Es gibt Momente, in denen ein Unternehmen mehr über seine Ambitionen verrät als jede Investorenpräsentation. Bei Rocket Lab war das gestern der Fall: Der Raumfahrtkonzern meldete, die Übernahme von Iridium Communications vollständig finanziert zu haben – inklusive eines abgeschlossenen Aktienprogramms über 1,94 Milliarden Dollar.
Wer ein Unternehmen dieser Größenordnung kauft, verlässt die Nische der reinen Trägerraketenbauer endgültig. Rocket Lab will offenbar mehr sein als ein Zulieferer für Satellitenstarts – es will Teil der Infrastruktur des erdnahen Orbits werden.
Diese Ambition kostet Geld, und sie verwässert Anteile. Ein Programm dieser Größe bedeutet frisches Kapital über neue Aktien, was Bestandsaktionäre spüren.
Der Kurs steht bei 55,40 Euro, nur 0,7 Prozent über dem Vortagesschluss – von Euphorie über den Abschluss der Finanzierung ist an der Börse wenig zu sehen. Das passt zu einem Papier, das binnen 30 Tagen 22 Prozent verloren hat und sich damit deutlich von seinem 52-Wochen-Hoch entfernt hat.
Wer die vollständige Finanzierung eines Milliardendeals als reine Erleichterungs-Nachricht liest, übersieht, dass der Markt die Verwässerung längst eingepreist zu haben scheint.
Zwischen Solarzellen und Satellitenflotten
Während die Iridium-Übernahme das große strategische Signal ist, hat Rocket Lab in den vergangenen Wochen an mehreren Fronten gleichzeitig gearbeitet.
Anfang September stellte das Unternehmen mit IMM Apex eine neue Generation von Weltraum-Solarzellen vor – germaniumfrei, mit einer Umwandlungseffizienz von 31,5 Prozent zu Beginn der Lebensdauer und laut Unternehmensangaben 40 Prozent leichter als konventionelle Mehrfachübergangs-Zellen. Das ist keine Randnotiz: Wer Satellitenflotten in großer Zahl betreiben will – und genau das plant Rocket Lab mit Iridium im Rücken –, braucht Komponenten, die unabhängiger von knappen kritischen Mineralien sind.
Parallel dazu läuft das operative Geschäft unbeirrt weiter. Am 11. September startete die 16. Electron-Mission des Jahres, benannt „Happily Ever Faster“, vom neuseeländischen Launch Complex 1. An Bord: ein Erdbeobachtungssatellit für einen nicht genannten Kunden, gebracht in eine kreisförmige Umlaufbahn von 500 Kilometern Höhe. Es war der 95. Flug der Electron-Rakete überhaupt – ein Beleg dafür, dass Rocket Lab trotz aller strategischen Großprojekte sein Kerngeschäft nicht vernachlässigt.
Bereits Anfang des Monats hatte die Rakete mit einer weiteren Mission einen Erdbeobachtungssatelliten für Synspective Inc. ins All gebracht, ihren 94. Flug.
Was die Wall Street daraus macht
Raymond James nahm die Beobachtung von Rocket Lab am 11. September mit einem Kursziel von 80 Dollar und dem Votum „Outperform“ auf. Das Analysehaus setzt damit auf eine Neubewertung, die weit über dem aktuellen Kursniveau liegt – ein Vertrauensvorschuss für ein Unternehmen, das gerade Milliarden in eine Übernahme steckt, deren Früchte erst noch reifen müssen.
Genau darin liegt die eigentliche Frage für Anleger: Kauft man hier ein Raketenunternehmen, das nebenbei in Satellitenkommunikation diversifiziert – oder ein Infrastrukturunternehmen im Aufbau, das zufällig noch Raketen baut? Die Antwort ist womöglich beides zugleich, und genau das macht die Bewertung so schwierig.
Ein Unternehmen, das gleichzeitig eine Milliardenübernahme stemmt, neue Solarzellentechnologie vermarktet und im Wochentakt Raketen startet, verfolgt eine Strategie mit vielen beweglichen Teilen. Die Finanzierung von Iridium ist abgeschlossen. Ob sich die Wette auszahlt, entscheidet sich erst, wenn aus zwei Unternehmen tatsächlich eines wird – operativ, kulturell und finanziell.
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