionshäuser und Restaurierungsbetriebe verdienen an Transaktionen und an laufenden Verträgen, unabhängig davon, ob die Preise steigen oder fallen. Marktbeobachter erwarten für den globalen Markt mit Sammlerfahrzeugen bis 2032 ein Volumen von rund 25 Milliarden Dollar nach knapp 13 Milliarden im Jahr 2024. Das Wachstum liegt also im Umschlag, nicht zwingend im Preis.
Die 570 Milliarden Dollar in amerikanischen Garagen und die fast eine Million Klassiker auf deutschen Straßen taugen deshalb kaum als Anlagechance, wohl aber als Mahnung. Ein Vermögenswert ist erst dann etwas wert, wenn jemand bereit ist, ihn zu übernehmen. Wer Sachwerte aufbaut, sollte den Ausstieg genauso sorgfältig planen wie den Einstieg.
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