Peter Beck hat für seine Firma ein kurioses Bild gewählt: Rocket Lab soll zur „self-licking ice cream“ werden – ein Unternehmen, das sich selbst nährt, weil es nicht nur Raketen baut, sondern auch die Satelliten, die darauf fliegen, und irgendwann auch die Dienste, die diese Satelliten anbieten.
Wer diesen Satz ernst nimmt, versteht auch, warum Rocket Lab an diesem Donnerstag mit einem waschechten Milliardendeal in den Schlagzeilen steht: der geplanten Übernahme von Iridium.
Das ist die eigentliche Geschichte hinter der Aktie, die heute um 2,8 Prozent auf 68,40 Euro nachgibt und sich damit rund acht Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt bewegt. Nicht Neutron, nicht der nächste Raketenstart – sondern die Frage, ob aus einem Trägerraketen-Bauer ein vertikal integrierter Weltraumkonzern werden kann.
Ein Deal von der Größenordnung des ganzen Unternehmens
Rocket Lab reichte am heutigen Donnerstag bei der US-Börsenaufsicht ein Formular 8-K ein, das detaillierte Finanzdaten von Iridium sowie Pro-forma-Zahlen für die geplante Fusion enthält. Der Vertrag stammt vom 28. Juni, das Volumen des Zusammenschlusses wird mit einem Unternehmenswert von rund 8 Milliarden Dollar angegeben.
Iridium-Aktionäre sollen 27,00 Dollar in bar sowie zwischen 0,24 und 0,40 Rocket-Lab-Aktien je Anteil erhalten. Finanziert wird ein Teil über einen Brückenkredit von 3,6 Milliarden Dollar zu rund acht Prozent Zinsen – kein Pappenstiel für ein Unternehmen, das selbst noch tief in den roten Zahlen steckt.
Die Pro-forma-Zahlen aus der Einreichung zeigen das Ausmaß der Wette: Für das erste Halbjahr 2026 weisen die kombinierten Größen einen Umsatz von 878,7 Millionen Dollar aus, bei einem Nettoverlust von 154,7 Millionen Dollar.
Für das Gesamtjahr 2025 wären es 1,47 Milliarden Dollar Umsatz gegenüber einem Verlust von 203 Millionen Dollar gewesen. Iridium selbst bringt ein Satellitennetzwerk mit 66 Satelliten, mehr als 2,5 Millionen Abonnenten und über 870 Millionen Dollar Jahresumsatz mit in die Ehe. Das ist kein Nebenprojekt, das ist ein zweites Standbein.
Der Markt reagierte zunächst euphorisch: An der Nasdaq sprang die Aktie am Tag der Ankündigung um knapp 16 Prozent nach oben, während der Gesamtmarkt ebenfalls kräftig zulegte. Inzwischen ist die Euphorie einer nüchterneren Betrachtung gewichen – auch weil das operative Geschäft selbst gemischte Signale sendet.
Zwischen Rekordumsatz und Zweifeln an der Bewertung
Im zweiten Quartal erzielte Rocket Lab einen Rekordumsatz von 234,07 Millionen Dollar, ein Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragsbestand kletterte auf 2,36 Milliarden Dollar.
Trotzdem verfehlte das Unternehmen die Gewinnschätzung: Der Verlust je Aktie lag bei 8 Cent, der Konsens hatte nur 6 bis 7 Cent erwartet. Für das dritte Quartal stellt das Management einen Umsatz zwischen 250 und 265 Millionen Dollar in Aussicht.
Analyst Tim Farrar brachte kürzlich aus, was viele im Sektor denken, aber selten so deutlich sagen: Rocket Lab und AST SpaceMobile würden dem Playbook von SpaceX folgen, trügen dabei aber „sehr überhöhte Bewertungen“ – und die Neutron-Rakete, Rocket Labs zentrales Zukunftsprojekt neben Iridium, verzögere sich weiter. Ein Erststart im laufenden Jahr gilt inzwischen als sportlich, viele Beobachter rechnen erst mit 2027.
Die Wall Street bleibt trotzdem mehrheitlich zuversichtlich. Cantor Fitzgerald hob das Kursziel am heutigen Tag von 96 auf 122 Dollar an und bestätigte das Overweight-Rating, mit Verweis auf den über den Erwartungen liegenden Quartalsumsatz.
Weitere Häuser wie Roth Capital, Craig Hallum, KeyCorp und TD Cowen siedeln ihre Ziele zwischen 120 und 135 Dollar an, der Konsens liegt bei rund 110,65 Dollar auf „Moderate Buy“. Bemerkenswert am Rande: CEO Peter Beck selbst verkaufte Anfang Juli knapp eine Million Aktien zu 82,86 Dollar – ein Detail, das Anleger im Hinterkopf behalten dürfen, ohne es zu überbewerten.
Die größere Frage bleibt offen
Parallel zur Übernahme treibt Rocket Lab auch die technische Basis voran: Das Archimedes-Triebwerk hat mittlerweile über 400 Heißfeuertests absolviert, der komplette Triebwerkssatz für die erste Neutron-Rakete geht in Produktion.
Zugleich gründet das Unternehmen mit der Rocket Lab Germany GmbH einen deutschen Ableger für Satellitenfertigung – passend zum Umstand, dass Deutschland bis 2030 mehr als 40 Milliarden Dollar in Raumfahrt und Verteidigung investieren will.
All das fügt sich zu einem Bild: Rocket Lab baut nicht mehr nur Raketen, sondern eine ganze Wertschöpfungskette rund um den Orbit. Ob sich diese „sich selbst nährende“ Struktur wirklich rechnet, oder ob sie am Ende nur mehr Schulden und mehr Komplexität bedeutet, wird sich erst zeigen, wenn Iridium tatsächlich integriert ist und Neutron tatsächlich fliegt. Bis dahin bleibt die Aktie ein Spiegel dieser offenen Frage – mit allen Ausschlägen, die das mit sich bringt.
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