Liebe Leserinnen und Leser,
für Rheinmetall hat sich die Situation vor dem letzten Tag der Woche in keiner Weise entspannt. Die Notierungen sind am Donnerstag um 1,25 % nach unten gelaufen. 963,90 Euro stehen am Ende auf den Kurstafeln. Die Aktie hatte im Tagesverlauf einmal versucht, kurz über 950 Euro zu klettern. Das gelang ihr allerdings nicht.
Die Notierungen sind bei einem Börsenwert von circa 45 Milliarden Euro derzeit wie eingesperrt. Es gibt aktuell kaum Aussichten für das Unternehmen, sich kurzfristig deutlich nach oben zu schieben. Dies ist jedenfalls der Eindruck. Alle Analystenstimmen sind bislang an der Börsenwirklichkeit abgeprallt.
Rheinmetall enttäuscht an den Börsen weiterhin
Kürzlich fand ein NATO-Gipfel statt, der Hoffnung weckte, dass sich Rheinmetall wie auch andere Unternehmen aus der Rüstungsindustrie wieder deutlich nach oben entwickeln könnten. Genau das findet derzeit jedoch nicht statt. Dafür gibt es Gründe, und diese Gründe sind offenbar aktuell kursbestimmend.
So hat die NATO ihren Fokus offenbar – oder zumindest möglicherweise – etwas verändert. Statt schwerer Landsysteme, die das Kerngeschäft von Rheinmetall darstellen, also beispielsweise Panzer, verlagert sich das Interesse bei neuen Investitionen. Wenn die Staaten bei ihren Investitionen mitziehen, geht es stärker auf moderne Technologien wie Weltraumsysteme, Luftverteidigung sowie Drohnen und Anti-Drohnen-Systeme.
In diesen Segmenten verfügt Rheinmetall ebenfalls über Kompetenzen und hat hierzu auch neue Projekte, Kooperationen und Vereinbarungen vorgestellt. Allerdings ist diese Verschiebung der NATO-Schwerpunkte an den Börsen bezogen auf Rheinmetall oder auch RENK bislang nicht besonders gut angekommen.
Börsen bestrafen die Verschiebung der NATO-Interessen
Rheinmetall Aktie Chart
Zudem hatte Rheinmetall auch unabhängig von diesem NATO-Gipfel mit schwierigen Nachrichten zu kämpfen. Vor einigen Wochen wurde ein Großauftrag entgegen den Erwartungen nicht vergeben. Es ging um das F126-Fregattenprogramm. Dieses hätte ein potenzielles Auftragsvolumen von gut 12,8 Milliarden Euro umfasst. Rheinmetall hatte sich im Vorfeld durch Investitionen in die Marinesparte entsprechend positioniert. Die Aktie gab am Tag der Bekanntgabe unmittelbar um rund 18 % nach.
Das damals erreichte Kursniveau hat die Aktie im Grunde bis heute nicht nachhaltig verlassen. Zwischenzeitlich war zwar eine Erholung auf über 1.100 Euro gelungen, inzwischen notiert das Papier jedoch wieder relativ stabil unterhalb der Marke von 1.000 Euro.
Börsen zweifeln an den Kapazitäten
Ein weiterer Grund für die aktuellen Schwierigkeiten, die im Grunde schon seit Monaten bestehen und zuletzt noch einmal zugenommen haben, sind offenbar Zweifel an der Abarbeitung der Aufträge. Rheinmetall hatte bei der Vorlage der Zahlen zum ersten Quartal einen Rekordauftragsbestand von 73 Milliarden Euro gemeldet. Investoren bezweifelten offenbar schon damals, dass das Unternehmen diese Aufträge innerhalb der geplanten Zeiträume in Umsatz und damit auch in Cashflow umwandeln kann.
Damit ergeben sich aus Sicht des Marktes zwei Angriffspunkte. Zum einen muss das Unternehmen zusätzliche Kapazitäten aufbauen. Daran wurden insbesondere im Zusammenhang mit der Diskussion über steigende Zinsen Zweifel geäußert.
Zum anderen wurde infrage gestellt, ob der Cashflow ausreichend ist beziehungsweise künftig ausreichen wird. Mit anderen Worten: Dem Unternehmen fehlt nach Auffassung des Marktes möglicherweise Liquidität für den Kapazitätsausbau. Angesichts der hohen Auftragsbestände erscheint diese Einschätzung allerdings bemerkenswert.
Die Zweifel im Markt sind erheblich
Dennoch scheint sich der Markt in dieser Sichtweise festgefahren zu haben. Dafür spricht auch, dass die gesamte Branche unter ähnlichem Druck steht. Offensichtlich wird der gesamte Rüstungssektor mit dem gleichen Vorwurf konfrontiert, nämlich mit möglichen Cashflow-Problemen beim Ausbau der Kapazitäten. Der Markt scheint hier für die gesamte Branche und damit auch für Rheinmetall eine einheitliche Einschätzung gefunden zu haben.
Tatsächlich dürfte die Situation für Rheinmetall jedoch deutlich günstiger sein, als es die Börsen derzeit widerspiegeln. Das F126-Projekt, von dem oben die Rede war, würde nach Angaben des Unternehmens im laufenden Jahr bis zu 300 Millionen Euro Umsatz kosten, sofern keinerlei Kompensation erfolgt. Bezogen auf den erwarteten Jahresumsatz von rund 14,2 Milliarden Euro ist dies zwar bedauerlich, stellt aber keinen gravierenden Einbruch dar. Sollte Rheinmetall entsprechende Kompensationen erreichen, bestünde hier sogar noch weiteres Potenzial.
Analysten haben sich die Situation gleichfalls angesehen
Auch Analysten haben diesen Sachverhalt aufgegriffen. Sie haben sich insbesondere mit den Wachstumszielen der Marinesparte beschäftigt. Diese wurden bis zum Jahr 2030 von ursprünglich 5 Milliarden Euro auf 3 Milliarden Euro Umsatz reduziert. Auch das ist bedauerlich. Vor dem Hintergrund, dass Rheinmetall bis zum Jahr 2030 insgesamt einen Jahresumsatz von rund 40 Milliarden Euro erreichen möchte, ist dieser Rückgang jedoch wirtschaftlich nicht so bedeutend, dass er einen derart starken Kursrückgang rechtfertigen würde.
Zudem hatte Rheinmetall die eigenen Planungen bereits angepasst. Der Aufbau von 1.900 Stellen im Marinebereich wurde gestoppt. Das bedeutet, dass auch auf der Kostenseite bereits reagiert wird.
Börse hat hier übertrieben
Insofern sind die wirtschaftlichen Folgen des gestoppten Fregattenprojekts durchaus nachvollziehbar. Der Kursrückgang der Rheinmetall-Aktie um mehr als 18 % beziehungsweise ein Börsenwertverlust von rund 11 Milliarden Euro erscheint dagegen kaum nachvollziehbar.
Hinzu kommt, dass Rheinmetall in den vergangenen Tagen weiterhin zahlreiche positive Nachrichten veröffentlicht hat. Unter anderem wurde bekannt, dass das Unternehmen einen Auftrag aus Großbritannien für das Heer erhalten hat. Das Auftragsvolumen liegt bei annähernd einer Milliarde Euro.
Neue Projekte im Anflug
Zudem wurde am 7. Juli bekannt, dass Rheinmetall und Lockheed Martin eine Absichtserklärung unterzeichnet haben. Ziel ist der Aufbau des ersten europäischen Produktionszentrums für ATACMS-Raketen.
Gut eine Woche später, vor nunmehr zwei Tagen, vereinbarte Rheinmetall mit Space Norway, einem staatlichen Unternehmen, eine weitere Kooperation. Dabei geht es um die weltraumgestützte Überwachung maritimer Räume. Die Lagebildkapazitäten der Marine sollen dadurch verbessert werden. Dies kann durchaus auch als Reaktion auf die neuen Schwerpunkte der NATO verstanden werden, insbesondere im Bereich Weltraum- und Luftverteidigung.
Außerdem wurde vor wenigen Tagen bekannt, dass MBDA Deutschland und Rheinmetall gemeinsam ein Hochenergie-Laserwaffensystem für die deutsche Marine entwickeln werden. Zwar liegt das Auftragsvolumen unter einer Milliarde Euro, dennoch zeigt auch dieses Projekt, in welche Richtung sich Rheinmetall strategisch entwickelt.
Bereits zuvor war zudem bekannt geworden, dass Rheinmetall gemeinsam mit dem kroatischen Unternehmen DOK-ING ein Joint Venture gründen wird. Ziel ist die Entwicklung und Produktion unbemannter Bodenfahrzeuge der nächsten Generation.
Auch diese Nachrichten hat der Markt in den vergangenen Tagen weitgehend ignoriert. Die Stimmung scheint sich also weiter eingetrübt zu haben. Dies zeigt sich schließlich auch in der tatsächlichen Entwicklung des Aktienkurses.
Aktienkurs ist technisch schwach
Die technischen Gegebenheiten für die Aktie sind geradezu katastrophal. Der Abstand zu den wichtigsten Trendindikationen ist ausgesprochen hoch. Der sogenannte GD200, der die mittelfristig bedeutendste Trendindikation darstellt, verläuft derzeit bei rund 1.550 Euro. Das heißt: Für die Entwicklung eines langfristigen Aufwärtstrends aus technischer Sicht hat die Aktie derzeit noch einen Rückstand von rund 600 Euro aufzuholen. Das ist gewaltig.
Zudem befindet sich das Unternehmen derzeit auch in anderer Hinsicht in einem massiven Abwärtstrend. Allein der Umstand, dass die Aktie die Marke von 1.000 Euro so deutlich unterschritten hat, ist für Charttechniker ein klares Signal, dass ein charttechnischer Abwärtstrend vorliegt. Die Aktie müsste genau diese Hürde zunächst wieder überwinden, um überhaupt eine Chance zu haben, in einen Aufwärtstrend zurückzukehren. Selbst bei 1.000 Euro wäre dies allerdings noch längst nicht erreicht.
Man kann jedoch davon ausgehen, dass die meisten charttechnisch und technisch orientierten Trendinvestoren hierin eine sehr deutliche Indikation dafür sehen, dass die Notierungen zunächst weiter nach unten laufen könnten.
Statistisch ist die Aktie unter die Räder gekommen
Auch statistisch betrachtet befindet sich das Papier in einer katastrophalen Situation. Immerhin hat die Rheinmetall-Aktie seit Jahresanfang bereits rund 38 % eingebüßt. Auch dies legt, selbst ohne weitere technische Indikatoren, den Schluss nahe, dass sich die Aktie klar im Abwärtstrend befindet.
All das gilt denjenigen Beobachtern, die sich – wie oben beschrieben – mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten auseinandersetzen, allerdings als rätselhaft. Rheinmetall dürfte nach ihrer Auffassung weiterhin deutlich größere Chancen besitzen. Dies sind in erster Linie Analysten, die darauf verweisen, dass das KGV im Laufe des Jahres derzeit auf rund 28 gesunken ist und im kommenden Jahr bei steigenden Gewinnen auf etwa 19 fallen dürfte. Das wäre aus historischer Sicht eine klare Unterbewertung.
Mittleres Kursziel ist wesentlich höher
Zudem sind die Analysten trotz einzelner Anpassungen ihrer Kursziele nach unten im Durchschnitt weiterhin der Meinung, dass die Aktie deutlich unterbewertet ist. Das mittlere Kursziel liegt derzeit bei rund 1.697 Euro. Dies entspricht einem Abstand von etwa 73 % gegenüber dem aktuellen Kurs. Das heißt: Die Analysten vertreten hier nahezu einhellig die Auffassung, dass die Aktie steigen muss. Die große Frage wird allenfalls sein, in welchem Ausmaß sie zulegen kann.
Trotz der jüngsten positiven Nachrichten stellt sich derzeit allerdings weiterhin die Frage, wann diese Entwicklung an der Börse tatsächlich einsetzen wird.
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