Fast die gesamte Iridium-Anlegerschaft hat gestern den Weg frei gemacht: Rund 99,6 Prozent der abgegebenen Stimmen votierten für die Fusion mit Rocket Lab. Damit rückt eine der ehrgeizigsten Transaktionen der Raumfahrtbranche in greifbare Nähe. Für mich markiert dieses Votum einen strategischen Wendepunkt.
Gründer und Unternehmenschef Sir Peter Beck will Rocket Lab von einem reinen Trägerraketen-Spezialisten zu einem vertikal integrierten Raumfahrtkonzern formen. Anleger feierten den Meilenstein prompt: Im gestrigen Handel legte die Aktie um 5,2 Prozent zu und schloss bei 65,00 Euro.
Die strategische Logik hinter dem Zusammenschluss ist zweifellos bestechend. Durch Iridium erhält das Unternehmen nicht nur ein weltumspannendes Satellitennetzwerk mit über zweieinhalb Millionen Abonnenten, sondern auch begehrte Spektrumlizenzen und verlässliche operative Cashflows.
Bislang litt das Geschäftsmodell der Neuseeländer unter der typischen Krux des Raketenbaus: hohe Vorlaufkosten, schwankende Startfrequenzen und anhaltende Verluste im operativen Betrieb. Mit Iridium kauft sich Rocket Lab ein stabiles Fundament ein, das die Entwicklung künftiger Großprojekte wie der Neutron-Trägerrakete stützen soll.
Iridiums Ja-Wort ebnet den Weg
Gleichwohl halte ich Skepsis angesichts des Preisschilds für dringend geboten. Für die Transaktion wird ein Unternehmenswert von rund acht Milliarden US-Dollar veranschlagt.
Zwar konnte das Management die Barkomponente bereits über eine Aktienemission absichern, doch diese Maßnahme kostete die Altaktionäre bereits rund fünf Prozent Verwässerung. Rechnet man die Aktienkomponente für die Übernahme hinzu, könnte sich die Verwässerung letztlich auf bis zu zwölf Prozent belaufen.
Damit bürdet sich das Unternehmen erhebliche Lasten auf, während der reguläre Betrieb noch weit von nachhaltigen Überschüssen entfernt ist. Zwar hat die US-Kartellbehörde die Wartefrist bereits im August verstreichen lassen, die finale Genehmigung durch die Telekommunikationsbehörde FCC steht jedoch noch aus. Bis zum anvisierten Vollzug Mitte 2027 vergeht viel Zeit, in der behördliche Hürden oder Marktverwerfungen die Stimmung empfindlich trüben können.
Verwässerung und Schuldenlast als Bremsklotz
Auf der Habenseite steht eine operative Wachstumsdynamik, die im Raumfahrtsektor ihresgleichen sucht. Im zweiten Quartal 2026 kletterte der Umsatz auf den Rekordwert von 234 Millionen US-Dollar, was einem Zuwachs von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Gleichzeitig verzeichnete das Unternehmen im selben Quartal jedoch einen Nettoverlust von 49,3 Millionen US-Dollar.
Das Chance-Risiko-Profil spaltet daher die Gemüter an den Finanzmärkten. Andres Sheppard vom Analysehaus Cantor Fitzgerald sieht im aktuellen Niveau einen attraktiven Einstiegspunkt vor dem Erststart der Neutron-Rakete und dem Abschluss der Iridium-Übernahme.
Andere Marktbeobachter wie Investor Daniel Sparks mahnen dagegen zur Vorsicht und verweisen auf die ambitionierte Bewertung. Schließlich preist der Kurs bereits enorme Erfolge ein, während Rocket Lab zugleich bestehende Schulden von Iridium in Höhe von rund 1,8 Milliarden US-Dollar mittragen muss.
Das Urteil: Visionär, aber teuer erkauft
Trotz der jüngsten Kursgewinne notiert das Papier mit einem Abstand von minus 51 Prozent noch weit unter seinem 52-Wochen-Hoch. Für mich spricht vieles dafür, dass die industrielle Vision von Sir Peter Beck auf lange Sicht tragen kann: Die Kombination aus eigenen Trägerraketen, Komponentenfertigung und einem globalen Satellitennetzwerk besitzt erhebliche strategische Substanz. Kurz- bis mittelfristig überwiegen für mein Dafürhalten jedoch die finanziellen und integrationsbedingten Risiken.
Unterm Strich erkauft sich Rocket Lab den Sprung in die erste Liga der Raumfahrt mit hoher Verwässerung und beträchtlichen Verbindlichkeiten. Wer darauf vertraut, dass der Konzern die Integration meistert und parallel dazu die Neutron-Rakete erfolgreich an den Start bringt, begleitet eine faszinierende Wachstumsstory.
Vorsichtigere Anleger warten ab, ob die FCC-Freigabe reibungslos erfolgt und ob das Geschäftsmodell den Beweis antreten kann, auch unterm Strich profitabel zu wirtschaften.
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