Ausgangslage
Rocket Lab steckt in einer Phase, in der zwei gegenläufige Kräfte gleichzeitig auf die Aktie wirken. Auf der einen Seite steht ein Auftragsbestand von 2,36 Milliarden Dollar, den eine Seeking-Alpha-Analyse vom Donnerstag als Beleg für die operative Stärke des Unternehmens anführt.
Auf der anderen Seite hat die Trump-Regierung über Verkehrsminister Sean Duffy am Mittwoch eine neue SPACE Task Force angekündigt, die bis 2035 jährlich 10.000 FAA-lizenzierte Starts und Wiedereintritte ermöglichen soll – ein Ziel, das die gesamte Weltraumbranche in eine neue Wachstumsdimension heben würde.
Ausgerechnet an diesem Tag verlor die Rocket-Lab-Aktie rund vier Prozent, während auch AST SpaceMobile, SpaceX-Papiere und Planet Labs nachgaben. Der aktuelle Kurs von 53,50 Euro liegt inzwischen 60 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 133,80 Euro und 15 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt.
Der RSI von 34,5 signalisiert eine überverkaufte Situation. Für Anleger stellt sich damit die Frage, ob die jüngste Schwäche eine Kaufgelegenheit in einer wachsenden Branche darstellt oder ob sie ein Vorbote ernsthafterer Probleme ist.
Die entscheidende Frage
Im Zentrum der Debatte steht die Neutron-Rakete. Die Seeking-Alpha-Analyse vom Donnerstag macht deutlich: Der prall gefüllte Auftragsbestand allein beseitigt das sogenannte „Neutron-Risiko“ nicht. Neutron ist Rocket Labs Antwort auf die mittelschwere Trägerklasse, mit der das Unternehmen dem Duopol aus SpaceX und Blue Origin Marktanteile abnehmen will.
CEO Peter Beck positioniert Rocket Lab bereits heute als drittgrößten Nutzlast-Startanbieter und verweist auf eine Raumfahrtindustrie, die sich von aktuell 360 Milliarden Dollar auf prognostizierte 1,7 Billionen Dollar in den kommenden fünf Jahren vervielfachen soll.
Doch ob Rocket Lab von diesem Wachstum überproportional profitiert, hängt maßgeblich davon ab, ob Neutron termingerecht und zuverlässig zum Einsatz kommt – nicht davon, wie viele Verträge bereits unterschrieben sind. Ein voller Auftragsbestand nützt wenig, wenn die Trägerrakete, die einen Großteil der künftigen Kapazität stemmen soll, Verzögerungen oder technische Rückschläge erleidet.
Bullisches Szenario
Für Optimisten spricht die strukturelle Nachfrageentwicklung. Die von der US-Regierung geplante Ausweitung der Startkapazitäten auf 10.000 Vorgänge jährlich bis 2035 – ausgehend von 217 US-Starts im Jahr 2025 – würde einen historischen Nachfrageschub bedeuten.
Verschärfend kommt hinzu, dass SpaceX laut Berichten vom Mittwoch keine dedizierten Falcon-9-Buchungen mehr für die Zeit nach 2028 annimmt, weil der Konzern sich auf Starship konzentriert. Das öffnet Wettbewerbern wie Rocket Lab, aber auch Konkurrenten wie Stoke Space oder The Exploration Company, ein Zeitfenster für zusätzliche Marktanteile.
Berenberg bestätigte am Donnerstag seine Kaufempfehlung für Rocket Lab mit einem Kursziel von 83 Dollar. Auch Peter Becks Verweis auf gebaute Mars-Sonden, die frühere NASA-Projekte in einem Bruchteil der Zeit realisierten, unterstreicht die operative Schlagkraft des Unternehmens jenseits des reinen Startgeschäfts.
Bärisches Szenario
Die Risikoseite ist ebenso ernst zu nehmen. Der Kapitalzufluss in Konkurrenten ist massiv: Stoke Space hat eine Serie-E-Finanzierung über eine Milliarde Dollar abgeschlossen, die Gesamtfinanzierung des Unternehmens liegt nun bei 2,3 Milliarden Dollar – Geld, das in eine vollständig wiederverwendbare Rakete fließt, deren erste Stufe bereits 2027 fliegen soll.
The Exploration Company sammelte parallel 450 Millionen Dollar ein. Der Wettbewerb um mittelschwere und schwere Nutzlastklassen verschärft sich also gerade in dem Segment, in dem Neutron antreten soll. Hinzu kommt die technische Unsicherheit selbst: Solange Neutron nicht im operativen Regelbetrieb fliegt, bleibt jede Wachstumsprognose für Rocket Lab an eine unbewiesene Annahme gekoppelt.
Die Kursreaktion vom Mittwoch – ein branchenweiter Rückgang trotz positiver Regierungsankündigung – zeigt zudem, dass Anleger regulatorische Ziele mit langem Zeithorizont bis 2035 skeptisch beurteilen und kurzfristig eher auf Gewinnmitnahmen setzen. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 24 Prozent unterstreicht den mittelfristigen Abwärtstrend.
Ausblick
Solange der Auftragsbestand weiter wächst und Neutron ohne größere Verzögerungsmeldungen auf den Erstflug zusteuert, bleibt das bullische Szenario intakt – gestützt durch die von der SPACE Task Force skizzierte Nachfrageperspektive und Rocket Labs Positionierung als etablierter dritter Anbieter.
Kippt jedoch die Neutron-Zeitplanung, oder gewinnen kapitalstarke Rivalen wie Stoke Space schneller an operativer Reife, dürfte der Bewertungsabschlag zum 52-Wochen-Hoch eher Bestand haben als sich zu schließen.
Der nächste konkrete Prüfstein für Anleger ist damit nicht eine weitere Auftragsmeldung, sondern der tatsächliche Fortschritt bei Neutron – jede belastbare Aussage zum Erstflugtermin dürfte die Aktie stärker bewegen als neue Vertragsabschlüsse.
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