Raumfahrt fasziniert, bis die Physik zurückschlägt. Genau das erlebt Rocket Lab gerade an der Börse. Der Kurs ist binnen weniger Wochen vom Rekordhoch regelrecht abgestürzt. Die Frage, die Anleger jetzt umtreibt: Wiegt das Risiko rund um die neue Neutron-Rakete schwerer als ein prall gefülltes Auftragsbuch mit Regierungs- und Verteidigungskunden?
Am Mittwoch schloss die Aktie bei 51,20 Euro. Das liegt 61,73 Prozent unter dem Rekordhoch, das Rocket Lab erst Ende Mai erreicht hatte. Wer im Frühjahr auf die Erzählung vom „Weltraum für alle“ gesetzt hat, sitzt jetzt auf einem der brutalsten Ausverkäufe der Branche.
Neutron als Belastung
Der Hauptgrund für den Kurssturz sitzt in Mississippi. Dort, am Stennis Space Center der NASA, testet Rocket Lab sein Archimedes-Triebwerk für die neue Neutron-Rakete. Neutron soll perspektivisch mit SpaceX‘ Falcon 9 konkurrieren – ein ambitioniertes Ziel für einen deutlich kleineren Konzern.
Am 14. Juli gelang ein wichtiger Fortschritt: ein erfolgreicher Vollbrand der zweiten Stufe über die komplette Branddauer. Die Erleichterung hielt nicht lange. Der Markt erinnert sich noch gut an einen Fertigungsfehler früher im Jahr, der bei einem Static-Fire-Test zum Bruch eines Treibstofftanks führte. Der Erststart von Neutron ist für das vierte Quartal 2026 angesetzt, und Zweifel an der pünktlichen Umsetzung drücken seither auf die Bewertung.
Damit hat sich die Erzählung um die Aktie fundamental verschoben. Nicht mehr der Traum vom Mini-SpaceX treibt den Kurs, sondern die nüchterne Realität des Raketenbaus mit seinen Rückschlägen.
Milliarden-Auftragsbuch trotz Ausverkauf
Während der Kurs taumelt, wächst das operative Geschäft weiter. Rocket Lab hat sich zu einem vertikal integrierten Raumfahrt-Infrastrukturanbieter entwickelt. Die Sparte Space Systems trägt inzwischen einen erheblichen Teil zum Umsatz bei, der im ersten Quartal 2026 mit 200,3 Millionen Dollar einen Rekord erreichte.
Noch aussagekräftiger ist der Auftragsbestand: Er kletterte bis Mai 2026 auf über 2,2 Milliarden Dollar. Dahinter steht eine bewusste Strategie – weg von Einzelstarts, hin zu langfristigen Regierungs- und Verteidigungsverträgen.
Diese Positionierung zahlt sich aus. Als Zulieferer von Raytheon (RTX) arbeitet Rocket Lab am Space Based Interceptor-Programm des US-Verteidigungsministeriums mit und bringt dort seine Antriebs- und Bus-Technologie ein. Der Konzern rückt damit tiefer in die Raketenabwehr-Architektur der USA vor. Erst am 27. Juli kam ein weiterer Auftrag hinzu: 266 Millionen Dollar für zwölf suborbitale HASTE-Starts zur Erprobung von Hyperschall-Technologie.
Überverkauft oder zurecht abgestraft?
Aus charttechnischer Sicht sieht die Aktie deutlich überverkauft aus. Der 14-Tage-RSI ist auf 29,2 gefallen – ein Niveau, bei dem der Verkaufsdruck historisch oft nachlässt. Bei einer Marktkapitalisierung von 35,11 Milliarden Euro klafft für viele institutionelle Bewertungsmodelle eine Lücke zwischen Kurs und Geschäftsentwicklung.
Die Analystengemeinde bleibt mehrheitlich optimistisch. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 100,40 Euro – fast doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs. Das würde bedeuten: Der Markt preist gerade primär die kurzfristigen Testrisiken ein, nicht die langfristige Infrastruktur-Wette.
Für Rocket Lab werden die kommenden Monate mehr sein als ein weiterer Quartalsbericht. Der geplante Neutron-Erststart im vierten Quartal wird zeigen, ob das Unternehmen den Rückschlag vom Frühjahr tatsächlich überwunden hat. Bis dahin bleibt die Aktie ein Schlachtfeld. Auf der einen Seite stehen jene, die einen aufstrebenden Infrastruktur-Konzern sehen. Auf der anderen jene, die die hohen Kosten des Weltraumgeschäfts fürchten.
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