Ein verlorener Auftrag ist noch keine verlorene Strategie – aber er legt schonungslos offen, wo Rocket Lab derzeit steht. Am Dienstag vergab die NASA einen Mars-Kommunikationsauftrag mit einem Volumen von bis zu 700 Millionen Dollar an Blue Origin. Rocket Lab ging leer aus, die Aktie gab in der Nacht darauf um 2 Prozent nach. Für mich ist das der eigentliche Nachrichtenkern dieser Woche, nicht die schon mehrfach durchgekaute Iridium-Geschichte.
Ein verlorener Auftrag, viele bestehende
Man sollte die Kirche im Dorf lassen: Rocket Lab ist im Alltagsgeschäft keineswegs ins Straucheln geraten. Am Mittwoch startete die 94. Electron-Rakete, um einen weiteren Erdbeobachtungssatelliten für den Kunden Synspective ins All zu bringen – bereits der 15. Start des laufenden Jahres.
Für die verbleibende Synspective-Konstellation liegen noch 16 weitere Missionen im Auftragsbuch, abzuarbeiten bis 2030. Das ist Kontinuität, wie man sie sich als Anleger wünscht. Und dennoch: Der Mars-Zuschlag wäre ein Signal gewesen, dass Rocket Lab auch bei Großaufträgen jenseits des Kerngeschäfts mit den etablierten Playern mithalten kann. Genau dieses Signal blieb aus.
Bezeichnend finde ich, dass der Rückschlag ausgerechnet in eine Phase fällt, in der das Unternehmen ohnehin unter Beobachtung steht. Firmengründer Peter Beck hatte zuletzt eingeräumt, dass sich das Zeitfenster für einen Neutron-Start noch in diesem Jahr „verengt“.
Die neue Trägerrakete soll im vierten Quartal zum Startplatz in Virginia geliefert werden, muss dort aber noch integrierte Tests, Static-Fire-Versuche und Nassproben durchlaufen – ein enger Zeitplan, der wenig Puffer für Überraschungen lässt.
Immerhin: Die „Hungry Hippo“-Verkleidung von Neutron hat laut Fachberichten sämtliche Tests und Integrationsschritte abgeschlossen, und das Unternehmen hat inzwischen Hunderte Zündtests des Archimedes-Triebwerks absolviert. Technisch bewegt sich also etwas – nur eben nicht schnell genug, um den Markt vollends zu beruhigen.
Zahlen sprechen für sich, Kurs spricht dagegen
Wer nur auf die operative Substanz schaut, findet durchaus Argumente für Optimismus. Für das dritte Quartal stellt Rocket Lab einen Umsatz zwischen 250 und 265 Millionen Dollar in Aussicht, bei einer GAAP-Bruttomarge von 29 bis 31 Prozent.
Der Auftragsbestand war im zweiten Quartal auf ein Rekordniveau von 2,36 Milliarden Dollar gewachsen, und seither kamen im dritten Quartal bereits weitere Verträge über mehr als eine Milliarde Dollar hinzu. Das sind Zahlen, die zu einem Wachstumsunternehmen passen – nicht zu einem, dessen Aktie binnen 30 Tagen 16 Prozent verloren hat und aktuell 22 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt notiert.
Diese Diskrepanz zwischen operativer Dynamik und Kursentwicklung ist für mich der eigentliche Knackpunkt. Der Markt preist offenbar nicht nur die Neutron-Verzögerung ein, sondern auch generelle Unsicherheit über Ausführungsrisiken – verstärkt durch Insiderverkäufe von Führungskräften wie Betriebschef Frank Klein und Rechtschef Arjun Kampani Ende August, auch wenn diese im Rahmen vorab festgelegter 10b5-1-Pläne erfolgten und daher kein akutes Alarmsignal darstellen.
Bemerkenswert finde ich dagegen, dass Cathie Woods ARK Invest genau in dieser Phase wachsender Neutron-Sorgen über 700.000 Aktien zukaufte – ein antizyklisches Signal, das man nicht überbewerten, aber auch nicht ignorieren sollte.
Mein Fazit
Der verpasste Mars-Auftrag schmerzt symbolisch mehr als finanziell – Rocket Lab verliert dadurch keine Wachstumsstory, aber einen Beleg dafür, dass man auch bei prestigeträchtigen NASA-Vergaben mithalten kann. Entscheidender bleibt die Neutron-Frage: Gelingt der Start noch 2026, dürfte das den Bewertungsabschlag rechtfertigen, den der Kurs derzeit erleidet, zumindest teilweise korrigieren.
Verzögert sich das Projekt weiter, wird die Geduld der Anleger auf eine härtere Probe gestellt, so überzeugend die Auftragslage im Kerngeschäft auch bleibt. Unterm Strich überwiegt für mich derzeit die operative Substanz die kurzfristigen Rückschläge – aber die Neutron-Uhr tickt lauter, als es dem Unternehmen lieb sein kann.
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