Ausgangslage
Rocket Lab steckt in einer heiklen Gemengelage. Am Montag fiel die Aktie um 5,9 Prozent, das fünfte Verlusttag in Folge, und markiert damit einen Wochenverlust von 15 Prozent.
Auslöser war nicht allein die Erkenntnis des Managements, dass sich das Startfenster für die erste Neutron-Mission im laufenden Jahr weiter verengt. Hinzu kommt die Sorge um ein neues Aktienprogramm im Volumen von 1,94 Milliarden Dollar, mit dem das Unternehmen die Übernahme von Iridium Communications im Umfang von 8 Milliarden Dollar teilweise finanzieren will.
Für dieses Vorhaben hat Rocket Lab bereits eine S-4-Registrierung eingereicht, und die kartellrechtliche Wartefrist nach dem Hart-Scott-Rodino-Gesetz ist inzwischen abgelaufen. Der Deal rückt damit näher – doch genau das verschärft die Debatte um die Kapitalstruktur.
Warum das jetzt zählt: Der Kurs notiert 17 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt und 56 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch vom Mai. Ein RSI von 37,2 signalisiert, dass der Markt die Aktie bereits in überverkauftes Terrain gedrückt hat, ohne dass sich die operative Dynamik verschlechtert hätte – im Gegenteil.
Die entscheidende Frage
Der eine Faktor, der über die nächsten Monate entscheidet: Verwässert das neue Aktienprogramm die bestehenden Anteilseigner stärker, als der Iridium-Zukauf an strategischem Wert liefert? Rocket Lab hatte im zweiten Quartal einen Rekordumsatz von 234 Millionen Dollar gemeldet, ein Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einem Auftragsbestand von 2,36 Milliarden Dollar.
Der Nettoverlust von 49 Millionen Dollar beziehungsweise 0,08 Dollar je Aktie verfehlte allerdings die Konsensschätzung von minus 0,06 Dollar. Genau diese Kombination – starkes Wachstum, aber anhaltende Verluste plus eine milliardenschwere Übernahme auf Kredit- und Aktienbasis – bestimmt, ob das Programm als Wachstumsfinanzierung oder als Belastung für bestehende Aktionäre gelesen wird.
Bullisches Szenario
Gelingt die Integration von Iridium, erhält Rocket Lab Zugang zu einer etablierten Satellitenkonstellation und wiederkehrenden Umsätzen, die das margenschwache Startgeschäft ergänzen würden. Das operative Momentum abseits von Neutron bleibt intakt: Die 93. Electron-Mission für den japanischen Anbieter iQPS wurde erfolgreich durchgeführt, acht Satellitenplattformen für MDA Space wurden für Globalstars Direct-to-Device-Konstellation gestartet, und die US Space Force hat Rocket Lab zuletzt mit einem Auftrag über 397 Millionen Dollar für sogenannte „Flatellites“ sowie mit zwei Lieferaufträgen über 12 Millionen Dollar im Rahmen des Space Data Network Consortium bedacht.
Auch Viasat hat Rocket Lab für den Bau eines geostationären Satellitenbusses im Rahmen eines Space-Force-Programms ausgewählt. Cantor Fitzgerald hob sein Kursziel am 11. August nach den Quartalszahlen auf 122 von zuvor 96 Dollar an und bestätigte die Einstufung „Overweight“. Citizens JMP bekräftigte am selben Tag „Market Outperform“ mit einem Kursziel von 130 Dollar. Wer an die langfristige Diversifizierung des Geschäftsmodells glaubt, sieht im aktuellen Kursrückgang eine Neubewertung, keine fundamentale Krise.
Bärisches Risiko
Das Gegenargument wiegt schwer: Ein Aktienprogramm von 1,94 Milliarden Dollar bei einer Marktkapitalisierung von umgerechnet 44,32 Milliarden Euro ist kein Nebenschauplatz.
Jede zusätzlich ausgegebene Aktie verwässert bestehende Anteile, während das Unternehmen weiterhin Verluste schreibt und die Neutron-Rakete – der zentrale Wachstumstreiber für schwerere Nutzlasten – ihr erstes Startfenster nicht hält.
Piper Sandler nahm die Coverage am 11. August mit „Neutral“ und einem Kursziel von 83 Dollar auf, mit Verweis auf eine Bewertungsprämie gegenüber Wettbewerbern. Roth Capital senkte sein Kursziel am selben Tag auf 110 von einem höheren Niveau, behielt aber „Buy“ bei.
Zusätzlich belasten Insider-Verkäufe das Sentiment: CFO Adam Spice sowie die Manager Frank Klein und Arjun Kampani meldeten Verkäufe von zusammen gut 112.000 Aktien zur Deckung von Steuerverpflichtungen aus RSU-Vesting – rechtlich unauffällig, symbolisch aber ungünstig getimt.
Ausblick
Solange Rocket Lab operative Erfolge wie Militäraufträge und Satellitenstarts liefert und die Iridium-Übernahme als klare Wachstumsstrategie kommuniziert, dürfte der Markt die Verwässerung mittelfristig verschmerzen.
Kippt jedoch die Wahrnehmung – etwa weil sich Neutron weiter verzögert oder das ATM-Programm schneller als erwartet ausgeschöpft wird – droht der Kurs seine Handelsspanne zum 52-Wochen-Tief von 32,60 Euro erneut zu testen.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Abschluss der Iridium-Transaktion selbst sowie ein belastbarer neuer Zeitrahmen für den Neutron-Erstflug, den das Management bislang nur als „eng“ bezeichnet hat, ohne ein neues Datum zu nennen.
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