Rekordumsatz, ein Milliarden-Auftragsbestand, ein weiterer Verteidigungsdeal in dreistelliger Millionenhöhe – und trotzdem bricht die Aktie ein. Für mich zeigt dieser Widerspruch genau das Dilemma, in dem Rocket Lab derzeit steckt: Das Geschäft wächst rasant, aber der Markt bezahlt dafür einen immer höheren Preis in Form von Verlusten und Verwässerungsfantasie.
Die Zahlen aus dem zweiten Quartal 2026 sprechen zunächst für sich: 234,1 Millionen US-Dollar Umsatz, ein Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragsbestand kletterte auf 2,36 Milliarden Dollar, ein Sprung um 137 Prozent. Das ist beeindruckendes Wachstum, keine Frage.
Doch der Verlust je Aktie von minus 0,08 Dollar verfehlte die Erwartungen um zwei Cent, und der freie Cashflow blieb mit minus 77,4 Millionen Dollar tief im Minus. Die Börse reagierte nachbörslich mit einem Kursrutsch von 7 Prozent – ein deutliches Signal, dass Anleger nicht mehr bereit sind, Wachstum um jeden Preis zu goutieren.
Verteidigungsaufträge als Rückgrat, nicht als Wunderwaffe
Der 397-Millionen-Dollar-Auftrag der US Space Force für die sogenannten „Flatellites“ – flache, stapelbare Satelliten zur Bedrohungsverfolgung im Rahmen des „Golden Dome“-Raketenabwehrsystems – ist strategisch bedeutsam.
Zusammen mit einem weiteren Auftrag über 266 Millionen Dollar für Raketenabwehr und einen Startplatz in Alaska unterstreicht er, dass Rocket Lab sich als verlässlicher Partner des US-Militärs etabliert hat.
Das Unternehmen wurde zudem in das erweiterte Space Data Network der Space Force aufgenommen, in einer Runde mit Northrop Grumman, Lockheed Martin und Amazon LEO for Government – prominente Gesellschaft für ein Unternehmen dieser Größenordnung.
Doch genau hier liegt für mich der Haken: Diese Aufträge sind Fixkosten-lastige Großprojekte mit langen Vorlaufzeiten. Sie füllen den Auftragsbestand, aber sie erklären nicht, warum die operativen Verluste trotz Rekordumsatz kaum schrumpfen. Die Ankündigung der Übernahme von Iridium, deren Konditionen bislang nicht offengelegt wurden, verstärkt zudem die Unsicherheit über künftige Kapitalbedarfe.
Wer zusätzlich noch die geplante Expansion nach Deutschland – die neu gegründete Rocket Lab Germany GmbH als regionales Zentrum für Konstellationsfertigung – und die für Ende 2026 avisierte Neutron-Rakete mitdenkt, erkennt: Hier wird auf mehreren Baustellen gleichzeitig investiert, während die Marge weiter auf sich warten lässt.
Der Kursverlauf spiegelt die Skepsis wider
Der Blick auf die Handelsdaten bestätigt diese Zurückhaltung. Der Schlusskurs von 55,60 Euro am Freitag liegt rund 58 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 133,80 Euro, das die Aktie erst im Mai markierte.
Innerhalb einer Woche verlor das Papier 11 Prozent, allein am Freitag ging es um 4,1 Prozent nach unten. Der RSI von 34,8 signalisiert zwar eine gewisse Überverkauftheit, doch die annualisierte Volatilität von 73 Prozent zeigt, wie nervös der Markt dieses Wachstumsversprechen derzeit handelt.
Bemerkenswert finde ich auch die Insider-Bewegung: Rocket-Lab-COO Frank Klein verkaufte Ende August im Rahmen eines vorab festgelegten Handelsplans knapp 35.600 Aktien für rund 2,4 Millionen Dollar. Solche Verkäufe nach Plan sind per se kein Alarmsignal, doch in einer Phase, in der die Aktie ohnehin unter Druck steht, verstärken sie das Störgefühl mancher Anleger zusätzlich.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich Rocket Lab als ein Unternehmen mit einer der überzeugendsten Wachstumsgeschichten im Raumfahrtsektor – aber auch mit einem Bewertungsproblem, das durch Rekordumsätze allein nicht gelöst wird. Die Verteidigungsaufträge und die geografische Expansion untermauern die langfristige Substanz der Story.
Solange jedoch operative Verluste und negativer Cashflow anhalten und Details zur Iridium-Übernahme fehlen, dürfte die Aktie volatil bleiben. Für mich überwiegt die Aussicht, dass der Markt erst dann wieder Vertrauen fasst, wenn aus Backlog-Wachstum tatsächlich Profitabilität wird – vorher bleibt Rocket Lab eine Wette auf die Zukunft, keine Bestätigung der Gegenwart.
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