Es gibt Unternehmen, die man an einer einzigen Kennzahl misst. Rocket Lab ist keines davon. Wer in diesen Wochen auf die Aktie schaut, sieht ein Unternehmen, das gleichzeitig ein Raketenprogramm bewegt, einen Milliardenzukauf durch die Regulierungsmühlen schiebt und sein Kapitalpolster auffüllt – während der Kurs seit dem 52-Wochen-Hoch im Mai bereits 56 Prozent verloren hat. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen operativer Betriebsamkeit und Kursskepsis lohnt der Blick.
Am deutlichsten zeigt sich die operative Seite im Kerngeschäft: Electron. Am vergangenen Donnerstag flog die 93. Mission der Trägerrakete, der 14. Start des Jahres, und brachte einen SAR-Erdbeobachtungssatelliten des japanischen Anbieters iQPS ins All. Es war bereits der neunte QPS-SAR-Satellit, den Rocket Lab erfolgreich ausgesetzt hat – mit einer makellosen Erfolgsquote.
Neun weitere dedizierte Starts für iQPS sind bis 2030 fest gebucht. Das ist die Seite des Geschäfts, die verlässlich funktioniert: ein etabliertes Trägersystem, ein wiederkehrender Kunde, ein planbarer Auftragsfluss.
Der große Umbau: Iridium als Testfall
Die eigentliche strategische Wette liegt woanders. Am 13. August meldete Rocket Lab wesentlichen Fortschritt bei der geplanten Übernahme von Iridium Communications: Die Wartezeit nach dem US-Kartellrecht ist abgelaufen, das Formular S-4 wurde bei der SEC eingereicht, und beide Unternehmen haben gemeinsam Anträge bei der US-Regulierungsbehörde FCC gestellt, um die Übertragung von Iridiums Lizenzen zu genehmigen. Das war kein isolierter Schritt – bereits am 10. August hatten Rocket Lab und Iridium die entsprechenden FCC-Unterlagen eingereicht. Der Deal bewegt sich also, Behörde für Behörde, näher an den Abschluss.
Parallel zur Übernahme hat Rocket Lab seine Finanzierungsbasis erweitert: Ein neues Aktienprogramm mit Deutsche Bank Securities und Wells Fargo Securities als Platzierungspartnern erlaubt den Verkauf von Stammaktien im Gesamtwert von bis zu 1,944 Milliarden Dollar. Es ersetzt ein älteres Programm von Mai 2026 und übernimmt dessen nicht ausgeschöpftes Volumen.
Für Anleger heißt das: Rocket Lab sichert sich finanziellen Spielraum, mutmaßlich auch für die Integration von Iridium – aber jede zusätzliche Aktienausgabe verdünnt bestehende Anteile.
Zahlen, die tragen – und ein Testflug, der noch aussteht
Die Grundlage für diese Ambitionen liefern die Geschäftszahlen: Im zweiten Quartal 2026 erzielte Rocket Lab einen Umsatz von 234 Millionen Dollar bei einem Verlust von 0,08 Dollar pro Aktie.
Das Unternehmen selbst sprach von Rekordergebnissen und verwies auf neue Aufträge von mehr als einer Milliarde Dollar, die während und nach dem Quartal unterzeichnet wurden. Der Auftragsbestand liegt inzwischen über 2,3 Milliarden Dollar – eine Zahl, die Vertrauen in die kommenden Jahre signalisiert, selbst wenn das Unternehmen noch defizitär arbeitet.
Der eigentliche Hebel für die Bewertung bleibt aber die Neutron-Rakete, deren Erstflug sich seit rund zwei Wochen verzögert hat – die Aktie notiert seither 16,2 Prozent niedriger. Finanzchef Adam Spice sagte laut Medienberichten, ein erfolgreicher Testflug könne das Unternehmen bereits im Folgequartal in ein positives bereinigtes operatives Ergebnis führen.
Auch die wiederverwendbare Verkleidung mit dem Spitznamen „Hungry Hippo“ habe einen wichtigen Testmeilenstein erreicht, während Rocket Lab weiterhin eine Anlieferung zur Startrampe im vierten Quartal 2026 anpeilt.
Dazu passt die jüngste Produktankündigung: GHOST, ein containerbasiertes, portables Startsystem für Electron- und HASTE-Missionen, soll künftig mehr Flexibilität bringen – etwa für sicherheitsrelevante und hyperschall-bezogene Einsätze. Es ist, wie das Unternehmen selbst betont, zunächst eine Konzeptvorstellung, kein einsatzbereites System.
Mit einem RSI von 38,4 und einem Kurs deutlich unter dem 50- und 200-Tage-Durchschnitt spiegelt der Markt derzeit mehr Zweifel als Zuversicht. Ob sich das ändert, hängt weniger an Electron oder GHOST als an zwei konkreten Terminen: dem Fortgang der Iridium-Genehmigungen und dem ersten Neutron-Start. Beides liegt noch vor dem Unternehmen – nicht hinter ihm.
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