Ein erfolgreicher Triebwerkstest reicht Rocket Lab, um die Talfahrt vorerst zu stoppen. Nach sechs schwachen Handelstagen in Folge springt die Aktie am Dienstag um 1,48 Prozent auf 68,60 Euro. Der Auslöser: ein kritischer Meilenstein für die geplante Neutron-Rakete.
Archimedes-Triebwerk besteht Feuertest
Rocket Lab hat am Montag einen vollständigen Brenntest des Archimedes-Vakuum-Triebwerks abgeschlossen. Das Unternehmen bezeichnete den Test als „kritische Vorbereitung für den ersten Neutron-Flug“. Das Triebwerk, kurz AVac genannt, soll die zweite Stufe der Rakete antreiben.
Technisch unterscheidet sich die Vakuum-Version deutlich von ihrem Gegenstück für die erste Stufe. Sie liefert etwa 1,2-mal so viel Schub und ist durch eine längere, für den Weltraum optimierte Düse 2,5 Meter höher. Neutron selbst ist eine 43 Meter lange Rakete für mittelschwere Nutzlasten. Sie soll bis zu 13.000 Kilogramm in die niedrige Erdumlaufbahn bringen und ihre erste Stufe künftig wiederverwenden.
Der Test kommt nach einem Rückschlag. Im Januar war während eines hydrostatischen Drucktests ein Treibstofftank der ersten Stufe geplatzt. Rocket Lab verschob daraufhin den Erstflug auf das späte Jahr 2026. Das Unternehmen erklärte, man teste Strukturen bewusst bis an ihre Grenzen, um Sicherheitsmargen zu validieren. Externe Berichte deuteten dagegen auf notwendige Änderungen in Fertigung und Konstruktion hin.
Kursverlauf zeigt tiefe Wunden
Die gute Nachricht kann den Kurseinbruch der vergangenen Wochen nur teilweise ausgleichen. Binnen 30 Tagen hat die Aktie 27,33 Prozent verloren. Vom 52-Wochen-Hoch bei 133,80 Euro, erreicht am 27. Mai 2026, liegt der Titel noch immer 48,73 Prozent entfernt.
Der Absturz wirkt umso schärfer, weil das große Bild eigentlich positiv aussieht. Auf Jahressicht steht die Aktie noch immer 84,41 Prozent im Plus. Der Rutsch der vergangenen Wochen deutet darauf hin, dass hier mehr als nur unternehmensspezifische Sorgen im Spiel sind.
Ein Grund dafür liegt außerhalb von Rocket Lab. Die Investmentbank Bernstein bezeichnete China kürzlich als „führenden Konkurrenten“ von SpaceX. Auslöser war die Landung einer wiederverwendbaren ersten Stufe der chinesischen Rakete Long March 10B am 10. Juli — die erste erfolgreiche Bergung einer orbitaltauglichen Raketenstufe des Landes über eine seegestützte Netz-und-Haken-Plattform. Das Ereignis rüttelt an der Annahme, wiederverwendbare Raketentechnik sei eine rein amerikanische Domäne.
Neutron-Zeitplan bleibt im Blick
Der Erstflug von Neutron zählt zu den am genauesten beobachteten Katalysatoren für die Aktie. Die Rakete soll Rocket Labs Weg zu einem vollständig vertikal integrierten Start- und Satellitengeschäft ebnen. Firmengründer und CEO Sir Peter Beck nannte als nächsten sichtbaren Fortschritt die „Platzierung von Bauteilen auf Teststationen“ — Vorbereitung für den geplanten Neutron-Start im vierten Quartal 2026. Man arbeite an einem „ambitionierten Zeitplan“, so Beck.
Die kommerzielle Nachfrage wächst bereits, bevor die Rakete überhaupt geflogen ist. Ein im Mai angekündigter Mehrfachstart-Vertrag umfasst fünf Neutron- und drei Electron-Missionen für einen nicht namentlich genannten Kunden, verteilt auf die Jahre 2026 bis 2029. Der Auftragsbestand für Neutron füllt sich damit rasant — ein bemerkenswerter Fortschritt für eine Rakete, die noch keinen einzigen Flug absolviert hat.
Mit einem RSI von 35,8 gilt die Aktie derzeit als überverkauft. Die annualisierte Volatilität der vergangenen 30 Tage liegt bei knapp 99 Prozent und zeigt, wie empfindlich der Titel sowohl auf Unternehmensnachrichten als auch auf Branchenstimmung reagiert. Der nächste wichtige Termin für Anleger dürfte der Quartalsbericht im August werden, parallel zum weiteren Fortschritt Richtung Neutron-Erstflug Ende 2026.
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